04:52 15 November 2018
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    Feiertag des Endes des Ersten Welt Krieges in Großbritannien

    100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg – Was lehrt die Geschichte?

    © AP Photo / Matt Dunham
    Gesellschaft
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    Natalia Pawlowa
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    80 Staats-und Regierungschefs gedenken am 11.November in Paris der „Ur-Katastrophe“. Die Länder-Nachfolger der Kriegsparteien würdigen Andenken der Opfer eines der umfassendsten bewaffneten Konflikte in der Geschichte der Menschheit. Im Rückblick nach einem Jahrhundert analysiert der Historiker die Ursachen und Folgen des Krieges.

    Der Erste Weltkrieg von 1914-1918 habe unzählige Menschenopfer gefordert, viele soziale Nöte ausgelöst, von denen viele Länder Europas betroffen gewesen seien. Der Krieg habe für die Entwicklung vieler Staaten unumkehrbare Folgen nach sich gezogen. Er habe starke Auswirkungen auf die Nachwelt der Europäer gehabt, betonte der Direktor des Staatlichen Historischen Museums in Moskau, Alexej Lewykin, im Gespräch mit Sputnik.

    „Russland und Deutschland, auch Frankreich und England, waren die wichtigsten Kriegsparteien. Aber Russland und Deutschland haben nicht nur die meisten Menschenopfer zu beklagen gehabt, sondern auch soziale Verluste erlitten. Wir wissen, wozu das in Russland geführt hat, wir wissen, wozu das in Deutschland geführt hat. Viele Aspekte, wovon wir nicht die leiseste Ahnung haben, wurzeln in jenem ungeheuren Blutvergießen. Und zwar, die Vorstellung von dem Wert des menschlichen Lebens, die Behandlung der Zivilbevölkerung. Es war der erste Krieg, in dem die Zivilbevölkerung riesige Verluste erlitten hat – nicht nur die Soldaten, wie wir es gewohnt waren. Es war der erste Krieg, in dem Massenvernichtungswaffen und Giftgase zum Einsatz kamen.“

    Der Erste Weltkrieg hat den Zusammenbruch von vier Kaiserreichen herbeigeführt, Europas Landkarte umgestaltet, die Weltanschauung der Menschen verändert. Der Zusammenbruch der Kaiserreiche habe einen fürchterlichen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Weltgemeinschaft ausgeübt, fährt Lewykin fort.

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    „Eine Folge war, dass 20 Jahre später der Zweite Weltkrieg ausbrach, da die Grenzfragen und die Probleme in den Beziehungen ungelöst geblieben waren. Deutschland hatte Einwände, fühlte sich gedemütigt, was Revanchismus den Weg bahnte. Für Russland mündete dieser Krieg in einen ausgesprochen schweren Bürgerkrieg, der viel zahlreichere Opfer als die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs forderte. Die Folge war im Endeffekt die Etablierung eines totalitären Regimes.“

    Wo sind die Ursachen? Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs sah sich die Welt unter den bedeutendsten Großmächten praktisch restlos geteilt. Staaten wie Deutschland, Japan, die USA, die später den Weg des Kapitalismus beschritten hatten, verdrängten aus den internationalen Märkten die Altmeister Großbritannien und Frankreich, strebten eine Neuaufteilung der Kolonien an. Ihre Interessen kollidierten in Afrika, im Nahen Osten, am Balkan. Viele Streitpunkte gab es zwischen Großbritannien und Frankreich, Großbritannien und Russland, Österreich-Ungarn und Italien sowie der Türkei und Italien.

    Die persönlichen Ambitionen der Politiker und die wirtschaftlichen Interessen hätten im Endeffekt den Teufel des Krieges aus der Flasche befreit. Jeder von den Staaten habe zu einem gewissen Zeitpunkt diese Entwicklung vermeiden können, und der Krieg wäre ausgeblieben, merkte Lewykin an.

    „Der russische Historiker Kljutschewski hatte gesagt: Die Geschichte lehrt nicht, sondern bestraft einen hart für ihre missachteten Lehren. Die Menschheit macht immer wieder Fehler. Jedes Mal, wenn die Menschen einen Krieg beenden, insbesondere einen globalen, träumen sie davon, dass er sich nie wiederholt. Leider wiederholt es sich immer wieder. Denn wieder hegt jemand politische Ambitionen oder kümmert sich nur um den eigenen Beutel. Dies sollen wir immer wieder im Auge behalten.“

    Die Sammlung des Historischen Museums enthält viele Dokumente. Laut Lewykin war die Arbeit an der Auffüllung der Bestände faktisch in den ersten Kriegstagen, im August 1914, begonnen worden. Im Museum gab es sogar eine spezielle „Abteilung für den laufenden Krieg“, bei der bis 1917 Material einging, also bis zur Oktoberrevolution.

    In Russland kommt das Interesse für die Ereignisse vor einem Jahrhundert nicht von ungefähr. Laut Forschern ist von jenem Krieg wenig bekannt. Zu Sowjetzeiten wurde der Erste Weltkrieg ausschließlich als imperialistisch aufgefasst. Die Namen der Helden wurden vergessen. In der Sammlung gibt es einzigartige historische Dokumente, Gemälde, die während der Kampfhandlungen von Malern ausgeführt wurden, die extra dafür an die Front gereist waren. Das sind sowohl Darstellungen von Ereignissen als auch Bildnisse von Trägern des Ordens des Heiligen Georgs, Offiziere und legendäre Generäle –Judenitsch, Alexejew, Brussilow. Es gibt Erinnerungsstücke der historischen Personen.

    Die Kriegsparteien hatten unersetzbare Verluste zu beklagen. Aber „kein Land wurde vom Schicksal so grausam heimgesucht wie Russland. Sein Schiff sank auf den Grund, als der Hafen schon in Sicht war. Dennoch erfüllte Russland seine Pflicht als Bündnispartner“, schrieb der britische Ministerpräsident Winston Churchill:

    „Dies muss man dem Zaren und der russischen Nation lassen: Den edlen Heldenmut und die Treue zu den Verbündeten, mit denen sie sich in den Krieg gestürzt haben. Hätten sich die Russen nur von eigenen Interessen leiten lassen, hätten sie die russischen Truppen von der Grenze abziehen sollen, bis die Mobilmachung im riesengroßen Lande zu Ende sein würde.“

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    Der französische Feldherr aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte Ferdinand Foch, schätzte Russlands Verdienste um Frankreich wie folgt ein:

    „Dass Frankreich nicht von der Landkarte Europas vertilgt wurde, haben wir vor allem Russland zu verdanken, da die russische Armee durch ihre aktive Einmischung einen Teil der Kräfte gefesselt und uns somit erlaubt hat, den Sieg an der Marne zu erringen.“

    Das war die letzte Schlacht des Russischen Kaiserreichs.

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    Tags:
    Menschenopfer, Verluste, Krieg, Oktoberrevolution 1917, Erster Weltkrieg, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland