21:21 18 November 2018
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    ein Kind (Symbolbild)

    Verlorene Generation: „Was willst Du werden, Kind?“ – „Ich will Hartzer werden“

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    Gesellschaft
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    Matthias Witte
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    Mecklenburg-Vorpommern gilt als das Armenhaus Deutschlands. Das zeigt sich auch anhand einer Studie zum Zusammenleben zwischen Arm und Reich in deutschen Großstädten. Demnach ist die Gefahr von Armen-Ghettos in Rostock und Schwerin am höchsten.

    Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat laut Ostseezeitung untersucht, wie sich in 74 deutschen Großstädten Einwohner, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, mit Normalverdienern mischen. Am wenigsten funktioniert das demnach in Rostock und Schwerin.

    Die Gründe sind vielschichtig, sagt Professor Ulf Groth, Sozialpädagoge und Geschäftsführer des Instituts für Weiterbildung in Neubrandenburg: „Man muss etwas zurückgehen. Zum einen waren die Städte in Deutschland Ende des 2. Weltkriegs unterschiedlich zerstört. Beim Wiederaufbau in der ehemaligen DDR hat man auch aufgrund der Zerstörungsmerkmale der jeweiligen Städte eine periphere Randneubebauung vorgenommen. Zu DDR-Zeiten waren diese Wohnungen wegen der Zentralheizungen beliebt. Heute sind sie immer mehr verkommen, zu Ansammlungen von Menschen aus einem Niveau. Das Fachwort heißt Segregation, dass also keine Durchmischung mehr in einem Wohnrevier zu finden ist.“

    Kinder sind die Leidtragenden

    Der Sozialpädagoge nennt als Beispiele für die Armen-Ghetto-Entwicklung die Stadtteile Am Dreesch in Schwerin und Lütten Klein in Rostock. „Mecklenburg-Vorpommern ist das Armenhaus der Nation“, sagt Groth und zählt einen weiteren Grund für die perspektivlose Situation der Bewohner auf. „Hier werden nach wie vor die niedrigsten Einkommen erzielt. Wir haben eine sehr hohe Armutspopulation. Das führt bei den steigenden Mieten im Nordosten aus der Not heraus zu der Ballung an bestimmten Gebieten.“ Darunter leiden vor allem die Kinder.

    „Wir haben Bereiche, in denen mehr als 50 Prozent der Nachbarn im SGB-2-Bezug sind – also Hartz IV beziehen. Wenn Kinder in einem solchen Milieu aufwachsen, sozusagen unter ihresgleichen, dann lernen sie eben keine anderen Lebensentwürfe kennen. Deshalb besteht die Gefahr, dass hier eine verlorene Generation heranwächst, die im späteren Alter von einer Teilhabe am Arbeitsmarkt abgelenkt ist. Dann ist der Lebensentwurf Hartz IV, morgens Fernsehen, und wenn man Kinder und Jugendliche fragt, was wollt ihr werden? ‚Wir wollen Hartzer werden.‘“

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    Nicht einmal mehr Platz für Träume wie Feuerwehrmann, Pilot oder Fußballprofi? „Das ist keine Realsatire“, sagt Groth. Lehrer berichten ihm regelmäßig von solchen Aussagen. „Hartz IV ist die Antwort auf den Berufswunsch, weil die Kinder einfach nichts Anderes kennengelernt haben.“

    „Wir können nicht die Plattenbauten wegsprengen“

    Es ist schwer nachzuvollziehen, warum in einem der reichsten Länder der Erde Kinder aufwachsen, deren einzige Perspektive Hartz IV ist. Damit dieser Zustand geändert wird, braucht es laut  Groth jede Menge Anstrengung: „Man kann ja nicht sagen, wir sprengen diese ganzen Plattenbausiedlungen weg. Also muss man Geld in die Hand nehmen, um in diesen Quartieren eine bessere Unterstützung und Förderung speziell der jungen Menschen und Kinder vorzunehmen, damit sie aus diesem Milieu herausfinden.“ Sonst wird es teuer.

    „Wer überhaupt keine Vorbilder hat und es nie gelernt hat zu arbeiten, der wird irgendwann arbeitsunfähig. Das ist eben das, was so eine verlorene Generation auszeichnet.“

    Um diese Generation zu retten oder zurückzuholen, bedürfe es eines enormen personellen Aufwands. „Das ist nicht mit irgendeinem Programm getan, bei dem die Bundesanstalt für Arbeit die Leute in irgendwelche Maßnahmen steckt. Das hat sich nicht bewährt.“

    Immerhin gebe es seit 2015 wieder eine Bauwelle, bei der auch wieder Sozialwohnungen entstehen. Hier müsse auf eine Durchmischung der Wohnquartiere geachtet werden: „Reihenhäuser neben Blockwohnungen, damit es wirklich zu einer guten Durchmischung unterschiedlicher Milieus in einem Quartier kommt.“

    Außerdem setzt Groth auf Sozialarbeiter, die Bewohner von Armen-Siedlungen beraten und betreuen. Der Aufwand wird sich lohnen, davon ist der Pädagoge überzeugt. Zudem seien die Bedingungen gut: „Im Moment haben wir in Deutschland den höchsten Anteil von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen. Das sind gute Rahmenbedingungen, hierfür das Geld aufzuwenden. Denn die Folgekosten, wenn man nichts macht, werden viel höher werden.“

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    Kindern eine bessere Perspektive als Hartz IV zu bieten, das ist die Aufgabe der Politik. Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern in der ganzen Bundesrepublik.

    Das komplette Interview mit Prof. Ulf Groth hören Sie hier:

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    Tags:
    Arbeitslosigkeit, Alter, Armut, Lohn, Arbeitsmarkt, Hartz IV, Deutschland