13:24 15 November 2018
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    Matthias Matussek 2011 (Archivbild)

    „Politik fehlt gesunder Menschenverstand“ – Ex-„Spiegel“-Chef Matussek EXKLUSIV

    CC BY-SA 2.0 / Christliches Medienmagazin pro / Matthias Matussek
    Gesellschaft
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    Alexander Boos
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    Matthias Matussek, früher beim „Spiegel“ und der „Welt", zählte jahrzehntelang zur Journalisten-Elite des Landes. Heute gilt er als umstritten. Kritiker werfen ihm „Nähe zum Rechtspopulismus“ vor. Im Sputnik- Exklusivinterview spricht er über Politik und Medien, die Kirche, einflussreiche Außenseiter-Autoren – und darüber, was konservativ ist.

    Auf die Frage, was konservativ sei, habe er folgende Antwort. „Ich glaube, dass das eine Politik der Bewahrung ist“, sagte Matthias Matussek, Journalist und früherer Ressort-Leiter beim Magazin „Der Spiegel“, im Sputnik-Interview. „Eine Politik, die zunächst einmal nicht diesem Zeitgeist hinterher rennt. Sondern die versucht, klarzumachen, dass wir als Gesellschaft dabei sind, grundlegende Verankerungen in unserem Menschenbild zu lösen. Das betrifft beispielsweise die Ehe für Alle. Das betrifft das Überbordwerfen unseres literarischen Kanons. In den Schulen werden kaum noch Gedichte gelernt. Ich finde es wichtig, dass solche Dinge weitergegeben werden. Wir sind als christliches Abendland dabei, einfach zu viel über Bord zu werfen.“

    Was heutzutage in der Gesellschaft besonders fehle, sei „der gesunde Menschenverstand“. Daher lautet der Titel seines neuesten Buches auch „White Rabbit oder Der Abschied vom gesunden Menschenverstand“. Er nahm dabei den britischen Schriftsteller und Journalisten Gilbert Keith Chesterton (1874 – 1936) als Vorbild. „Schlimmer als die Zensur der Presse ist die Zensur durch die Presse“, sagte dieser einst.

    Die „Einengung des Meinungskorridors“

    Das Agieren von Politik und Medien in den letzten Jahren und Jahrzehnten hätte zu einer „Einengung des Meinungskorridors“ geführt, wie es Matussek nennt.

    Es gebe „viele Besserwisser in den Eliten und bei den Medien“. Aber die Wahl Donald Trumps in den USA oder auch das Erstarken der AfD in Deutschland ist für den Publizisten ein deutliches „Zeichen des Widerstands gegen die ständigen, sehr arroganten Zuschreibungen über das angeblich dumme Wahlvolk. Insgesamt ist es tatsächlich so, dass die Eliten die kleinen Leute verachten.“

    Er erkenne zudem – und das beschreibe er sehr detailliert in seinem neuen Buch – eine zunehmende „Verluderung in unserem Handwerk, im Journalismus, die besonders deutlich wurde zur Flüchtlingskrise. Untersuchungen haben ergeben, dass 80 Prozent meiner Kollegen dabei nur die Regierungspropaganda nachgebetet haben und sehr wenig ihre Funktion als Vierte Gewalt erfüllt haben.“ Die Medien werden als inoffizielle „Vierte Gewalt“ im Staat gesehen. Deren Aufgabe ist es, die Regierung, das Parlament und das Staatswesen zu kontrollieren.

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    Gegen die Eliten: Die Verteidigung der „kleinen Leute“

    „Die Distanz ist völlig aufgegeben worden, die Journalisten haben sich zu Werkzeugen der Regierenden gemacht“, so der frühere Chefredakteur beim Spiegel.  „Das fand ich sehr beklagenswert und habe darüber in meinem Buch geschrieben“. Der Londoner Autor Chesterton habe „immer die kleinen Leute gegen die intellektuellen Eliten verteidigt. Er war der wirkliche Anwalt der kleinen Leute. Ich versuche einfach in meinem Buch, ihm zu gedenken und so neue Impulse für die Gesellschaft zu geben.“ Chesterton, den „man den Apostel des gesunden Menschenverstandes nannte“, habe den Glauben mit einem „derartigen Humor und einer Menschenliebe verteidigt. Ich glaube, an Chesterton muss man sich auftanken. Er vertritt einen traditionellen Katholizismus, der eben nicht ‚Sklave der Zeit‘ ist. Ich versuche in meinem Buch eben auch, ihn neu ins Gespräch zu bringen.“

    Sprachlich sei der deutsche Dichter Heinrich Heine ein weiteres Vorbild. „Weil er ein begnadeter und wunderbarer Dichter war.“ Er zitierte den überlieferten Ausspruch: „Heine hat der deutschen Sprache das Mieder geöffnet, damit sie nach der klassizistischen Erstarrung durch unsere Klassiker Goethe und Schiller wieder durchatmen konnte. Der hat auch Mundartiges mit reingenommen.“

    Kann die Kirche das christliche Abendland retten?

    „Für mich als Katholik gehört dazu auch die Kirche. Nun sind wir in Deutschland leider in der misslichen Lage, dass die Kirche selbst dabei ist, das Tafelsilber zu verschleudern. Dass die Kirche selbst diejenige ist, die sagt, man muss das mit dem Glauben nicht so eng sehen. Ich sehe da eine große Bedrohung.“ Das werde auch wichtig in Hinblick auf den Islam, der unsere „freie Gesellschaft“ immer weiter bedränge. Die Kirche mache der islamischen Religion „zu viele“ Zugeständnisse, kritisiert er.

    „Eigentlich wäre es die Aufgabe der Kirche, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Aber wir haben nun mal das Trauerspiel mit dem Glauben, dass er verdunstet. Dass wir in den Zustand der ‚Seelendämmerung‘ eingetreten sind, wie es Peter Sloterdijk so schön formuliert hat. Von den Kirchen ist da kein großer Rückhalt zu erwarten. Da ist meine Hoffnung, dass sich das konservative Element in der Politik sich jetzt mehr und mehr verstärken wird. Dass die Menschen erkennen, dass wir ein Leitbild brauchen.“ Es gebe auch heutzutage noch Beispiele, wo die christliche Religion praktisch gelebt werde. Er nannte das katholisch geprägte Polen als Beispiel.

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    Kritik an Matusseks Wandel

    Wegen seiner Wandlung schlägt ihm seit Jahren – auch in den Feuilletons der Mainstream-Medien – heftige Kritik entgegen. „Matthias Matussek war ein gefeierter Reporter des ‚Spiegels‘“, schrieb „Die Zeit“ im Sommer über ihn. „Heute applaudiert ihm vor allem die neue Rechte. Ehemalige Kollegen meiden ihn. Wer hat sich hier von wem entfremdet?“ „Meedia.de“ berichtete Ende September über die jüngste Frankfurter Buchmesse und schrieb, das neuste Buch von Mattussek wollten „andere Verlage nicht mit der Kneifzange anfassen.“ In einem früheren Beitrag des Medien-Portals hieß es: „Er, Matthias Matussek, das enfant terrible, der genialische Autor, der Lust- und Bauchmensch, der ganz nebenbei für Spiegel Online das Video-Blogging quasi erfunden hat“, habe ein „allzu distanzloses Verständnis für die AfD und rechte Demagogen.“ Das „Hamburger Abendblatt“ fragte im Mai den früheren Spiegel-Kulturchef im Interview: „Was ist nur aus Ihnen geworden, Herr Matussek?“

    Tatsächlich sei er früher sehr links gewesen, entgegnete der in Münster geborene Journalist im Sputnik-Interview. „Allerdings war das bei mir mit 20 vorbei, das war doch eher ein linkes Kostümspiel im Nachhinein. Danach habe ich mich sehr für die unabhängigen Einzelnen interessiert, die auch als konservativ verdächtigt werden.“ Darunter zähle er Gottfried Benn, Heine und den bereits erwähnten G. K. Chesterton. „Dazu kommt natürlich noch meine katholische Prägung.“

    Matthias Matussek: „White Rabbit oder Der Abschied vom gesunden Menschenverstand“, FinanzBuch Verlag, 1. Auflage März 2018.

    Matussek (Jahrgang 1954) als Journalist und Buchautor. 26 Jahre lang arbeitete er – unter anderem als Auslands-Korrespondent – für das Magazin „Der Spiegel“. Später verließ er das Blatt, um zur „Welt“ zu wechseln. Dort erfolgte dann der Rauswurf wegen seiner umstrittenen Kommentare zu den Terroranschlägen in Paris im Jahr 2015. Seitdem arbeitet er als freier Publizist und ist nicht unumstritten.

    Das Radio-Interview mit Matthias Matussek (Teil 1) zum Nachhören:

    Das Radio-Interview mit Matthias Matussek (Teil 2) zum Nachhören:

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    Tags:
    Glaube, Journalismus, Vorwürfe, Flüchtlingskrise, Meinungsfreiheit, Propaganda, Islam, Der Spiegel, Deutschland