17:18 10 Dezember 2018
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    Germania-Gemälde von Philipp Veit. Die Weimarer Republik erklärte in ihrer Verfassung vom 11. August 1919 Schwarz-Rot-Gold zu den Reichsfarben.

    Novemberrevolution 1918: Verrat oder Scheitern?

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    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (17)
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    Die Ereignisse im November 1918 in Deutschland, die Novemberrevolution, sind Thema einer dreiteiligen Sputnik-Beitragsserie. Im dritten Teil geht es um die Geschehnisse nach dem 9. November und um die Frage, wer die Weichen für die weitere Entwicklung der ersten deutschen Republik gestellt hat.

    Am 9. November 1918 verkündete Noch-Reichskanzler Max von Baden, Kaiser Wilhelm II. habe abgedankt, wovon dieser selbst noch nichts wusste. Kurz darauf wurde in Berlin gleich zweimal die Republik ausgerufen, einmal als demokratische und beim zweiten Mal als sozialistische.

    Doch inzwischen sei der MSPD-Vorsitzende Friedrich Ebert zum „Verteidiger der alten Ordnung“ geworden, schrieb der Historiker Sebastian Haffner 1969 in seinem Buch „Die verratene Revolution“, das heute unter dem weniger deutlichen Titel „Die deutsche Revolution 1918/19“ weiter veröffentlicht wird.

    Novemberrevolution 1918: Kaiser weg und Republik gleich zweimal
    © Foto : National Archives and Records Administration
    Für Ebert sei die Revolution nur ein „furchtbares Unglück, ein furchtbares Missverständnis“ gewesen, mit dem er aber fertig werden wollte. Er habe dabei den Umstand genutzt, dass er nun nicht nur Reichskanzler, sondern immer noch Vorsitzender der größten deutschen Partei, der MSPD, war – eben jener Partei, deren Mitglieder den Großteil der revolutionär gestimmten Massen, der Arbeiter und Soldaten stellten. Sie sollten ihn, ihren Parteivorsitzenden, an die Spitze des Reiches stellen. Mit geschickten Zügen und Manipulationen sowie Zugeständnissen an die linke USPD gelang das auch.

    Wer die Revolution vorantrieb

    „Die Revolution in Berlin war so gutmütig, wie sie überall gewesen war. Wenn Blut vergossen wurde, dann von der anderen Seite“, schrieb Haffner. Vereinzelte kaisertreue Offiziere hätten auf revolutionäre Soldaten schossen. Etwa 15 Tote soll es gegeben haben, was kaum bekannt wurde. Nach dem das anfangs erwartete Massaker ausgeblieben sei, habe sich Erleichterung, ebenso aber Ratlosigkeit und Volksfeststimmung breit gemacht. Nur vereinzelte Gruppen, zum Teil bewaffnet, besetzten Gefängnisse, Bahnhöfe, Postämter und Redaktionen. „Die unbewachten Regierungsgebäude ließ man in Frieden, dort saß ja jetzt schon, wie sich herumgesprochen hatte, eine Volksregierung.“

    Der Historiker hob hervor, dass es eine Gruppe gab, unabhängig von der MSPD, die sich zugetraut habe, die Revolution anzuführen. Das waren die Revolutionären Obleute der Berliner Großbetriebe, die sich in den großen Streiks der Jahreswende 1917/18 herausgebildet und diese geführt hatten. Diese tatsächlichen Arbeiterführer um Richard Müller hatten, so Haffner, anders als die Spartakisten, eine Organisation hinter sich, die Belegschaften ihrer Betriebe. Mehr über sie ist in dem jüngst wieder veröffentlichten Buch „Richard Müller – Der Mann hinter der Novemberrevolution“ von Ralf Hoffrogge zu erfahren.

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    Diese Gruppe hatte laut Haffner bereits seit einigen Wochen die Revolution geplant und am 4. November, ohne Kenntnis der Ereignisse in Kiel, einen Putsch in der Reichshauptstadt für den 11. November beschlossen. In einem Handstreich haben sie bewaffnet die Regierungszentren in ihre Gewalt bringen wollen, doch das Geschehen habe ihre Pläne hinweggespült. Aber weil sie nicht aufgeben wollten, nutzten sie den Berichten nach die Gunst der Stunde, in der die anderen politischen Kräfte hin und her diskutierten, wie es nun weitergehen sollte.

    Wie die MSPD die Revolution ausbremste

    Die Revolutionäre besetzten am Abend des 9. November 1918 mit einigen hundert Mann den Reichstag und machten sich im Plenarsaal breit, während die Abgeordneten in den Fraktionsräumen debattierten. Sie beschlossen für den Sonntag, den 10. November, die Wahl von Arbeiter- und Soldatenräten in allen Fabriken und Kasernen. Aber nicht nur das: Die Räte sollten am Nachmittag des selben Tages dann je einen Vertreter in den Zirkus Busch schicken, wo mit dem „Rat der Volksbeauftragten“ eine provisorische Regierung ernannt werden sollte.

    Novemberrevolution 1918: „Revolution von oben und ein angeblicher Dolchstoß
    © Foto : National Archives and Records Administration
    Damit trat Ebert, der bereits gehofft habe, dass die Massen am nächsten Tag, einem Sonntag zuhause bleiben und ihren „Revolutionsrausch“ ausschlafen würden, eine von ihm unerwartete Gegenmacht gegenüber. „Eine Gegenkraft hatte sich enthüllt“, schrieb Haffner, „die ihm die Führung streitig machte und die, im stärksten Gegensatz zu ihm, die Revolution nicht abblasen, sondern weitertreiben wollte.“

    Ebert gelang es am Ende, geschickt auch diese Situation für seine Ziele zu nutzen, wie Haffner berichtete – indem er die von den Revolutionären Obleuten beschlossene Wahl des „Rates der Volksbeauftragten“ quasi kaperte. Dabei kam der MSPD ihr eingespielter Apparat zugute, wie bei Haffner zu lesen ist. Und so gelang es ihr, die in den Betrieben und Kasernen gewählten Räte mit ihren Mitgliedern zu dominieren, was auch bei den Delegierten für die Versammlung im Zirkus Busch der Fall war.

    Revolutionsführer wider Willen

    Mit den Losungen „Kein Bruderkampf!“ und „Einigkeit!“ wurde die Stimmung bereitet, die Ebert nutzte, als er in der Versammlung verkündete, dass MSPD und USPD sich auf jeweils drei Volksbeauftragte für den gemeinsamen Rat geeinigt hätten, einschließlich ihm selbst. „Das war es, was sie hören wollte“, hob Haffner hervor und fügte hinzu, dass Liebknecht in dem Zirkus keine Chance hatte, als er in seiner Rede an die Sünden der SPD im Krieg erinnerte.

    Nach langen Diskussionen sei dann die neue Regierung, der „Rat der Volksbeauftragten“ bestätigt worden. „Ebert hatte jetzt für seine gegenrevolutionäre Regierung eine revolutionäre Legitimation.“ Nur, dass er sich jetzt nicht mehr Reichskanzler nennen konnte, sondern „Volksbeauftragter“ war, machte ihm zu schaffen, so Haffner: „Revolutionsführer wider Willen, von der Revolution, die er doch hatte abfangen und abblasen wollen, sozusagen annektiert!“

    Der Historiker schrieb, dass der Sozialdemokrat, der der Monarchie nachtrauerte, noch am Abend des 10. November unerwarteten Trost und Hilfe angeboten bekam. Auf einer ihm bis dahin unbekannten geheimen Leitung in die Reichskanzlei habe General Groener aus der OHL angerufen. Den Erinnerungen des Militärs nach bot er Ebert Zusammenarbeit an. Er habe dafür „Kampf gegen Radikalismus und Bolschewismus, schnellste Beendigung des ‚Räteunwesens‘, Nationalversammlung, Rückkehr zu ‚geordneten Zuständen‘“ gefordert.

    Die Gegenrevolution tritt an

    Dem stimmte der gerade von den Arbeiter- und Soldatenräten gewählte „Volksbeauftragte“ zu. „Zum Schluss dankte Ebert dem General“, so Haffner und betonte: „Der Reichskanzler dem General – nicht umgekehrt.“ Groener habe später von einem Bündnis gesprochen, dass er in der Nacht zum 11. November mit Ebert geschlossen habe, und in seinen Erinnerungen festgehalten: „Von da ab besprachen wir uns täglich abends auf einer geheimen Leitung zwischen der Reichskanzlei und der Heeresleitung über die notwendigen Maßnahmen. Das Bündnis hat sich bewährt.“ Es lohnte sich auch für den General: Er löste 1920 „Bluthund“ Noske als Reichswehrminister der Weimarer Republik ab.

    Haffner erinnerte an den deutschen Publizisten Theodor Wolff, der am 10. November von der „größten aller Revolutionen“ geschrieben hatte. Doch das habe nicht gestimmt: „In Wirklichkeit war der Staat kaum angekratzt. Dieselben Beamten gingen am Montag nach dem Revolutionswochenende wieder in dieselben Ämter, und auch die Schutzmänner … waren ein paar Tage später wieder da; in den Feldheeren im Westen und Osten führten immer noch dieselben Generale und Offiziere das Kommando, und selbst die Reichsregierung war im Grund die alte – nur dass an ihrer Spitze jetzt statt eines kaiserlichen Reichskanzlers ein sechsköpfiges Kollegium von ‚Volksbeauftragten stand, unter denen in Wirklichkeit immer noch einer der Reichskanzler war: Ebert.“

    Der Historiker bemerkte außerdem, dass zeitgleich mit der Revolution die Gegenrevolution geboren wurde, noch am selben Tag. Er zitierte dazu aus einem Artikel des konservativen Publizisten Paul Baecker, in dem sich der Hass der alten Elite auf die Sozialdemokraten und Sozialisten entlud und zum ersten Mal öffentlich die Dolchstoßlegende propagiert wurde. Haffner bezeichnete es als bemerkenswert, dass das am 10. November in Berlin ohne weiteres veröffentlicht werden konnte. „Nie hat eine Revolution vom ersten Augenblick an ihren Feinden so unbegrenzte Agitations- und Schimpffreiheit gewährt wie die deutsche Revolution von 1918.“

    Die Antwort der verschonten alten Eliten

    Das hätten  die alten Mächte ihr nicht gedankt, was sich in den nachfolgenden Wochen und Monaten zeigte: In den Angriffen auf die Volksmarinedivision in Berlin, zu Weihnachten 1918, dem Niederschlagen des Januaraufstandes 1919, einschließlich der Morde an Luxemburg, Liebknecht, Jogiches und anderen – mindestens geduldet von führenden Sozialdemokraten. Bis zu den Kämpfen im März 1919 in Deutschland, in denen die präfaschistischen Freikorps die Reste der Revolution brutal vernichteten.

    General Ludendorff soll mehrmals gesagt haben: „Die größte Dummheit der Revolutionäre war es, dass sie uns alle am Leben ließen.“ Er soll auch Ebert, Scheidemann und den anderen führenden Sozialdemokraten, die doch seinen Plan umsetzten, gedroht haben, ist bei Haffner zu lesen. Selbst jene, die die Revolution gar nicht gewollt hätten und versuchten, sie zu steuern, um sie abzuwürgen, galten den alten Eliten als „Novemberverbrecher“. Doch Ebert und Co. hätten das nicht gesehen oder wahrhaben wollen, „sie sahen nur ihre alten Intimfeinde auf der Linken“. Und: „In zwei Monaten führte das Doppelspiel Eberts und der SPD zum Bürgerkrieg.“

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    Der Historiker stellte 1969 klar, dass – anders als von der Gegenrevolution mit viel Propagandaaufwand behauptet – eine bolschewistische Diktatur in Deutschland 1918 zu keinem Zeitpunkt drohte. Dafür habe das „unentbehrliche Herrschaftsinstrument, eine diktaturfähige bolschewistische Partei“, gefehlt.

    Rätediktatur war keine Alternative

    Luxemburg und Liebknecht seien bis zum Jahresende ohne Organisation im Rücken gewesen, und die dann gegründete KPD sei auch nur sehr schwächlich gewesen. „Sie waren machtlose Einzelne, die nichts weiter betreiben konnten als Agitation und das, was die Berliner Revolutionären Obleute verächtlich ‚revolutionäre Gymnastik‘ nannten: immer neue ziellose Demonstrationen, mit denen die Teilnehmer sich selbst in revolutionäre Stimmung versetzen sollten. Die ‚bolschewistische Gefahr‘ war im Herbst 1918 in Deutschland eine Vogelscheuche, keine Realität.“

    Das zeigte sich auch daran, dass der Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte am 16. Dezember die Wahl einer Nationalversammlung im Januar 1919 beschloss. Die Räte hätten gar keine eigene Herrschaft, keine eigene Diktatur gewollt, schrieb der Historiker. Die Alternative zwischen Rätediktatur und parlamentarischer Demokratie habe in Deutschland nie bestanden. Diese neugeschaffenen Machtorgane der Arbeiter und Soldaten – in Bayern auch der Bauern – wollten von einer eigenen Diktatur, wie sie die Spartakisten forderten, nichts wissen.

    Obwohl in den Räten vor allem Sozialdemokraten vertreten waren, waren sie der eigenen Parteiführung ein „Dorn im Auge“ und wurden von dieser mit allen Mitteln bekämpft, verdeckt und später offen mit Gewalt, wie Haffner festhielt. Das führte den Historiker zu seinem Urteil von der „verratenen Revolution“, womit er manchen seiner Fachkollegen aufschreckte, darunter auch der SPD nahestehende.

    Nachwirkende Folgen

    Wer sich die bekannten Fakten und Ereignisse anschaut, wie die Führung der Mehrheitssozialdemokraten von Beginn an gegen die eigenen Anhänger und Mitglieder sowie deren Forderungen und Ziele agierte – nachlesbar auch in dem gleichfalls 1969 erschienenen Buch „November-Revolution 1918 – Die Rolle der SPD“ von Wolfgang Malanowski  –, kann schwerlich Widerspruch gegen Haffners Urteil einlegen.

    Die demokratischen Errungenschaften, die zum 100. Jubiläum wieder hervorgehoben werden, waren nicht Verdienst von Ebert und Genossen, sondern vor allem Zugeständnis der alten Eliten, um eine echte Revolution zu verhindern. „Deutschland krankt an der verratenen Revolution von 1918 noch heute“, schrieb Haffner vor etwa 50 Jahren. Manch aktuelles politisches Ereignis lässt darauf schließen, dass das bis heute gültig ist.

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    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (17)
    Tags:
    Elite, Alternative, Monarchie, Kampf, Revolution, Novemberrevolution 1918, Friedrich Ebert, Kaiser Wilhelm II, Deutschland