02:05 19 November 2018
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    Von Befehlsverweigerern zu „Sturmvögeln der Revolution“ – Kieler Matrosen 1918

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    Alexander Boos
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
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    Vor 100 Jahren hat der Aufstand der Matrosen in Kiel den Startschuss zur Novemberrevolution in Deutschland 1918 gegeben. Das bestätigt Oliver Auge, Historiker aus Kiel, im Sputnik-Interview. Er erinnert an die Tatsache, dass Ost und West das Ereignis lange Zeit unterschiedlich darstellten.

    Ende Oktober 1918 steht der Erste Weltkrieg kurz vor dem Ende. Es rumort im kriegsmüden Volk. Matrosen der kaiserlichen Flotte verweigern einen Befehl: Sie wollen nicht zu einer aus ihrer Sicht sinnlosen „Todesfahrt“ gegen die britische Marine auslaufen. Für viele Historiker markiert der Aufstand der Matrosen in Kiel den Anfang vom Untergang des deutschen Kaiserreiches  und den Beginn der Novemberrevolution.

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    „Der Kieler Matrosenaufstand hat eine enorme Bedeutung für die Novemberrevolution, weil er letztendlich ihre Initialzündung ist“, erklärte Oliver Auge im Sputnik-Interview. Er ist Geschichtswissenschaftler am „Historischen Seminar“ der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, mit dem Forschungsschwerpunkt „Regional- und Landesgeschichte Schleswig-Holsteins“.

    Befehl zum Endkampf führt zu Revolte

    „Es war eine ausweglose Kriegssituation“, so der Kieler Historiker. „Das hatte die oberste Heeresleitung im Herbst 1918 selbst zugestanden. Die Reichsregierung befand sich bereits in der Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten. Da kam die Admiralität noch einmal auf die Idee zu einem – wie es in den Quellen heißt – Endkampf.“ Der sollte gegen die britische Flotte geführt werden.

    Die „eigentlich eingerostete“ deutsche Hochseeflotte sollte noch einmal eingesetzt werden, um „ehrenhaft“ in einer letzten Schlacht unterzugehen. „Als dies bekannt geworden ist, meuterten Matrosen zunächst in Wilhelmshaven, weil sie das nicht mehr mitmachen wollten. Man muss sich das so vorstellen: Das war eine Aktion, die die Admiralität an der Reichsregierung vorbei durchführen wollte.“

    Kurz nach Bekanntgabe des Befehls sei es zu ersten Ausschreitungen auf Schiffen und Kreuzern des III. Geschwaders gekommen, so der Historiker. „Von Wilhelmshaven ist das III. Geschwader in den Heimathafen nach Kiel beordert worden. In Kiel gab es schon seit 1917 eine sehr explosive Stimmung. Aufgrund der Arbeiterschaft, die dort in den Werften für die Rüstungsindustrie arbeitete und unter Hunger und Versorgungskrisen litt. Die Matrosen auf Landgang solidarisierten sich dann mit den Arbeitern. Und dann ging die revolutionäre Entwicklung erst richtig los.“

    Weitreichende Forderungen

    Anfang November 1918 zogen Matrosen und Arbeiter in Demonstrationszügen durch die Hafenstadt Kiel. Manche Matrosen schlossen sich spontan gebildeten Arbeiter- und Soldatenräten an, die kurzzeitig die Militärmachthaber ablösten. Die Revolutionäre forderten die Freilassung sämtlicher politischer Gefangener, vollständige Rede- und Pressefreiheit, ein freies und allgemeines Wahlrecht sowie das Ende der Briefzensur. Eine weitere Forderung lautete „die sachgemäße Behandlung der Mannschaften durch Vorgesetzte“.

    Auch aus diesen Forderungen heraus – die als „14 Kieler Punkte“ welthistorische Bekanntheit erlangten – entwickelte sich laut dem Historiker schließlich die Novemberrevolution, in deren Verlauf am 9. November 1918 die Abdankung des Kaisers Wilhelm II. verkündet und die Republik ausgerufen werden sollte.

    Matrosen verbreiteten Revolution

    Damals „spielten tatsächlich – wie jüngst wieder durch neuere Forschung in Kiel gezeigt werden konnte – Matrosen als sogenannte Sturmvögel der Revolution eine wichtige Rolle“, betonte der Historiker. Die kriegsmüden Matrosen verließen seinen Schilderungen bei Kriegsende dank Urlaub oder auf Landgang ihre Schiffe, um in ihre Heimatstädte zurückzukehren. Dabei brachten sie ihren Unmut und das revolutionäre Gedankengut mit.

    „Das waren nicht nur die Städte an der Küste. Das waren auch Städte im Landesinneren wie Karlsruhe, Frankfurt oder auch Berlin. Diese Matrosen verbreiteten Ideen und solidarisierten sich häufig mit den Garnisonen und der Arbeiterschaft in den Heimatstädten.“ So sei es schnell zu einem deutschlandweiten „Domino-Effekt“ gekommen, meinte Auge.

    „Von Kiel aus verbreiten sich die revolutionären Ereignisse über ganz Deutschland in Windeseile. In fünf Tagen stürzen sie die Throne und es wird letztlich die Republik ausgerufen. Begonnen hat das Ganze als kleinere Revolte in Wilhelmshaven. Durch die Verlagerung nach Kiel ist da letztendlich ein großes Fass zum Überlaufen gebracht worden.“

    Deutschland sei 1918 „insgesamt kriegsmüde geworden“. In Zentren wie Köln, Frankfurt am Main, Karlsruhe, aber auch an der Ostseeküste, also in Wismar, Rostock, Lübeck oder Danzig, spielten Matrosen während der Revolution „eine bedeutende Rolle“ und unterstützten bereits vorhandene revolutionäre Bewegungen, wie der Historiker betonte.

    Zögerlich angenommenes Erbe

    „Ich stelle fest“, sagte er, „dass die Bundeswehr heute einen interessierten, aufgeschlossenen Umgang mit den Ereignissen pflegt. Dass sie sich gewissermaßen bekennt, dass da etwas in einer deutschen Marine passiert ist.“ Allerdings habe die Bundeswehr und die dazugehörige Bundesmarine für sich lange Zeit sinngemäß folgende Doktrin in Anspruch genommen: „Wir haben seit der Nachkriegszeit eine eigene Tradition und möchten da nicht irgendwelche Linien herleiten.“ Noch bis in die 70er und 80er Jahre hinein habe sich die Bundesrepublik insgesamt damit schwer getan. Seitdem werde allerdings auch in der Bundeswehr das revolutionäre Erbe nicht mehr versteckt.

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    „Ganz anders als in der Volksmarine der DDR“, hob der Kieler Geschichtsforscher hervor. Dort „stellte man sich in eine gewisse, fast schon unmittelbare Tradition der Matrosen von 1918.“ Zwar lag Kiel aus Sicht der DDR-Führung „im kapitalistischen Ausland“. „Aber ein großes Matrosenaufstands-Denkmal stand dafür in Rostock.“

    Die DDR habe stets an die Kieler Revolutionäre erinnert. „Plakate und Denkmäler in der DDR wurden unter Einbeziehung der Volksmarine der Öffentlichkeit dargeboten.“ Die revolutionären Traditionen von damals hätten nach Vorstellung der damaligen DDR-Elite „im sozialistischen Geist des Landes“ weiter gelebt.

    „Natürlich bezeichnete man die Volksmarine nicht umsonst als ‚Volksmarine‘, weil natürlich auch die Marine-Divisionen 1918/19 eine wichtige Rolle im revolutionären Geschehen gespielt haben.“ Viele der damaligen Matrosen standen laut dem Kieler Geschichts-Professor „auch eher der Sache der Spartakisten und Kommunisten“ nahe.

    Das Stadt- und Schifffahrtsmuseum in Kiel widmet aktuell dem „Kieler Matrosenaufstand“ eine große Sonderausstellung: „Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918“. Die Ausstellung kann noch bis zum 17. März 2019 besucht werden.

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Oliver Auge zum Nachhören:

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    Tags:
    Schlacht, Aufstand, Beginn, Matrosen, Befehlsverweigerung, Erster Weltkrieg, Kiel, Deutschland