18:35 20 November 2018
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    Philipp Scheidemann (Archiv)

    Das Ende der Legende vom 9. November 1918? – „Die Republik war schon da“

    © Foto: Underwood&Underwood/Columbia University Libraries/Halsey, Francis W. (Francis Whiting), 1851-1919, comp
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    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
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    Die Novemberrevolution 1918 hat Deutschland zur Republik gemacht. Das gilt als sicher. Unklar scheint aber, wer es nach der gemeldeten Abdankung von Kaiser Wilhelm II. dazu erklärt hat. Der Historiker Lothar Machtan, Autor des Buches „Kaisersturz“, hat Zweifel an der bisherigen Legende dazu angemeldet. Er erklärt das im Interview genauer.

    Für den Bremer Historiker Lothar Machtan handelt es sich um eine „schöne Geschichte“ und „zählebige Legende“: Der sozialdemokratische Staatsekretär und Reichstagsabgeordnete Philipp Scheidemann soll am 9. November 1918 gegen 14 Uhr vom Reichstag aus den revolutionären Massen gegenüber die deutsche Republik ausgerufen haben. Dafür gebe es keine Belege, schrieb Machtan in einem Beitrag für die Wochenzeitung „Die Zeit“ am 4. April 2018. Er machte darin auch darauf aufmerksam, dass das entsprechende Foto zu Scheidemanns Auftritt eine Montage sein könnte.

    Widerspruch dazu kam vom Historiker Heinrich August Winkler, Autor von „Weimar 1918-1933 – Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie“, ebenfalls in der „Zeit“. Er verwies auf zeitgenössische Belege, nach denen Scheidemann doch die deutsche Republik ausrief. Das Onlinemagazin „Telepolis“ hat die Debatte nachgezeichnet. Sputnik hat bei Machtan nachgefragt.

    Am 9. November 1918 soll zweimal die Republik ausgerufen worden sein: Einmal von Philipp Scheidemann, der „die deutsche Republik“ ausgerufen hat, und dann hat Karl Liebknecht gewissermaßen nachgelegt und die „sozialistische Republik Deutschland“ ausgerufen. Sie haben Zweifel an der Ausrufung der Republik durch Scheidemann geäußert. Warum?

    Es gibt am 9. November eine ganze Reihe von politischen Akteuren, die überall an den maßgeblichen Stellen in Berlin die Republik hochleben lassen: als soziale Republik, als freie Republik, als sozialistische Republik. Im Nachhinein hat sich durch einen Prozess der geschichtspolitischen Mythisierung die ganze Sache auf diese beiden Figuren Scheidemann und Liebknecht verdichtet, die man dann polar gegeneinander gesetzt hat. Für mich sind aber auch diese Proklamationen nur spezifische Erscheinungsformen dieses Volksaufstandes vom 9. November und nicht mehr. Alles andere ist nachträglich hergestellte Konjektur, heute würde man Fake News dazu sagen.

    Sie haben in einem Beitrag in der Wochenzeitung „Die Zeit“ Zweifel daran geäußert, dass Scheidemann tatsächlich die Republik ausgerufen hat. Mit was belegen Sie das?

    Ich bezweifle nicht, dass Scheidemann die Republik hat hochleben lassen. Aber das war erst einmal völlig unspektakulär. Weil: die Republik war bereits da. Sie musste nicht ausgerufen werden. In dem Augenblick, wo das Kaiserreich kapitulierte und dem Volk sozusagen das Gewaltmonopol abgetreten hat, war die Republik da. Und es gab keine Alternative mehr. Eine förmliche Ausrufung der Republik war durch Scheidemann auch gar nicht möglich. In welcher Eigenschaft hätte er das denn machen sollen, mit welchem Mandat?

    prof. Lothar Machtan in Berlin
    © Foto : Privat
    prof. Lothar Machtan in Berlin

    Das heißt, das ist eben Teil dieser Mythografie und hängt damit zusammen, dass diese Revolution schon unmittelbar nach ihrem Ausbruch immer beides war: Einerseits so eine polymorphe Ereigniskaskade, die sich an verschiedensten Orten abgespielt hat, aber auch immer wieder der Versuch, sie politisch auszudeuten und diese Deutung für das eigene politische Interesse zu reklamieren. Diese Umsturzbewegung war ja schon damals politisch sehr gespalten, auf unterschiedlichen Ebenen, mit unterschiedlichen Menschen. Übrigens mischt in diesem ganzen Zusammenhang auch noch der Linksliberalismus mit. Das linksliberale Bürgertum versucht ebenfalls, sich Ebert anzudienen, mit einer eigenen Interpretation dieser Revolution. Dieses ganze Wirrwarr muss man erst einmal entzerren, um überhaupt wieder dazu zu rekonstruieren: Was hat sich faktisch abgespielt und was ist nachträglich in diese Ereignisse hineingedeutet worden?

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    Was wurde im Fall Scheidemann nachträglich hineingedeutet? Es gibt Hinweise, dass die Rede erst später aufgezeichnet worden ist. Es gab eine Reaktion von Heinrich August Winkler, einem der Historiker für die Weimarer Republik, auf das, was Sie in der „Zeit“ geschrieben hatten …

    Das war natürlich ein Schlag ins Kontor des Herrn Winkler, der in seiner Meistererzählung immer in diesem Akt, in diesem ikonischen Moment, die Geburtsstunde oder gar —urkunde der Weimarer Republik gesehen hat. Vor dem 9. November hat in Deutschland niemand so etwas wie die Weimarer Republik gewollt, jedenfalls keine der maßgeblichen politischen Kräfte im Reichstag. Die wollten alle die deutsche Monarchie modernisieren und verbessern, aber nicht abschaffen.

    Dieser Text, der in den Zeitungen am 10. November 1918 veröffentlicht worden ist, wurde von einem Sozialdemokraten redigiert. Interessanterweise greift die sozialdemokratische Presse diesen Redetext aber gar nicht auf. Sondern es sind gerade die bürgerlichen Zeitungen, die ihn abdrucken, weil sie darin einen Ausweg weg von der Gefahr einer bolschewistischen Machtübernahme sehen. Deswegen stürzen die sich geradezu auf diese Presseerklärung. Wenn man die vergleicht mit dem, was Zeitzeugen aufgeschrieben haben, ist sie sehr viel pathetischer, sehr viel staatstragender, und kommt so einem Dokument schon am ehesten nahe, was man damals bereits unter einer Republikproklamation verstanden hat. Aber wie gesagt: Diese Rede ist nicht mitstenografiert worden, sondern jemand hat sie dann zurechtredigiert. Und das wurde dann immer weiter tradiert.

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    In Ihrem Buch „Kaisersturz“ über die Ereignisse gibt es eine Wiedergabe dieser Rede. Worauf stützt sich die?

    Es gab einen Reichstagsabgeordneten der dänischen Minderheit im Reichstag, Hansen mit Namen, der Tagebuch geführt hat. In dieses Tagebuch hat er einen Redetext aufgenommen, von dem er behauptet – wir wissen es auch nicht so genau –, er hätte ihn unmittelbar nachdem Scheidemann gesprochen hat so aufgeschrieben. Wenn man sich dieses Tagebuch insgesamt anguckt, dann kann man schon davon ausgehen, dass er da wenig umgeschrieben hat. Deswegen hat das für mich eine große Glaubwürdigkeit. Auch, was er so über die kontextuellen Bedingungen der Novembertage berichtet, und sonstige Wiedergaben. Von daher vertraue ich diesem Text mehr als dem, was in den Zeitungen publiziert worden ist. Da taucht eigentlich immer nur auf, dass Scheidemann die Republik hat hochleben lassen, aber nicht, dass er einen förmlichen Staatsakt inszeniert hat mit dem, was er da auf dem Reichstags-Balkon getan hat.

    Die einen haben von einer „verratenen Revolution“ geschrieben, die nächsten von der „wunderlichsten Revolution“, die nächsten von der „größten Revolution“. Ihr Buch heißt „Kaisersturz“ und beschäftigt sich mehr mit der Abdankung des Kaisers Wilhelm II. Wie würden Sie die Novemberrevolution einschätzen?

    Ich würde schon davon ausgehen, dass es sich hier um eine der wesentlichen politischen Zäsuren in der Geschichte des 20. Jahrhunderts gehandelt hat. Allerdings weniger intentional mit Blick auf die Akteure, sondern in der Ereignisdynamik des unerwarteten Zusammensturzes dieser Monarchie, die man praktisch für „unkaputtbar“ gehalten hat. Dann diese Sturzgeburt einer Republik, mit der die Nachlassverwalter irgendwie umgehen müssen. Dann die Wahlen zu einer Nationalversammlung und im Vorfeld schon die Konzessionierung demokratischer Rechte wie dem Frauenwahlrecht beispielsweise. All das führt zu einem beschleunigten Prozess des politischen Wandels. Die politische Landschaft wird umgekrempelt. Insofern kommt der Novemberrevolution, die diesen Prozess auslöst bzw. anstößt, eine große Bedeutung zu.

    Lothar Machtan ist emeritierter Professor für neuere Geschichte an der Universität Bremen und hat unlängst das Buch „Kaisersturz – Vom Scheitern im Herzen der Macht“ veröffentlicht. Darin geht es um die Geschehnisse um die am 9. November 1918 gemeldete Abdankung des Kaisers Wilhelm II., der davon gar nichts gewusst haben soll, und die Folgen.

    Das diente als Grundlage für den gleichnamigen Spielfilm des ZDF über die historischen Ereignisse. Der Film wird am Samstag, 10. November, vom Sender „Phoenix“ ab 20.15 Uhr wieder ausgestrahlt. Machtan selbst stellt sein Buch am Freitag, 9. November, ab 19 Uhr im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann vor.

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    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
    Tags:
    Aufstand, Republik, Revolution, Novemberrevolution 1918, Deutschland