19:33 20 November 2018
SNA Radio
    PEGIDA-Demo in Dresden (Archivbild)

    Jeder dritte Deutsche ein Ausländerfeind? Studie belegt steigenden Fremdenhass

    © Sputnik / Alexej Witwizkij
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Marcel Joppa
    435337

    Ausländerfeindlichkeit hat in Deutschland erneut zugenommen. Das belegt eine repräsentative Studie der Universität Leipzig. Fast jeder dritte Deutsche stimmt demnach fremdenfeindlichen Aussagen zu, im Osten sogar jeder zweite. Die Angst vor Überfremdung steige ebenso wie der Wunsch nach autoritärer Führung. Davon profitiert vor allem die AfD.

    Ausländer nutzen den deutschen Sozialstaat aus, die Bundesrepublik überfremdet – dieser Aussage stimmt im Osten Deutschlands fast jeder Zweite zu. Das ist eines der Ergebnisse der „Leipziger Autoritarismus-Studie“ des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig. Die Untersuchungsergebnisse wurden nun am Mittwoch in Berlin vorgestellt.

    Je weniger Migranten, desto mehr Hass?

    Die Ausländerfeindlichkeit sei im gesamten Land immer stärker verbreitet, das zeige die aktuelle Befragung ganz deutlich, erklärt Studienleiter Prof. Dr. Elmar Brähler. In Zahlen bedeute dies beispielsweise, dass im Osten rund 45 Prozent der Befragten von einer Überfremdung Deutschlands überzeugt sind, im Westen der Republik etwa 36 Prozent. Ob das auch mit dem Migrantenanteil im jeweiligen Bundesland zusammenhängt, erläutert Prof. Brähler so:

    „Wir können sagen: Je geringer der Migrantenanteil im Bundesland ist, desto mehr fühlt man sich im gefährlichen Maße überfremdet. Es gibt eine kleine Ausnahme, das ist Bayern. Die Bayern haben viele Migranten im Land und fühlen sich auch überfremdet, aber die neuen Bundesländer, die relativ wenig Migranten haben, fühlen sich am deutlichsten überfremdet.“

    Allerdings, so der Forscher, sei die gemessene Ausländerfeindlichkeit in Deutschland im Jahr 2012 sogar noch höher gewesen. Dies habe mit den großen Unsicherheiten durch die damalige Wirtschafts- und Bankenkrise zusammengehangen.

    Die „Rebellen“ von Pegida …

    Eine große Rolle bei Personen mit fremdenfeindlichen Ansichten hätten die so genannten Persönlichkeitsfaktoren, erklärt der zweite Studienleiter, Prof. Dr. Oliver Decker. In der Studie ist nachzulesen, dass rechtsextreme Einstellungen entweder mit einer hohen Unterwerfungsbereitschaft zu tun hätten, oder aber das genaue Gegenteil widerspiegelten:

    „Es gibt auch einen Autoritarismus des rebellischen Typus. Das ist derjenige, der gegen eine Regierung auf die Straße geht, weil sie ihm nicht hart genug ist und dann sogar noch von einer Frau repräsentiert wird. Die Pegida-Demonstranten beispielsweise demonstrieren gegen die Regierung. Das hängt damit zusammen, dass sie idealisierend auf autokratische Herrscher wie Putin schauen und das den Typus abbildet, den sie eigentlich möchten.“ 

    Prof. Decker hebt hervor, dass Fremdenhass keinesfalls nur im sozial schwachen Milieu angesiedelt sei, sondern sich quer durch alle Schichten der Bevölkerung ziehe. Jedoch gebe es einen deutlichen Zusammenhang zwischen einem autoritären Elternhaus und einer späteren Neigung zum Rechtsextremismus.

    Ebenfalls untersucht wurde in der Studie die allgemeine Ausprägung des Autoritarismus in der Bevölkerung. Dies könne man laut Prof. Decker nicht speziell rechter oder linker Ideologie zuordnen. Autoritäre Aggressionen finde die Studie aktuell bei 64 Prozent aller Personengruppen in der Bundesrepublik:

    „Das heißt, diese Menschen wollen, dass Unruhestifter hart bestraft werden. Es geht um die Betonung der eigenen Norm gegenüber anderen. Und die sollen bitteschön auch spüren, dass sie hier nicht erwünscht sind. Das ist ein klarer Faktor, der die Gegenwart prägt. Im Osten findet man dies etwas mehr als im Westen.“

    Auch Antisemitismus wurde in der Studie erfasst, dieser sei trotz leichtem Rückgang weiterhin ein großes Problem in Deutschland. Der Aussage „Juden passen nicht zu uns“ stimmten beispielsweise im Jahr 2002 über 30 Prozent der Befragten zu, heute sind es laut Studie noch rund 20 Prozent.

    Die „neue Heimat“ AfD …

    Auch die politischen Präferenzen hätten sich nach Prof. Decker im Laufe der Jahre verändert. Während noch vor zehn Jahren Fremdenfeindlichkeit in geringem Maß bei Wählern von Union und SPD angesiedelt war, konzentriere sich dies heute fast ausschließlich auf die AfD:

    „Die Wählerschaft ist rechtsextrem eingestellt. Sie haben dort tatsächlich mehr als 40 Prozent Ausländerfeindlichkeit, sie haben den höchsten Anteil an antisemitischen Einstellungen in dieser Wählergruppe. Bei der AfD ist jetzt das Wählerpotenzial, was bisher an CDU, CSU und SPD gebunden war, angekommen und hat dort eine Heimat gefunden.“

    Eine gute Nachricht für die regierenden Parteien gibt es dennoch: Vor allem im Osten sei die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie von rund 27 Prozent im Jahr 2006 auf heute knapp 47 Prozent gestiegen.

    Langzeitstudie als Stimmungsbarometer

    Seit 2002 erhebt das Forschungsteam der Universität Leipzig autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. Diese Studienreihe, die als Leipziger „Mitte-Studie“ bekannt wurde, hat sich zu einem der wichtigsten Barometer der politischen Kultur in Deutschland entwickelt. Die Forscher geben allerdings zu bedenken, dass die gemessenen Werte lediglich auf den Aussagen der Befragten beruhen. Die tatsächliche und insgeheime Gesinnung der jeweiligen Probanden könnte ggf. von den Ergebnissen abweichen.

    Der Bericht als Radiobeitrag zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Neue Bundesländer, Migranten, Studie, Fremdenfeindlichkeit, Ausländerangst, Rassismus, Universität Leipzig, SPD, CDU/CSU, Partei Alternative für Deutschland (AfD), PEGIDA, Ostdeutschland, Deutschland