09:35 18 November 2018
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    Ministerpräsident Kurt Eisner während der Fahrt zur Reichskanzlei anläßlich der Reichskonferenz der Bundesdeutschen Regierung in Berlin, 22. November 1918.

    Bayern als Vorreiter und Vorbild: Novemberrevolution 1918 zuerst in München

    CC0 / Robert Sennecke
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    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
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    Vor 100 Jahren, am 7. November 1918, hat die Revolution in München, geführt von dem Berliner Journalisten und linken Sozialdemokraten Kurt Eisner, das Königreich Bayern zum Freistaat gemacht. Eisner hat den „Freien Volksstaat Bayern“ ausgerufen – die erste Republik auf deutschem Boden –, und gezeigt, wie Revolution möglich ist.

    Es sei „kein Zufall, dass die bayrische Monarchie bereits in der Nacht vom 7. auf den 8. November gestürzt wurde, während es in der Reichshauptstadt erst am 9. November zur Ausrufung der Republik kam“. Das schreibt Bernhard Grau in einem Beitrag über Kurt Eisner in der aktuellen November-Ausgabe des Geschichtsmagazins „Damals“. Grau ist Historiker, leitet das Bayrische Hauptstaatsarchiv und veröffentlichte 2001 eine Eisner-Biographie.

    In seinem Beitrag beschreibt er den Weg des Berliner Journalisten zum aktiven Sozialdemokraten in Bayern, der erst den Eintritt in den Krieg befürwortete und sich später zum aktiven Kriegsgegner wandelte. Er habe in München den Streik der Rüstungsarbeiter im Januar 1918 mitorganisiert und sei dafür verhaftet worden.

    Nur weil er Nachfolgekandidat der USPD für den ausscheidenden Reichstags- und Landtagskandidaten Georg von Vollmar war, kam Eisner wieder frei und agitierte sofort wieder gegen den Krieg und die dafür Verantwortlichen. Grau schreibt dazu: „Zu einem Zeitpunkt, als von der Meuterei der Nordseeflotte noch nichts zu spüren war, erfuhren seine Kundgebungen einen ständig wachsenden Zulauf.“

    Klare Führung

    Was am 7. November 1918 in der bayrischen Hauptstadt geschah, beschreibt der Historiker Markus Schmalzl in der aktuellen „Damals“-Ausgabe. Zuvor seien in Bayern Stimmen laut geworden, die angesichts der Leiden in Folge des absehbar verlorenen Krieges einen separaten Friedensschluss des Königreiches forderten. Da sei sogar so weit gegangen, dass eine Loslösung vom deutschen Reich gefordert wurde, schreibt in dem Magazin der Historiker Gerhard Hirschfeld. Doch König Ludwig III. habe sich für das Reich und gegen einen Sonderfrieden entscheiden.

    „Die Revolution in Bayern verlief anders als im übrigen Deutschland“, betonte der Historiker Sebastian Haffner in seinem 1969 veröffentlichten Buch „Die verratene Revolution“ über die Ereignisse 1918/19. „Anders als in Berlin fiel die Revolution in München nicht von Anfang an in die Hände ihrer Feinde; anders als im übrigen Reich war sie nicht das Werk führerloser Massen.“

    Eisner habe es geschafft, als Ministerpräsident drei Monate lang die Situation in Bayern souverän zu beherrschen, so Haffner, „dank einer einzigartigen Mischung von Einfallsreichtum und Tatkraft, Idealismus und listenreicher Wendigkeit, witterndem Feingefühl und Härte im Nehmen“. Er habe „eine eigenartige Mittelstellung zwischen dem rechten und dem linken Flügel der Partei“, der USPD, gehabt, schrieb der Historiker Arthur Rosenberg 1928 in seinem Buch über die Entstehung der Weimarer Republik.

    Klare Forderungen

    Die Münchner Revolution begann den Berichten zufolge mit einer von der SPD organisierten Massenversammlung auf der Theresienwiese am Nachmittag des 7. November. Bayerns SPD-Chef Erhard Auer habe der königlichen Landesregierung zuvor zugesichert, die Massen unter Kontrolle zu haben – sowie seine Partei bereits im Januar zuvor gegen die Streiks gearbeitet hatte.

    Auf der Kundgebung wurde eine Resolution verabschiedet, mit der ein sofortiger Frieden und der Rücktritt des Kaisers ebenso gefordert wurde wie der Achtstundentag und eine Arbeitslosenversicherung. Das ist in dem Buch „Der kurze Frühling der Räterepublik“ von Simon Schaupp, einem „Tagebuch der bayrischen Revolution“ auf Grundlage von Zeitzeugen-Erinnerungen, nachzulesen.

    Doch während Auer einen Teil der Teilnehmenden nach der Kundgebung laut Haffner zum Nachhausegehen überreden konnte, sei Eisner mit vielen anderen zu den Kasernen im Münchner Norden gezogen. In der bayrischen Hauptstadt waren den Berichten nach immerhin 52.000 Soldaten stationiert. „Dort spielte sich am frühen Abend der entscheidende Akt jedes Staatstreichs ab, das ‚Umdrehen‘ der bewaffneten Macht“, so der Historiker. Die Soldaten hätten sich den Demonstrierenden angeschlossen, ist bei Schaupp zu lesen. In einer Kaserne hätten Offiziere versucht, das zu verhindern, was nicht gelang.

    Alleingelassener König

    Während es insgesamt nicht zu Gewaltausbrüchen gekommen sei, seien in einer anderen Kaserne Schüsse gefallen, die einen 16-Jährigen verletzt hätten. Einen Sturm auf diese Kaserne durch revolutionäre Soldaten und damit großes Blutvergießen habe der anarchistische Schriftsteller Erich Mühsam verhindern können.

    Unterdessen hat laut dem „Tagebuch“ von Schaupp Bayerns König in seiner Residenz feststellen müssen, dass das gesamte Personal und die Wachen nicht mehr da waren – „Man hat ihn offensichtlich sitzen lassen.“ Daraufhin habe Ludwig III. nach entsprechenden Ratschlägen begonnen, seine Flucht vorzubereiten. Alles sei aber dafür vorbereitet gewesen, Monarchie und Regierung zu verteidigen, so der Autor. „Allerdings ist nun niemand mehr bereit, den Befehlen Folge zu leisten.“

    Als der Zug der Demonstranten am Schloss angekommen sei, hätten sie sich von einigen Polizisten am Eingang aufhalten lassen, berichtet Schaupp. „Vor dem Polizeimajor, der die Menge zur vernünftigen Ruhe und Ordnung‘ mahnt, salutieren sogar einige der aufständischen Soldaten. Am Ende lassen sich die Demonstrierenden von den Worten des Majors besänftigen und ziehen wieder ab, ohne in die Residenz einzudringen.“

    Erste deutsche Republik

    Eisner habe dann zusammen mit anderen die ersten Arbeiter- und Soldatenräte gegründet. Danach habe sich der Revolutionsführer mit Mitstreitern zum Landtag begeben, so Schaupp. Dort rief Eisner die Republik aus und wurde von Vertretern der Arbeiter- und Soldatenräte zum Ministerpräsidenten des ersten Freistaates Bayern ernannt, wie Haffner berichtet.

    Laut seinen Angaben stellte Eisner am Vormittag des 8. November 1918 entscheidende politische Weichen. Er entließ den königlichen Ministerpräsidenten, machte SPD-Chef Auer zum Innenminister und präsentierte auf der ersten Sitzung des „Provisorischen Nationalrates“ sein Kabinett. „Die Münchner Revolution war komplett“, so der Historiker, „durchgeführt in einem rasanten Alleingang und innerhalb von vierundzwanzig Stunden“.

    „Die SPD ist völlig überrumpelt von der ungeplanten sozialistischen Machtübernahme“, stellt Schaupp fest. SPD-Chef Auer habe noch versucht, „bei militärischen Stellen Truppen zur Niederschlagung der Revolution anzufordern. Aber sogar die preußischen Soldaten haben sich mit den revolutionären verbündet. Langsam dämmert es Auer, dass er vorerst keine andere Wahl hat, als eine gemeinsame Regierung mit der USPD unter Eisner zu bilden.“

    Klare Ziele

    Eisner habe nicht nur Bayern im Blick gehabt, meinte Haffner, sondern, „im Gegensatz zu Ebert, vom ersten Tage an einen klaren Blick für die internationale Lage des besiegten Deutschland und eine klare außenpolitische Konzeption“. Sein Ziel sei es gewesen, einen Diktatfrieden zu verhindern, indem er vor allen mit den USA Kontakt aufgenommen habe und den Bruch mit dem alten System deutlich zu machen versuchte. „Mit Russland hatte er nichts im Sinn“, schrieb Haffner über den bayrischen Revolutionär.

    Dieser war aus Sicht von Haffner vor 100 Jahren „der einzige Mann in Deutschland, der mit scharfem Spürsinn erfasste, worauf die deutsche Revolution hinzielte, und ihr geschickte Geburtshilfe gab“. Friedrich Ebert habe dagegen die Revolution abwürgen wollen und Karl Liebknecht etwas verlangt, was die deutschen Revolutionäre nicht wollten. „Der wahre Gegenspieler Eberts war nicht Liebknecht, es war Eisner.“

    Laut dem Historiker Rosenberg hielt Eisner die revolutionäre Einführung des Sozialismus für undenkbar. „Aber er sah die Aufgabe der deutschen Arbeiter und Sozialisten darin, eine radikale bürgerliche Revolution durchzuführen. Die Revolution sollte die Militärgewalt und die Dynastien stürzen, den sofortigen Frieden sichern und in Bayern eine tätige Demokratie unter Führung der Arbeiter und Bauern sichern.“

    Revolutionärer Realpolitiker

    Das traf sich mit den Erwartungen der revolutionären Massen in Bayern wie im übrigen Deutschland vor 100 Jahren, auf die Haffner aufmerksam machte. „Der neue Staat sollte ein Arbeiterstaat sein; Eisner fügte hinzu: auch ein Bauernstaat. Bayern unter Eisner war das einzige deutsche Land, in dem auch Bauernräte von Anfang an eine wichtige Rolle spielten.“ Doch auch hier sei es nicht um eine Rätediktatur nach sowjet-russischem Vorbild gegangen, sondern um „eine konstitutionelle Rätedemokratie“, so Haffner. Eisner sei der „einzige revolutionäre Realpolitiker in Deutschland“ gewesen.

    Zwar blieb die USPD unter Eisner bei den Landtagswahlen im Januar 1919 in Bayern in der Minderheit – Sieger wurde die Bayrische Volkspartei, die Vorgängerin der heutigen CSU. Aber die von Eisner angeführte Münchner Revolution vom 7. November war aus Sicht von Rosenberg „dadurch möglich, dass die Soldaten, die vorwiegend vom Lande stammten, die Parolen Eisners und seiner Gruppe annahmen“. Der Historiker weiter: „Die Soldaten sagten sich, dass die Taktik Eisners zumindest das sofortige Ende des Krieges für Bayern bringe.“

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    Rosenberg stellte zehn Jahre nach den Ereignissen fest, dass in Bayern die Mehrheitssozialisten unter Auer sofort führenden Einfluss auf den weiteren Gang der Revolution bekamen. „Denn sobald den Massen die Beendigung des Krieges gesichert erschien, setzte hier, wie überall in Deutschland und an der Front, die rückläufige Bewegung ein. Die Münchner Ereignisse am 7. und 8. November boten das direkte Vorbild für die republikanische Entwicklung im übrigen Deutschland, vor allem in Berlin.“

    Blutige Konterrevolution

    Haffner fragte in seinem Buch von 1969, „ob eine erfolgreiche Revolution in Bayern sich gegenüber einer siegreichen Gegenrevolution im übrigen Deutschland auf die Dauer hätte halten können“. Im „Tagebuch“ von Schaupp ist zu lesen, wie bereits am 8. November 1918 der ehemalige bayrische Kriegsminister Philipp Freiherr von Hellingrath versuchte, Truppen für die Gegenrevolution zu organisieren.

    Am Ende wurde Ministerpräsident Eisner am 21. Februar 1919 von dem rechtsradikalen Offizier Anton Graf von Arco-Valley ermordet. Die folgende bayrische Räterepublik und ihre „Rote Armee“ im Mai 1919 wurde auf Befehl von SPD-„Bluthund“ Gustav Noske von Reichswehr und Freikorps blutig niedergeschlagen. Die mit einem friedlichen Marsch am 7. November 1918 in München begonnene bayrische Revolution wurde etwa sieben Monate später in einem konterrevolutionären Blutbad ertränkt.

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    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
    Tags:
    Geschichte, Revolution, Erster Weltkrieg, Bayern, Deutschland