22:04 17 November 2018
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    Automatisierungsproduktion, BMW-Werk

    „Fundamentale Umwälzungen“: 25 Prozent der Jobs von Robotern betroffen – Studie

    © AFP 2018 / GEOFF CADDICK
    Gesellschaft
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    Valentin Raskatov
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    Stehlen uns Roboter die Jobs? Zumindest könnten sie heute schon ein Viertel aller Tätigkeiten ersetzen. Das zeigt eine neue Studie. Wer am gefährdetsten ist und wie dieser Gefahr begegnet werden kann – erfahren Sie hier.

    Knapp ein Viertel aller Arbeitstätigkeiten in Nordrhein-Westfalen ist durch Roboter bedroht. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Nordrhein-Westfalen. Nordrhein-Westfalen liegt damit im Bundesdurchschnitt, denn diese Zahl gilt auch bundesweit. Mit 30 Prozent liegt das Saarland in Deutschland an erster Stelle, Berlin dagegen ist mit unter 15 Prozent am wenigsten bedroht.

    Aber Vorsicht: „Bedroht“ bedeutet in diesem Fall: „Wenn das technisch Mögliche der Digitalisierung gegenwärtig vollständig umgesetzt werden würde, dann könnten 26 Prozent der beruflichen Tätigkeiten ersetzt werden“, erklärt Dr. Frank Bauer, Leiter des IAB NRW, im Sputnik-Interview. Das bedeute aber nicht, betont er, dass damit „26 Prozent aller Leute wegfallen“, sondern es würden eben bestimmte Tätigkeiten innerhalb von Berufen wegfallen, die im Zuge der Digitalisierung durch neue Technologien ersetzbar geworden seien.

    Stahlproduktion: 84 Prozent, Autobau: 70 Prozent

    Besonders betroffen seien: Fertigungsberufe und fertigungstechnische Berufe. Bei ersteren, zu denen etwa die Stahlproduktion gehöre, läge der Anteil ersetzbarer Tätigkeiten bei knapp 84 Prozent, bei letzteren, zu denen die Produktion von Fahrzeugen zähle, belaufe sich die Ersetzbarkeit auf 70 Prozent. In sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufen liege der Wert dagegen gerade einmal bei 14 Prozent.

    Die technischen Entwicklungen fänden sich in den Bereichen Sensorik und Robotik wieder, zu ihnen würden auch selbstlernende Algorithmen, der 3D-Druck und digitale Assistenten zählen – Smart Factory, Big Data und smarte Dienstleistungen seien die Oberbegriffe zu diesen Entwicklungen.

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    Eine Verschnaufpause vor den Umwälzungen

    Derzeit sei Deutschland aber glücklicherweise noch nicht so weit: „Nur die Hälfte aller Betriebe in Deutschland gibt nach Selbstauskunft an, jetzt schon digitale Technologien zu benutzen“, so Bauer. Im Produktionsbereich sei es sogar nur ein Drittel. „Und wenn man sich diese Betriebe anguckt, ist es so, dass dort auch nur unter zehn Prozent der vorhandenen Technologien digitale Technologien sind.“ Das Fazit des Forschers zum aktuellen Zeitpunkt: „Es besteht eine große Lücke zwischen dem technisch Möglichen und dem tatsächlich Gemachten.“

    Interviewpartner Frank Bauer
    © Foto : Frank Bauer
    Interviewpartner Frank Bauer

    In Zukunft aber, das gäben auch die Betriebe unmissverständlich zu verstehen, werde die Entwicklung wahrscheinlich stärker Richtung Digitalisierung gehen. Die Gesellschaft habe also eine Verschnaufpause, bis „fundamentale Umwälzungen“ einsetzen würden, Umwälzungen, auf die es sich vorzubereiten gelte, denn die entsprechenden Technologien seien längst auf dem Markt und würden auf ihren Einsatz warten. „Die aktuelle Lücke zwischen dem technisch Möglichen und dem wirklich Eingesetzten bietet jetzt Zeit, aber man sollte die Zeit nicht verstreichen lassen, denn so kann man krisenhafte Anpassungsprozesse verhindern“, hebt Bauer hervor.

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    Massenarbeitslosigkeit ist unwahrscheinlich

    „Alle Untersuchungen, an denen das IAB beteiligt war, gehen davon aus, dass es nicht zu einer Massenarbeitslosigkeit kommt aufgrund von Digitalisierung, sondern eher zu einem leichten Zuwachs an Beschäftigung kommt“, beruhigt der Leiter des IAB NRW.

    Zwar würden Arbeitsplätze wegfallen, aber die neuen Technologien müssten ja schließlich auch erzeugt, in Abläufe eingebunden und gewartet werden und diese Tätigkeiten würden neue Arbeitsplätze schaffen. Außerdem gelte: „Wenn die Produktion produktiver wird, können die Produkte billiger werden. Und wenn auf Preissenkungen mit mehr Nachfrage reagiert wird, kann die erhöhte Nachfrage zu einer erhöhten Arbeitsnachfrage führen und mehr Arbeitsplätze erzeugen.“

    Daraus folgt für Bauer: „Die Botschaft ist nicht: Es entsteht eine neue Massenarbeitslosigkeit. Die Botschaft ist: Es besteht das Risiko einer Mismatch-Arbeitslosigkeit.“ Es sei an der Zeit, „eine institutionelle Veränderung des Ausbildungs- und des Bildungssystems“ durchzuführen, „um den Anpassungsdruck, dem die Beschäftigten unterliegen werden, begegnen zu können.“ Hier sollten betroffene Institutionen, Betriebe und Gewerkschaften Lösungen suchen, etwa in Form von modularen Ausbildungen für die von Robotern in Zukunft gefährdeten Arbeitnehmer. Wann und in welchem Ausmaß diese Gefahr real werde, lasse sich nicht bestimmen, damit der Übergang „geordnet“ ablaufen würde, müssten jetzt schon die nötigen Weichen gestellt werden.

    Das Interview mit Frank Bauer in voller Länge:

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    Tags:
    Technologien, Roboter, Digitalisierung, Arbeitslosigkeit, Industrie 4.0, Deutschland