23:00 12 November 2018
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    Öl (Symbolbild)

    Blutiges Öl: So tickt der Schwarzmarkt des schwarzen Goldes

    © REUTERS / Brendan McDermid/File Photo
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    Der globale Ölschwarzmarkt – illegale Ölförderung, Überfälle auf Tankschiffe auf hoher See, Diebstahl des Brennstoffs und sein illegaler Absatz – wird auf 133 Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt. Die Hauptakteure sind dabei Drogenkartelle und bewaffnete Gruppierungen. Wie der Öl-Schwarzmarkt funktioniert, erklärt Sputnik in diesem Beitrag.

    Ölförderung kann sehr unterschiedlich sein

    Unter allen Rohstoffmärkten ist der Ölmarkt der größte – sein Jahresumsatz liegt bei fast 500 Milliarden Dollar. Zum legitimen Ölhandel muss auch der illegale hinzugefügt werden, der sich auf 133 Milliarden Dollar beläuft.

    Das ist übrigens mehr als der Marktwert des Ölriesen British Petroleum (111 Milliarden Dollar) oder als die ganze Wirtschaft des ölreichen Staates Kuwait (110 Milliarden Dollar).

    Der Öl-Schwarzmarkt hat im Grunde dieselbe Struktur wie die offizielle Ölindustrie: Förderung, Beförderung, Verarbeitung, Vertrieb. Allerdings weist er gleichzeitig einige Besonderheiten auf.

    Die erste betrifft die illegale Ölförderung. Die größten legalen Ölproduzenten sind Saudi-Arabien, die USA und Russland. Im Schattensektor spielen Mexiko, Nigeria und der Irak die Hauptrollen.

    Dabei geht es nicht darum, dass die legitimen globalen Hauptakteure der Ölindustrie alle kennen, während ihre illegalen „Kollegen“ nur Mitarbeitern der Rechtsschutzorgane bekannt wären, weil das mexikanische Drogenkartelle, nigerianische und kurdische Separatisten sowie Terroristen aus dem Nahen Osten sind.

    Mit der Ölförderung wird da etwas ganz anderes gemeint: In der offiziellen Industrie wird das Öl aus Bohrlöchern gefördert. In der illegalen (beispielsweise in Mexiko) wird das „schwarze Gold“ vor allem aus Ölpipelines abgepumpt.

    Auf diese Weise kann innerhalb von zehn Minuten Öl für 100 000 Dollar „gewonnen“ werden – die Rentabilität ist dabei größer als die des Drogenhandels.

    Somit ist es kein Wunder, dass Vertreter des Staatskonzerns Petróleos Mexicanos (Pemex) jeden Tag zehn bis 15 neue „Einbindungen“ entdecken.

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    Damit wurden in den letzten fünf Jahren allein auf dem Pipeline-Abschnitt zwischen den Städten Cuidad Madero und Cadereyta etwa 2,7 Millionen Barrel für fast 300 Millionen Dollar entwendet.

    Der mexikanische Staatshaushalt verliert durch solche illegalen „Einbindungen“ etwa 23 500 Barrel im Wert von mehr als 1,5 Millionen Dollar täglich.

    Für die „Einbindung“ in eine Hochdruck-Pipeline sind hochqualifizierte Spezialisten und eine kostspielige Ausrüstung erforderlich. Deshalb spielen in diesem „Big Business“ mexikanische Drogenkartelle die Hauptrolle.

    Allerdings greifen sie nicht nur in Pipelines ein. In Mexiko sind auch Überfälle auf Tankwagen mit Benzin keine Seltenheit. Im Bundesstaat Tabasco werden jeden Monat etwa zehn solche Überfälle registriert.

    Tankwagen kippen dabei oft um, und der Brennstoff fließt aus dem Tank. Dabei kommen auch viele Menschen ums Leben. Derartiges passierte beispielsweise im März 2016: Ein Tankwagen kippte um, die Einwohner liefen mit Kanistern zu ihm, um sie mit dem ausfließenden Benzin zu füllen. Rein zufällig wurde das Benzin angezündet, der Wagen ging in Flammen auf, und es sind mehr als 20 Menschen, darunter Kinder, gestorben.

    Große Akteure

    Die Führungsrolle auf dem mexikanischen Öl-Schwarzmarkt spielt das Drogenkartell Zetas, das Ende der 1990er-Jahre von ehemaligen Soldaten der Spezialkräfte gegründet wurde.

    Neben dem Drogen-, Waffen- und Menschenhandel kontrolliert Zetas das illegale Abpumpen des Öls aus Pipelines im Norden des Landes, fängt Tankwagen ab und verkauft das „schwarze Gold“ illegal in den USA – um 50 Prozent billiger als auf dem offiziellen Markt.

    Mexikanischen Experten zufolge kontrolliert die Zetas-Mafia etwa 40 Prozent des Öl-Schattenmarktes im Land. Ihre Profite übertreffen dabei 400 Millionen Dollar pro Jahr.

    Auf das Drogenkartell Jalisco New Generation entfallen schätzungsweise 22 Prozent des Öl-Schwarzmarktes. Der Umsatz beträgt schätzungsweise 210 Millionen Dollar jährlich.

    Ende Oktober hatte die US-Regierung eine Rekord-Belohnung  von zehn Millionen Dollar für Informationen über das Oberhaupt dieses Kartells, Nemesio Cervantes alias El Mencho, ausgesetzt.

    Die atemberaubende Summe lässt sich darauf zurückführen, dass das Drogenhartell Jalisco New Generation einen regelrechten Krieg gegen das Kartell Sinaloa ausgelöst hat. Auf dem Spiel steht die Kontrolle über die Stadt Tijuana an der Grenze zu den USA, durch die große Mengen Schmuggelware, vor allem Drogen, befördert werden.

    Das Kartell Jalisco New Generation bemüht sich gerade um den Ausbau des eigenen illegalen Ölgeschäfts. Aber die „Kollegen“ aus der Gruppierung Sinaloa, die sich traditionell auf den Drogenhandel spezialisieren, aber eine eher geringe Rolle in der illegalen Ölindustrie spielen, leisten Widerstand.

    Die Auseinandersetzungen zwischen beiden Drogenkartellen haben allein in diesem Jahr etwa 2000 Einwohnern Tijuanas das Leben gekostet.

    Im Juli wurden beispielsweise 253 Menschen getötet, im August — 211, im September 214.

    Die Amerikaner hoffen, dass die Festnahme von El Mencho eine wichtige Rolle bei der Unterbindung dieses Blutvergießens spielen würde.

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    Das ist Afrika

    In den ölreichen Gebieten Nigerias handeln Separatisten intensiv, und die ganze Ölinfrastruktur – von Bohrlöchern bis zu den Pipelines und Öldepots – ist oft bewaffneten Überfällen ausgesetzt.

    Auch in Nigeria wird das „schwarze Gold“ illegal aus Leitungen abgepumpt. Allerdings können sich die Afrikaner – im Unterschied zu ihren mexikanischen „Kollegen“ – keine hochqualifizierten Spezialisten und keine teure Ausrüstung leisten. Deshalb wird dabei anders gehandelt – aber nicht weniger effizient.

    Normalerweise werden die Betreiber der jeweiligen Pipeline bestochen, damit die Ölbeförderung für eine Weile unterbrochen wird, damit man in die Leitung eingreifen und den Brennstoff entwenden kann.

    Der „Normaltarif“ beläuft sich auf 6000 Dollar – das ist die Hälfte des Jahreseinkommens eines nigerianischen „Normalbürgers“.

    Manchmal werden Pipelines einfach gesprengt, und dann wird die Ölbeförderung ebenfalls unterbrochen. Diese Zeit genügt, um sich der Leitung anzuschließen und eine gewisse Ölmenge abzupumpen.

    Nach Einschätzung der Nigerianischen nationalen Ölgesellschaft wird auf diese Weise allein aus der Pipeline zwischen Lagos und Ilorin Öl für mehr als 300 Millionen Dollar pro Jahr gestohlen.

    Während mexikanische Drogenhändler Tankwagen überfallen, betreiben die Nigerianer eine ganz banale Piraterie, wobei sie Tankschiffe im Golf von Guinea überfallen. Die Besatzungsmitglieder werden dabei normalerweise im Laderaum eingesperrt. Das Öl wird auf kleine Schiffe umgeladen, die den Brennstoff dann in die Nachbarländer bringen.

    Nach Einschätzung des Atlantic Council wird der Ölbedarf Benins zu etwa 80 Prozent durch das „illegale“ Öl aus dem benachbarten Nigeria gedeckt.

    Laut Insidern gehören übrigens diese kleinen Schiffe hochrangigen Vertretern des nigerianischen Nationalen Sicherheitsdienstes. Sie kontrollieren auch die Piraten selbst.

    Die irakischen Kurden, die ohne Kontrolle seitens der Behörden in Bagdad Öl mit traditionellen Methoden fördern und illegal in die Türkei verkaufen, sehen vor dem Hintergrund der Aktivitäten ihrer mexikanischen und nigerianischen „Kollegen“ eher bescheiden aus. Dennoch gehört ihnen der dritte Platz im illegalen Ölhandel weltweit.

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    Tags:
    Förderung, Verbrechen, Ausrüstung, Öl, Schwarzmarkt, Pipeline, British Petroleum (BP)