13:09 15 November 2018
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    Friedhof der Maueropfer in West-Berlin 1981

    "Gewollte Manipulation" - Ist die offizielle Zahl der Mauertoten zu hoch?

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    327 Menschen sollen zwischen 1949 und 1989 an der innerdeutschen Grenze ihr Leben verloren haben. Das besagt eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie. Doch es gibt Zweifel an dem Werk. Laut Medien-Recherchen werden sogar Täter als Opfer aufgeführt.

    Die Studie wurde im Jahr 2012 vom damaligen Kulturstaatsminister Bernd Neumann in Auftrag gegeben. Die Kosten sollen sich auf 650.000 Euro belaufen. 2017 stellten die Autoren vom Forschungsverbund SED der FU Berlin ihr Werk gemeinsam mit Monika Grütters, der heutigen Kulturstaatsministerin, vor. Die Zahl von 327 Maueropfern wurde damals in den Medien veröffentlicht.

    Eine Recherche des RBB lässt große Zweifel an der Studie aufkommen. Nach Angaben des Senders können mindestens 50 der Opferfälle angezweifelt werden. So zähle die Studie auch Offiziere, die Suizid begangen haben, und einen in Moskau hingerichteten Ex-Waffen-SS-Mann zu den Opfern. Auch Volkspolizisten, die bei einem Amoklauf ums Leben kamen, würden demnach als Grenzopfer aufgeführt, obwohl es keinen direkten Zusammenhang mit der Grenze gebe. Viele Todesopfer entpuppten sich zudem sogar als gescheiterte Vollstrecker des Grenzregimes. Das wurde dem RBB durch Zeitzeugen bestätigt.

    Fragwürdige Fälle in der Statistik

    Ein von den Rechercheuren angeführtes Beispiel sei der Fall von Hans Schmidt aus Glöwen. Der Major habe sich 1988 nach einem Dienstgespräch im Grenzausbildungsregiment erschossen. Als Begründung, warum dieser Fall in der Mauertoten-Statistik aufgeführt wird, antwortet Jochen Staadt, einer der Autoren, dem RBB: „Er hat vorher als Major gedient. Er ist an den Anforderungen des Dienstes zerbrochen und hat Suizid begangen. Das ist für mich ein Opfer des DDR-Grenzregimes." Nach RBB-Informationen gibt es keine Belege, die diese Aussage stützen. Stattdessen hatte der Offizier offenbar ein Alkoholproblem, was auch Verwandte den Journalisten bestätigten.

    Der Rundfunk Berlin Brandenburg hat weitere Todesfälle recherchiert, bei denen Angehörige kein Verständnis dafür haben, dass die Verfasser der Studie diese Toten zu den 327 Opfern an der deutsch-deutschen Grenze zählen.

    Historiker spricht von „gewollter Manipulation“

    Ein weiterer zweifelhafter Fall ist der des Ex-Waffen-SS Mannes Walter Monien. Dieser habe sich nach Kriegsende bei der Volkspolizei beworben und wollte im Jahr 1951 in den Westen flüchten. Die Autoren zählen ihn zu den Opfern. Beim RBB heißt es dazu:

    „Weil Monien ‚Fahnenfluchtabsichten hatte‘ ist er einem sowjetischen Militärtribunal übergeben worden […] und in Moskau zum Tode verurteilt und hingerichtet worden."

    Ein Mitarbeiter der Stasi soll Monien verraten haben. Allerdings wurde die Stasi laut dem Bericht auf Monien aufmerksam, „weil er vor Kameraden mit seinem SS-Blutzeichen und Morden im Krieg prahlt. Der Haftgrund von 1951 liest sich eindeutig: ‚Erschießungen von sowjetischen Kriegsgefangenen, beleidigt Persönlichkeiten der Sowjetunion und der DDR…‘“

    Der Waffen-SS-Mann wollte offenbar viel mehr vor einer Verurteilung wegen Kriegsverbrechen flüchten. Christian Sachse, Historiker und Vertreter der Union der Opferverbände, sagt, er könne diesen Fall „nur als gewollte Manipulation verstehen.“

    „Verhöhnung der Opfer“

    Mit den gegenteiligen Belegen konfrontiert, wollte Jochen Staadt, einer der Autoren der Studie, dem RBB eine Liste von Zeitzeugen geben, die seine Ergebnisse stützen. Das hat er nach Angaben des Senders offenbar nicht gemacht. Kritik an dem Werk weist er demnach zurück.

    Kulturstaatsministerin Monika Grütters dagegen will zweifelhafte Fälle prüfen lassen. Sie sagte dem RBB: "Wenn es ernsthafte Zweifel gibt, dann werde ich dem sofort nachgehen." Es sei höchste Zeit, sagt Historiker Christian Sachse. "Wenn Täter zu Opfern gemacht werden, dann ist das eine Verhöhnung der Opfer."

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    Tags:
    Manipulationen, Zahl, Opfer, Berliner Mauer, rbb, Ost-Berlin, DDR, Berlin, Deutschland