07:13 20 November 2018
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    Matrosenaufstand in Kiel 1918

    Wie die deutsche Revolution 1918/19 gesteuert und zerschlagen wurde – Zeitschrift

    © AP Photo / Stadt Kiel
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    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
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    Neben einer ganzen Reihe neuer Bücher beschäftigt sich die marxistische Zeitschrift „Z.“ in ihrer aktuellen Ausgabe mit den Ereignissen vor 100 Jahren in Deutschland. Dabei wird auf grundlegende Zusammenhänge ebenso wie auf unbeachtete und unbekannte Fakten zu Revolution und Gegenrevolution aufmerksam gemacht.

    „Das Jahr 2018 beschert uns den 100. Jahrestag eines schrecklichen, hinausgezögerten und für die herrschende Klasse und die Militärführung des Reichs blamablen Kriegsendes, den Gründungstag der deutschen Republik und die 100. Wiederkehr einer Revolution in Deutschland, die eben diese Republik möglich machte und doch die Zeitgenossen wie uns heutige Nachgeborene vor schwierige Fragen stellte und stellt.“ Das schreibt der Historiker Stefan Bollinger in Heft 115 der Zeitschrift „Z. – Zeitschrift Marxistische Erneuerung“ mit dem Schwerpunktthema „Von der Novemberrevolution zum ‚deutschen Oktober‘“.

    „Die große Aufmerksamkeit auch für die revolutionäre Seite der Ereignisse von vor 100 Jahren ist für den gesamt(west-)deutschen Kontext neu“, meint Bollinger. Er erinnert an die aus seiner Sicht weiter passende Definition der DDR-Geschichtsschreibung von einer „bürgerlich-demokratischen Revolution, die mit proletarischen Kampfmitteln geführt“ wurde.

    Als Beleg dafür nennt er unter anderem die positiven Ergebnisse der Ereignisse vor 100 Jahren, die in die Weimarer Republik führten: „Ein gutes, ein großes Stück Demokratie mit klaren bürgerlichen, aber auch sozialen Rechten, mit einem Anspruch auf eine positive Beeinflussbarkeit des Wirtschaftslebens durch den Staat, mit – wenn auch bescheidenen – Überresten des Rätegedankens für die eingeschränkte Mitbestimmung in den Unternehmen.“

    Wunderliche Revolution

    Darin können sich aus Sicht von Bollinger „Linke aller Parteien und bürgerliche Demokraten einig sein.“ Der Historiker vermutet, dass die Veranstaltungen, Ausstellungen und Feiern zum 100jährigen Jubiläum der „Novemberrevolution“ genannten Ereignisse von 1918 vor allem auf die Weimarer Republik und deren Verfassung als vermeintlich wichtigste Ergebnisse hinweisen werden.

    Bollinger erinnert in seinem Beitrag unter anderem daran, dass schon 1928 der marxistisch orientierte Historiker Arthur Rosenberg die Geschehnisse und Entwicklungen zehn Jahre zuvor als „wunderlichste aller Revolutionen“ bezeichnet hatte. Rosenberg war selbst politisch aktiv und saß später für die KPD im Reichstag. Er habe den Widerspruch zwischen den weitergehenden Forderungen der Matrosen, Soldaten und Arbeiter und den von oben eingeleiteten politischen Reformen von Waffenstillstand bis zu Parlamentarisierung und konstitutioneller Monarchie deutlich gemacht.

    „Die einzigen, die trotz der Niederlage an den Fronten, trotz des scheinbaren Machtverlusts, trotz aller Auflösungserscheinungen den Kopf behielten, waren Angehörige der alten herrschenden Klassen und ihrer Eliten“, hebt Bollinger hervor. Er nennt damit eine der Ursachen, warum die „Novemberrevolution“ genannten Ereignisse in Deutschland vor 100 Jahren den größtenteils bekannten Gang nahmen. Der Historiker beschreibt als weitere Ursache, dass die damalige deutsche Linke es nicht verstanden habe, „als geeinte Linke zu agieren“.

    Internationaler Prozess

    Wichtige Teile der SPD hätten sich „bereits vor 1914 von der revolutionären Perspektive verabschiedet“. Deshalb widerspricht Bollinger der These vom Verrat der Revolution durch die etablierten sozialdemokratischen Führungskader, die „staatstragend und voller Verantwortung“ sein wollten.

    „Die deutsche Revolution ist Teil dieses internationalen Prozesses, einer revolutionären Krise zwischen 1917 und 1923“, stellt er fest. „Sie erschütterte Europa und Teile Mittelasiens und Nordafrikas, ließ andere Weltregionen aber ebenso wenig aus. Dabei stand die deutsche Revolution – ähnlich wie die in Österreich und Ungarn – in einer engen Wechselwirkung mit der inzwischen radikalisierten, sich sozialistisch verstehenden Revolution der Bolschewiki in Russland.“ Diese hätte gezeigt, dass sich die alten Mächte und herrschenden Klassen stürzen ließen und neue politische Formen möglich waren.

    Fehlende Veränderungen

    Die Vorgänge in Russland seit 1917 wie die Oktoberrevolution seien von den alten Mächten nicht nur in Deutschland als „Alarm- und Handlungs-Signal“ verstanden worden. „Für sie war das, was in Russland geschah, die Bedrohung schlechthin, wurden doch dort Macht- und Eigentumsverhältnisse in Frage gestellt.“

    Genau diese nahm die deutsche Revolution ein Jahr später nichts ins Visier, zumindest was das Handeln der meisten Akteure anging. „Der Einfluss der zugleich mit allen Mitteln bekämpften Linken blieb quantitativ wie regional begrenzt“, stellt Bollinger fest. „Eine zweite, sozialistische Revolution hatte unter diesen Vorzeichen keine reale Massenbasis.“

    Des Historikers Fazit in der Zeitschrift: „Es bleibt dabei: 1918 forderten die Massen unter Waffen und an den Fabrikbänken, in den Schlangen vor den Brotläden Frieden, ein anderes Deutschland, manche hofften auf Sozialismus – doch die Linken waren uneins, die herrschenden Klassen und ihre Machtapparate flexibel und widerstandsfähig.“

    Verschwiegene Fakten

    „Die Revolution des November 1918 ließ zwar die Kronen purzeln und führte zu einer parlamentarischen Demokratie. Doch weder wurden die militaristischen Strukturen des Kaiserreiches zerstört, noch die Verwaltung demokratisiert noch irgendwelche Industrien vergesellschaftet. Der Frühling des 20. Jahrhunderts kam nicht, sondern gut 14 Jahre später der Faschismus.“

    Das schreibt der Soziologe, Autor und Regisseur Klaus Gietinger in einem weiteren Beitrag in der aktuellen „Z.“-Ausgabe. Er trägt darin „Bekanntes und Unbekanntes aus der Novemberrevolution 1918/19“ zusammen. Dazu gehören weithin unbekannte bzw. von der bundesdeutschen Geschichtsschreibung wenig beachtete Tatsachen als Belege für eine „beispiellose Gewaltmaschinerie“, die ab November 1918 durch das Zusammenwirken von führenden Sozialdemokraten und reaktionären Kräften des Militärs entfesselt wurde.

    So schreibt Gietinger, dass zwar bekannt ist, dass der spätere selbsternannte sozialdemokratische „Bluthund“ Gustav Noske am 4. November 1918 nach Kiel geschickt wurde, um die dortigen Matrosen zu beruhigen und ihren Aufstand abzuwürgen. „Weniger bekannt ist, dass er schon zu dieser Zeit Deckoffiziersbrigaden (die sog. ‚Eiserne Brigade‘) gegen die Revolution aufstellen ließ und gleichzeitig sich die desavouierten Offiziere schon auf Hauptmannsebene (Marinebrigade Ehrhardt, Marinebrigade Loewenfeld u. a.) in hoch aggressiv aufgeladenen Freikorps organisierten.“

    Antirevolutionäres Bündnis

    Gietinger widerspricht auch den anhaltenden Behauptungen von der SPD nahestehenden Historikern, es sei bei dem in der Nacht zum 11. November 1918 geschlossenen Bündnis zwischen MSPD-Führer Ebert und General Wilhelm Groener (Chef der Obersten Heeresleitung, OHL) erst nur um die Demobilisierung der Truppen gegangen. „Dessen Ziel war nicht nur die Demobilisierung, sondern die ‚Bekämpfung des Bolschewismus‘“, so der Autor mit Hinweis auf Groeners Erinnerungen und Fakten zur Zusammenarbeit zwischen MSPD-Führung und Militär.

    Er erinnert an die zu Weihnachten 1918 in Berlin beginnende aktive Bekämpfung der Revolution und ihrer Verteidiger wie der Volksmarinedivision durch weiter bestehende Truppen der kaiserlichen Armee im Auftrag der MSPD-Führung. „Weniger bekannt ist, dass hier Gasgranaten eingesetzt wurden. Zum ersten Mal im Innern Deutschlands. Und dass es Überlegungen gab, sie auch gegen die Zivilbevölkerung zu verwenden.“

    Der Aufstand vom Januar 1919 in Berlin sei „mit brutalster Gewalt“ zerschlagen worden, so Gietinger. Dabei sei der am 6. Januar 1919 mit einer Blankovollmacht für sein Vorgehen ausgestattete Noske gewalttätiger vorgegangen, als es sich der kaiserliche Kriegsminister getraut hätte. Er habe den Truppen „in der dicht besiedelten Großstadt mit allen Waffen freien Lauf“ gelassen. „Die präfaschistischen Freikorps begannen ihre Massaker.“ Der darin eingeschlossene Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sei auf Noskes Betreiben nie aufgeklärt worden.

    Präfaschistische Figur

    Auch in anderen Teilen Deutschlands, so im Ruhrgebiet, Bremen, Thüringen und Bayern sei zu Beginn des Jahres 1919 eine „beispiellose Gewaltmaschinerie“ in Gang gesetzt worden, „die durch die Verbindung Ebert/Groener und konkret Noske/Pabst im März 1919 zustande kam“. „Der Noske/Pabst’sche Schießbefehl“ habe den Terror in die deutsche Innenpolitik eingeführt, schreibt Gietinger. „Die Tötung von Gefangenen, von wahllos Aufgegriffenen und Unschuldigen, ja Kindern, war innerhalb Deutschlands ein bislang beispielloser Vorgang.“

    Aus Sicht des Autors kann das „eindeutig als Wegbereitung des Faschismus bezeichnet werden“. „Noske war die präfaschistische Figur par excellence, die gestützt von Ebert somit auch als Vorläufer der Nazis gelten kann. Nicht umsonst nannte ihn Hitler 1933 eine ‚Eiche unter diesen sozialdemokratischen Pflanzen‘.“ Gietinger meint, der „Winter des Faschismus“ sei 1918/19 in Deutschland schon zu erahnen gewesen, „auch wenn er selbst nach diesen Massakern noch nicht zwangsläufig folgen musste“.

    Umfassender Überblick

    Vielleicht verlegen sich die bundesdeutsche Geschichtsschreibung und die offizielle Politik beim Erinnern an die Ereignisse vor 100 Jahren lieber vorrangig auf die Perspektive der Weimarer Republik als eines der Ergebnisse. In der „Z.“-Ausgabe geben Holger Czitrich-Stahl und Rainer Holze eine Übersicht über in den letzten beiden Jahren erschienene Bücher zum Thema „Novemberrevolution“.

    „Den Interessierten, so scheint es bis jetzt, wird publizistisch und von der Basis her viel mehr Produktives und Lehrreiches angeboten als von der offiziellen Erinnerungskultur selbst“, stellen die beiden Autoren fest.

    Über „Rosa Luxemburg und die welthistorische Bedeutung von Revolutionen“ schreibt in der Zeitschrift die wohl renommierteste Luxemburg-Biographin und —Forscherin Annelies Laschitza. Sie hat zuletzt die Bände 7.1 und 7.2 der Werkausgabe Luxemburgs mit herausgegeben, die u.a. handschriftliche Fragmente der Sozialistin aus den Jahren 1917 und 1918 enthalten.

    Wichtige Aspekte

    Weitere Beiträge der „Z.“-Ausgabe zum Thema behandeln „Die ‚Internationalen Kommunisten Deutschlands‘ (IKD) und die Gründung der KPD während der Deutschen Revolution 1918/19“ (Gerhard Engel), den „langen Weg der proletarischen Frauen zur Novemberrevolution“ (Mirjam Sachse) und „Die KPD 1919 bis 1924“ (Harald Jentsch). Michael Buckmiller schreibt über das „Schaltjahr 1923 – Proletarische Revolution und/oder Arbeiter-Koalitionsregierung?“ am Beispiel von Sachsen und Thüringen, während Jörg Wollenberg sich Wilhelm Dittmann widmet, der als Volksbeauftragter der USPD Mitbegründer der Weimarer Republik war und später langjähriger Vorsitzender der SPD-Fraktion im Reichstag wurde.

    Die Zeitschrift „Z.“ wurde im Herbst 1989 gegründet und versteht sich nach eigenen Angaben als „Stimme der marxistischen Linken in Deutschland“. Sie erscheint als Vierteljahresschrift jeweils Anfang März, Juni, September und Dezember. Im Mittelpunkt stehen Beiträge zu Theorie, Gesellschaftsanalyse und Politik. Die aktuelle Ausgabe 115 erschien im September 2018 und kann online bestellt werden.

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    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
    Tags:
    Aufstand, Revolution, Novemberrevolution 1918, Erster Weltkrieg, Deutschland