10:40 16 November 2018
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    „Fördert Zusammenleben von Kulturen“: Studenten verschenken Bildung für Wohnen

    CC BY-SA 4.0 / © Steffen Schmitz (Carschten) / Wikimedia Commons
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    Valentin Raskatov
    111023

    Studenten wohnen umsonst und unterrichten dafür Kinder aus einem Problemviertel. Das ist das Konzept von Bildung für Wohnen aus Duisburg. Es fördert ein positives Verhältnis zum Schulstoff sowie zum Stadtteil und lässt neue Freundschaften entstehen, teilen aktive Paten mit. Derzeit sei der studentische Andrang beim Verein sehr groß.

    Immer öfter finden Studenten in deutschen Städten keinen bezahlbaren Wohnraum. Immer häufiger werden die Meldungen, dass der Schulstoff in Vierteln mit einem hohen Migrantenanteil infolge von Sprachproblemen nicht mehr vermittelt werden könne. Diese beiden Probleme scheinen zunächst nichts gemeinsam zu haben, aber dennoch hat der Verein „Tausche Bildung gegen Wohnen e.V.“ aus Duisburg genau das geschafft.

    Die Lösung ist simpel: Gib den Studenten kostenlosen Wohnraum und den Schülern zusätzliche Bildung, so profitieren beide Seiten. Dafür hat der Verein, unterstützt durch diverse Förderer, leerstehende Räumlichkeiten erhalten. In Duisburg-Marxloh wurden zwei dieser Räumlichkeiten zu Dreier-WGs umfunktioniert und eine dritte zur sogenannten „Tauschbar“. In den WGs leben Studenten völlig umsonst. Einzige Bedingung: Acht Stunden die Woche fördern sie schwächelnde Schüler in der Tauschbar.

    Leerstand beseitigen, Kinder unterstützen

    „Die Idee hinter Tausche Bildung für Wohnung ist es, Leerstand zu beseitigen, indem Menschen mietfrei wohnen dürfen. Und für das mietfreie Wohnen engagieren sich die Menschen im Stadtteil und lernen mit Kindern, machen Freizeitprojekte, unterstützen Familien, unterstützen Schulen und sind für Kinder und Familien da“, erklärt Lena Wiewell, die als erste Bildungspatin zum Urgestein des Projekts gehört, dem Kern des Vorhabens. Zur Tauschbar bemerkt sie:

    „Das ist wie so ein Stadtteil-Kinderzimmer. Das ist sehr wohnlich, nett und freundlich eingerichtet. Dort wird gelernt, gelacht, geweint. Wir machen Ferienprojekte mit den Kindern. Dort entstehen Ideen, dort entstehen neue Standorte.“

    Den Unterricht genießen dort Kinder der Klassenstufen 1-7. Diese werden entweder durch Sozialarbeiter und Lehrer an Tausche Bildung für Wohnen vermittelt oder durch Mund-zu-Mund-Propaganda, wenn Eltern erfahren, dass ihre Kinder dort zusätzlichen Unterricht erhalten können, so Wiewell. Ein Pate unterrichtet immer höchstens fünf Kinder und kann sich auf diese Weise gut auf deren Bedürfnisse einstellen. Die kommen zweimal die Woche für je 90 Minuten.

    Freundschaften und Freude beim Lernen

    Durch einen spielerischen Umgang mit dem Schulstoff versuchen die Paten, den Kindern die Angst vor dem Lernen zu nehmen. Außerdem entstehen dort Freundschaften:

    „Die Kids sind Freunde, das Sozialverhalten wird verbessert, sie sprechen Deutsch in der Tauschbar, man entschuldigt sich, es gibt gewisse Regeln innerhalb der Räumlichkeiten. Da merkt man dann schon, dass die Kids über die Zeit eine große Entwicklung durchmachen“, teilt Wiewell mit.

    Außerdem geht es auch um ein möglichst schönes Leben in Marxloh, das als ein Problemviertel gilt: „Ein weiteres Ziel ist auch, dass die Kinder ein positives Verhältnis zum Stadtteil bekommen. Für die Kinder ist es total wichtig, auf die Dinge zu gucken, die da sind, die wundervoll sind. Und das tun wir gemeinsam mit denen“, erklärt Wiewell.

    Starker Andrang: Neue WGs sollen entstehen

    Die WGs in Duisburg-Marxloh sind voll, eine neue Vierer-WG in Gelsenkirchen-Ückendorf ebenfalls. Ein Team von 15 Bildungspaten wirkt mittlerweile an dem Projekt mit, und der Strom der Interessierten wird laut Wiewell immer größer: „Dieses Jahr haben wir starken Andrang. Das ist jetzt das erste Mal, dass wir eine Warteliste für die Wohnungen schaffen mussten. Wir könnten jetzt an beiden Standorten eine zusätzliche Dreier-WG aufmachen.“

    „Das fördert auch das Zusammenleben verschiedener Kulturen“

    Eine dieser Paten ist Hannah Bröker, die als Teilzeitpatin beim Verein aktiv ist. „Ich habe das zufällig im Radio gehört, als davon berichtet wurde, dass die den Deutschen Nachbarschaftspreis gewonnen haben“, erklärt die Studentin im Bereich Catering und Hospitality Services, die derzeit ein Praktikum in Duisburg absolviert. Praktikum und Förderung sind für sie problemlos vereinbar: Der Arbeitgeber sei flexibel und der Verein sei es auch. Das Wichtigste für sie ist aber:

    „In diesem Projekt etwas zu tun, anderen Menschen zu helfen und dafür dann kostenlosen Wohnraum zu bekommen, ist einfach eine echt tolle Idee. Es fördert nicht nur die schulische Bildung und das soziale Verhalten der Kinder, sondern auch das Zusammenleben verschiedener Kulturen.“

    Auch Wiewell berichtet von zufriedenen Studenten. Es sei kein Problem, die verlangten acht Stunden die Woche abzuleisten. Neben dem aktiven Unterricht könnten die Studenten auch ihr Fachwissen etwa im Bereich Marketing einbringen und so das Projekt voranbringen. Die einzige Herausforderung bestünde lediglich in den halbjährlich wechselnden Stundenplänen der Studenten. Hier gelte aber ganz klar: „Universitäre Verpflichtungen gehen vor“, so Wiewell. Letztendlich kriege man das aber organisatorisch gut unter einen Hut.

    Das Interview mit Lena Wiewell in voller Länge:

    Das Interview mit Hannah Bröker in voller Länge:

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    Tags:
    Wohnungsnot, Universität, Studenten, Lösung, Bildung, Integration, Ausbildung, Migranten, Kinder, NRW, Duisburg, Nordrhein-Westfalen, Deutschland