20:21 09 Dezember 2018
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    Hilfe, die Ichlinge kommen! Das Ego auf dem Vormarsch – Buchautorin

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    Gesellschaft
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    Valentin Raskatov
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    Ist unsere Gesellschaft in letzter Zeit ich-fixierter geworden? Hat sie den Blick für den Mitmenschen verloren? Ja, findet Buchautorin Heike Leitschuh. Hauptverantwortlich dafür ist ihr zufolge der Neoliberalismus. Als Gegenmittel sieht sie mehr Empathie, mehr ehrenamtlichen Einsatz und Projekte, die den Zusammenhalt stärken.

    Ein Rentner stirbt in einer Bank, während die Mitmenschen einfach über ihn drübersteigen. Gaffer behindern Rettungskräfte beim Einsatz, Autofahrer denken nicht mehr an Rettungsgassen. Unzufriedene Bahnreisende attackieren Schaffner. Zivilisten beschimpfen Polizisten. Kunden drohen mit schlechten Bewertungen für Extraleistungen. Und Smartphone-Nutzer torkeln blind durch die Gegend, gefesselt von einer sozialen Interaktion auf ihren Schirmen, blind für die Umwelt, unfähig zur Miteinander in der Realität. Alles Szenen aus unserem Alltag, alles Gegenstände unserer Berichterstattung.

    Wird der Mensch immer ich-fixierter, stellt sich die Frage? Gerät unsere Gesellschaft hier aus den Fugen? Und wenn ja: aus welchem Grund? Und wie lässt sich der Trend aufhalten? Mit diesen Fragen hat sich die Autorin Heike Leitschuh beschäftigt und ein Buch verfasst, das den Namen trägt: „Ich zuerst! Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip“. Sputnik hat mit der Autorin gesprochen.

    „Unglaubliche Gedankenlosigkeit im Umgang“

    „Ich beobachte schon seit ein paar Jahren, dass es ruppiger, unsolidarischer und unfreundlicher zugeht in unserer Gesellschaft. Aber im letzten Jahr häuften sich eine ganze Reihe von Ereignissen, die ich beobachtet habe, und da wurde langsam ein Bild daraus“, erklärt die Autorin die Entstehung ihres Buchs. Eigene Recherchen hätten dann das Bild bestätigt. Für die Autorin geht hier „eine Veränderung in der Kultur der Gesellschaft“ vor, und eine „Ich zuerst“-Haltung macht sich breit. „Eine unglaubliche Gedankenlosigkeit der Menschen im Umgang miteinander“ lässt sich demnach allerorten beobachten.

    Druck des Neoliberalismus zieht in den Alltag

    Es gibt aus Leitschuhs Sicht eine Reihe von Ursachen, die aber allesamt in einem Wirtschafsmodell zusammenlaufen, das unser aller Leben bestimmt: Neoliberalismus. Nach drei Jahrzehnten habe dieses Modell, das einen freien Konkurrenzkampf in der Wirtschaft zum erfolgreichsten Mittel für anhaltendes Wachstum erklärt, nicht nur auf der Arbeit zu harten Konkurrenzkämpfen geführt. Das ihn bestimmende Denken habe sich auch im Alltag breitgemacht. Die ständige Beschäftigung mit zu erbringenden Leistungen führe dazu, „dass unser Leben sehr verdichtet ist und dass man ein bisschen mit Scheuklappen durch die Gesellschaft läuft“.

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    „Schlaue“ Telefone und degradierte Mitmenschen

    Interviewpartnerin Heike Leitschuh
    © Foto :
    Interviewpartnerin Heike Leitschuh

    Als Brandbeschleuniger werden noch smarte Gerätschaften in diesen Prozess geworfen, die diese Tendenz noch verstärken, die Menschen sich noch stärker aus der sie umgebenden Welt ausklinken lassen. Das wirkt sich schließlich auf das gesellschaftliche Gefüge aus: Die Menschen werden unhöflicher, unfreundlicher, unachtsamer. Im Dienstleistungssektor werden Mitmenschen, Kassierer etwa, von manchem Zeitgenossen regelrecht zu Robotern degradiert, bemängelt die Autorin. „Dann kann man an der Kasse auch weitertelefonieren, während man bezahlt, und muss weder ‚Guten Tag‘ noch ‚Danke‘ noch ‚Auf Wiedersehen‘ sagen.“

    Gemeinschaftliche Werte auf dem Rückzug

    Das Problem an diesem Prozess ist nicht nur der negative Anstrich, der zuweilen gefährlich werden kann, wo die „Ichlinge“ – wie die Autorin sie nennt – auch noch Hilfe behindern. Es kommt auch hinzu, dass Menschen, die den Anforderungen der Neoliberalismus-Maschine nicht genügen, unter seine Räder geraten. Das sei bereits lange zu beobachten in Form der berühmten Schere zwischen Arm und Reich, merkt die Autorin an. „Neu ist aber, dass wir das jetzt als Kollateralschaden dieser Entwicklung auch in der Kultur unserer Gesellschaft merken, dass solidarisches, rücksichtsvolles, respektvolles Verhalten eher die Ausnahme geworden ist.“

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    Rechtsruck als Ergebnis des Konkurrenzkampfes

    Ein weiteres Ergebnis dieses Ich-Prozesses ist für die Autorin auch der Rechtsruck, der durch die Welt geht. „Ich glaube, dass mit dem Neoliberalismus sehr viele Menschen mit ihrer gesamten Biografie sich nicht mehr richtig beachtet und geschätzt fühlen. Das ist ein ziemlich ernstes Thema, dass wir inzwischen große Teile in der Bevölkerung haben, die ‚die Welt nicht mehr richtig verstehen‘, die sich von der Globalisierung und der Schnelligkeit bestimmter Entwicklungen überrollt fühlen, Angst haben um ihre Zukunft, um ihre Arbeitsplätze, um ihr soziales Auskommen, aber auch Angst haben, nicht mehr richtig mithalten zu können“, so die Autorin. Das mache das Spiel für Populisten besonders einfach. Aber die Populisten seien nicht das Problem, sondern eher ein Symptom. „Dahinter steht eine Beschädigung von Personen, die in unserer Gesellschaft keinen richtigen Platz mehr haben.“

    Weg aus dem Trend: Empathie, Ehrenamt, neue Projekte

    Verloren sind wir darum aber aus Sicht der Autorin noch nicht. „Meine These ist: Der Riss geht durch uns durch. Wir können in einer Minute extrem nett und hilfsbereit und freundlich sein, und in der nächsten Minute sind wir die Ichlinge, die keinen mehr zur Kenntnis nehmen. Das hängt immer davon ab, in welcher Situation wir gerade sind.“

    Empathie, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft funktionieren auch im engsten Kreis oft einwandfrei, aber: „Auf der Straße werden wir oft zu Rüpeln.“ Für den Alltagsgebrauch gilt also die Regel: Achtsamer sein, genauer hingucken. Auch die Spendenbereitschaft der Deutschen sei noch recht hoch, und viele engagieren sich noch ehrenamtlich. Alles Elemente, die zur Stärkung der Solidarität beitragen und der neoliberalen Ich-Fixiertheit entgegenstehen sollen.

    Von vielen jungen Leuten gingen schließlich großartige Ideen aus, die das Zusammenleben der Gesellschaft sozialer und ökologischer gestalten hülfen. Hier gebe es auch für die Politik noch eine Lektion zu lernen: „Die große Politik guckt immer dahin, wo man den großen Unterschied machen kann. Sie guckt auf die Konzerne, sie guckt nicht auf die kleinen Firmen, sie guckt auf die großen Projekte und nicht auf die kleinen. Ich glaube aber, dass in diesen kleinen Dingen etwas keimt und wächst“, betont Leitschuh. Da könne auch die Politik genauer hinschauen und gelegentlich mehr fördern.

    Interviewpartnerin Heike Leitschuh

    Das Interview mit Heike Leitschuh in voller Länge:

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    Tags:
    Neoliberalismus, Internet, Solidarität, Smartphones, Selbstsucht, Egoismus