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    Gleiche Rechte - Gleiche Pflichten - SPD-Wahlplakat 1919 (Archiv)

    Die Revolution 1918 und die Frauen: Verfolgt, verhaftet – und dann vergessen?

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    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
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    Männer bestimmen die Erinnerung an die revolutionären Ereignisse im November 1918 in Deutschland. Matrosen haben sie in Gang gebracht und Politiker ihre Richtung bestimmt. Die Rolle der Frauen dabei scheint auf Rosa Luxemburg beschränkt. Dabei handelt es sich um einen Irrtum, wie Gisela Notz in Texten über Frauen in der Revolution zeigt.

    „Bei den meisten Texten, die sich mit den Ereignissen der Revolution um 1918/19 befassen, fehlt der Kampf der Frauen um eine andere Republik.“ Das stellt die Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz in einem Beitrag über „Die vergessenen Frauen der Revolution“ fest, der in der Ausgabe vom 27. Oktober der Zweiwochenschrift „Ossietzky“ erschien.

    Zwar wird immer wieder darauf hingewiesen, dass im November vor 100 Jahren in Deutschland neben anderen demokratischen Errungenschaften das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Das hatte die neue Regierung, der Rat der Volksbeauftragten aus MSPD und USPD, am 12. November 1918 erklärt. Doch tatsächlich sind in Text und Bild meist Männer zitiert und zu sehen, egal ob Politiker oder revolutionärer Matrose. Nur Rosa Luxemburg spielt da im Revolutions-Mainstream eine Ausnahme.

    Aktive Frauen mittendrin

    Notz erinnert in ihrem Text daran, dass „die vielen Frauen, die in den Rüstungsbetrieben arbeiteten und vor den Lebensmittelläden Schlange standen, schon lange“ rebellierten. „Sie forderten Frieden, Demokratie und Brot für ihre Lieben. Viele Frauen waren bei den revolutionären Aktionen, Demonstrationen und Streiks, zum Beispiel am Generalstreik im März 1919, und sogar an bewaffneten Aufständen beteiligt, etliche sind dabei umgekommen. Dennoch waren die Hauptagenten Soldaten, Matrosen und Arbeiter.“

    Die wenigen vorhandenen Berichte über Frauen in den Arbeiter- und Soldaten-Räten würden aus der bayrischen Räterepublik 1919 stammen. Die Autorin nennt weitere revolutionäre Frauen: Tony Sender von der USPD in Frankfurt/Main, Clara Zetkin (USPD, später KPD) habe die Räte in Stuttgart unterstützt, Martha Arendsee (USPD, später KPD) in Berlin.

    „Tatsächlich waren im November 1918 in den Räten von 28 Städten nur 50 Frauen verzeichnet, und nur in wenigen fielen sie überhaupt auf“, so Notz. „Offensichtlich wurden sie von den männlich dominierten Gremien ausgegrenzt. Auf dem Allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte vom 16. bis 21. Dezember 1918 in Berlin waren von 496 Delegierten zwei Frauen: Käthe Leu aus Danzig (USPD) und Klara Noack aus Dresden (SPD). Um die geringe Repräsentanz der Frauen deutlich zu machen, begann Käthe Leu ihre Rede mit der Anrede: ‚Parteigenossen und Parteigenossin‘. Die beiden Frauen sind heute vergessen.“

    Frauen kaum führend

    Schon bei den Januarstreiks 1918, dem Vorspiel zum revolutionären November, seien Frauen aktiv dabei gewesen. Doch nur die engagierte Berliner Gewerkschafterin und Pazifistin Cläre Casper sei als „als einzige Frau maßgeblich beteiligt“ gewesen. „Sie wurde ins Streikkomitee gewählt und von der Polizei als ‚unbekannte Frauensperson unter den Männern‘ registriert.“ Nachdem der Streik niedergeschlagen wurde, beschlossen die organisierenden Revolutionären Obleute, sich zu bewaffnen. Laut Notz sammelte Casper die Waffen in ihrer Wohnung, wofür sie denunziert worden sei bei der Polizei.

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    „Sie konnte diese aber davon überzeugen, dass sie sich niemals auf solche ‚gefährlichen Sachen‘ einlassen würde. Gemeinsam mit ihren Genossen verteilte sie vor einer Munitionsfabrik Flugblätter, beteiligte sich an der Besetzung von Rüstungsbetrieben, Rathaus und Polizeiwache und an einem großen Demonstrationszug zum Reichstag.“

    Die Autorin erinnert eben an Rosa Kempf, Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann und Sara Sonja Lerch in München. „Lerch, eine russische Jüdin, die schon 1905 bei der Russischen Revolution dabei gewesen war, stand mit Kurt Eisner an der Seite der Arbeiter an der Spitze im Januarstreik.“ Sie sei wie die anderen dafür verhaftet worden, habe statt Hafterleichterung Isolationshaft bekommen und sich nach acht Wochen in ihrer Zelle erhängt.

    Unterschiedliche Interessen

    Einige der in den Revolutionstagen wenigen aktiven Frauen seien später Abgeordnete in der Nationalversammlung und dem Reichstag gewesen. „Die Sozialistinnen brachten frischen Wind und neue Themen in das Parlament, denn sie sorgten dafür, dass soziale Probleme, die die unteren Schichten betrafen, zu denen die meisten selbst gehört hatten, öffentlich diskutiert wurden und dass die Sozialgesetzgebung nach deren Interessen weiterentwickelt wurde. Die liberalen und konservativen Volksvertreterinnen sahen sich eher als Repräsentantinnen ihres Standes.“

    Gegen Kriegsende sei es zum gemeinsamen Vorgehen der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegungen gekommen, erinnert Notz in einem anderen Text über den Kampf der Sozialistinnen um das Frauenwahlrecht. Dieser Beitrag unter dem Titel „Geächtet, verfolgt und inhaftiert“ erschien in der Broschüre „Emanzipation und Enttäuschung – Perspektiven auf die Novemberrevolution 1918/19“, herausgegeben von Bernd Hüttner und Axel Weipert für die Linkspartei-nahe Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS).

    Die Wissenschaftlerin macht darin darauf aufmerksam, dass in den Erinnerungen an die Ereignisse vor 100 Jahren zwar an das errungene Frauenwahlrecht hingewiesen wird. Aber: „Vergessen wird der Kampf der sozialistischen Arbeiterinnenbewegung, ohne den das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Frauen nicht durchgesetzt worden wäre.“ Der Kampf um das Frauenwahlrecht sei schwierig gewesen, „weil Frauen – bedingt sowohl durch ihre unterschiedliche soziale Herkunft als auch ihre unterschiedlichen politischen Vorstellungen – nicht die gleichen Interessen einbrachten“.

    Kein Kampf gegen die Männer

    Die Frauenorganisationen im bürgerlichen Lager hatten sich laut Notz im Kaiserreich darauf eingerichtet, dass demokratische Teilhabe für Frauen nur in langen Zeiträumen erreicht werden könnten. „Die völlig rechtlose Situation der Arbeiterinnen und Dienstmädchen nahmen sie nicht in den Blick. So kam es kaum zu gemeinsamen Aktionen, eher zu Behinderungen. Ohnehin war es für die bürgerlichen Frauen schwierig, weil keine der bürgerlichen Parteien die Forderung der Frauen nach dem Frauenwahlrecht unterstützte.“

    Nur die SPD habe seit ihrer Gründung 1863 für ein allgemeines Wahlrecht gekämpft und habe daran bis 1918, als es endlich eingeführt wurde, festgehalten. Die Autorin zeichnet  nach, wie sich Sozialdemokratinnen dafür einsetzten, so Ottilie Baader, Pauline Staegemann, Gertrud Guillaume-Schack, Clara Zetkin und Emma Ihrer. „Aber den Sozialistinnen ging es nicht um den ‚Kampf gegen die Männerwelt ihrer Klasse‘, sondern um den ‚Kampf gegen die Kapitalistenklasse und gegen die kapitalistische Ordnung. Daran hatten die Bürgerlichen kein Interesse.“

    Notz erinnert an einen weiteren Fakt: „Keine der führenden Frauen der proletarischen Frauenbewegung blieb von Verfolgung verschont, während viele ‚Bürgerliche‘ ungehindert konservative Politik betreiben konnten. Erst nach 1908 durfte der Wahlrechtskampf offen und offensiv geführt werden.“ Sie macht auch auf die Schwierigkeiten in der SPD aufmerksam, sich auf die ausdrückliche Forderung nach dem Wahlrecht für Frauen einzulassen.

    Mehr als das Wahlrecht eingefordert

    Aber die sozialistische Frauenbewegung habe nicht allein für das Frauenwahlrecht gekämpft, betont die Autorin. „Vielmehr verstand sie es im Kampf um Gleichberechtigung als Teil der ‚ganzen Frauenfrage‘, zu der eine ganze Reihe von Forderungen gehörte wie etwa die nach Schutz der Arbeiterinnen am Arbeitsplatz, sozialer Fürsorge für Mutter und Kind, Gleichbehandlung von verheirateten und ledigen Müttern, Bereitstellung von Kinderkrippen und Kindergärten, freie Schulmahlzeiten und Lehrmittelfreiheit.“

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    Die SPD sei immer wieder mit Anträgen für das Frauenwahlrecht im nur von Männern besetzten Reichstag gescheitert. Der November 1918 machte es endlich möglich – mit interessanten Folgen: Notz verweist auf Analysen der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 (ohne KPD-Beteiligung), „dass die absolute  Mehrheit der Sozialdemokratie durch die Einführung des Frauenwahlrechts verhindert wurde. Frauen wählten offenbar mehrheitlich konservative Parteien, von denen keine einzige sie in ihren Kämpfen unterstützt hatte.“ Immerhin stellten die gewählten 41 Frauen fast zehn Prozent der Abgeordneten. „Ein Frauenanteil in dieser Höhe wurde auf nationaler Ebene erst bei der Bundestagswahl im Jahr 1983 wieder erreicht“, so die Autorin.

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    Tags:
    Wahlrecht, Rolle, Kampf, Frauen, Novemberrevolution 1918, SPD, Deutschland