13:31 14 Dezember 2018
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    Deutsche Soldaten während des Ersten Weltkrieges

    Historiker: „Das Kriegsende 1918 bedeutete für die Welt einen Neuanfang“

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    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Mit einem Waffenstillstand wurde vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg beendet. Wenig wird derzeit über die Ursachen des Krieges gesprochen. Sputnik hat bei dem Historiker Daniel Schönpflug nachgefragt. Er erklärt, wie es zum Krieg sowie zu dessen Ende 1918 kam und welche Folgen das hatte. Schönpflug äußert sich unter anderem zur Dolchstoß-Legende.

    Vor 100 Jahren wurde der Erste Weltkrieg beendet. Am 11. November 1918 unterzeichneten die Kriegsgegner, die Entente und das Deutsche Reich, im französischen Compiègne den Waffenstillstand. Völkerrechtlich wurde der Krieg aber erst mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 28. Juni 1919 beendet. Im Osten war durch das revolutionäre Russland und Lenins „Dekret über den Frieden“ sowie den deutsch-russischen Frieden von Brest-Litowsk und weitere Abkommen des Deutschen Reiches mit anderen Ländern das Schlachten ein Jahr zuvor gestoppt worden.

    Damit ging ein mehr als vierjähriges Schlachten mit mehr als acht Millionen Toten, Millionen Verstümmelten und Leid der Zivilbevölkerung zu Ende, das in diesen Dimensionen samt des Einsatzes moderner Technologien bis dahin unbekannt war – bevor es bereits mehr als 20 Jahre später von dem weit schlimmeren Zweiten Weltkrieg übertroffen werden sollte.

    Deutsche Verantwortung

    In beiden Fällen trug Deutschland die Hauptverantwortung. Das gilt bereits für den Ersten Weltkrieg, wie unter anderem der Historiker Fritz Fischer in seinem 1961 erschienenen Buch „Griff nach der Weltmacht“ nachwies. Er löste damals den ersten bundesdeutschen Historiker-Streit aus. Gleichzeitig dürfte vor 100 Jahren die Angst vor Russland als Konkurrent zu den Motiven der Kriegstreiber gehört haben.

    Fischers Analyse zur deutschen Rolle scheint wieder in Vergessenheit zu geraten. Der Historiker Daniel Schönpflug erklärte gegenüber Sputnik:

    „Die gültige These, die im Moment diskutiert wird, ist die von Christopher Clark. Der spricht von den ‚Schlafwandlern‘. ‚Schlafwandler‘ heißt, es gibt eigentlich kein Land, kein Regime der Vorkriegszeit, das ganz bewusst auf den Krieg hinarbeitet. Aber die Dynamik zwischen den Ländern, das Wettrüsten, die Konkurrenz und auch ein Bündnissystem führt dann dazu, dass man gemeinsam in den Krieg hineinschlittert.“

    Schönpflug ist Professor für Geschichte an der Freien Universität (FU) Berlin und hat 2017 das Buch „Kometenjahre – 1918: Die Welt im Aufbruch“ veröffentlicht, das in viele Sprachen, auch in Russisch, übersetzt worden ist. Darin beschreibt er anhand einer Reihe von Einzelschicksalen die Träume und Hoffnungen derer, die den Ersten Weltkrieg und dessen Ende erlebten, ebenso die Folgen in den nächsten Jahrzehnten. Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit den Produzenten der TV-Dokuserie „Krieg der Träume“, die von den Sendern Arte und ARD ausgestrahlt wurde. Der Historiker beantworte kürzlich in Berlin Fragen von Korrespondenten ausländischer Medien in Deutschland.

    Deutliche Vorhersage

    Die Ambitionen Deutschlands und seines Kaisers Wilhelm II., nach der Weltmacht und damit dem lang ersehnten „Platz an der Sonne“ zu greifen, seien nicht zu leugnen, sagte Schönpflug auf Nachfrage. Die damalige deutsche Rüstung wie die politische Rhetorik und das Denken des Kaisers seien auf Expansion ausgerichtet gewesen. Aber das werde nicht mehr als alleiniger Kriegsgrund angesehen.

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    Dabei hatte Friedrich Engels bereits 1887 vor den Folgen der preußisch-deutschen Politik gewarnt und vorhergesagt, was 1914 und danach geschah:

    „Und endlich ist kein andrer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unsres künstlichen Getriebs in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankerott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehn, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird; nur ein Resultat absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Siegs der Arbeiterklasse.“

    Engels fügte hinzu: „Das ist die Aussicht, wenn das auf die Spitze getriebene System der gegenseitigen Überbietung in Kriegsrüstungen endlich seine unvermeidlichen Früchte trägt. Das ist es, meine Herren Fürsten und Staatsmänner, wohin Sie in Ihrer Weisheit das alte Europa gebracht haben.“ Nur im letzten Punkt irrte er teilweise, als er 1887 schrieb: „… am Schluss der Tragödie sind Sie ruiniert und ist der Sieg des Proletariats entweder schon errungen oder doch unvermeidlich.“ Zwar gab es Bedingungen für einen Sieg der revolutionären Arbeiter und Soldaten, aber ihr Sieg, der 1918 möglich schien, wurde nicht nur in Deutschland auch mit Hilfe der Sozialdemokratie verhindert.

    Entscheidender Faktor

    Aus Sicht des Historikers Schönpflug war der wichtigste Faktor für das Ende des Krieges nach mehr als vier Jahren, dass mit dem Kriegseintritt der USA 1917 Deutschland durch die Übermacht der Alliierten militärisch besiegt wurde.

    „Aber auch die Heimatfront und die Bevölkerung waren vollkommen erschöpft und ausgelaugt. Der Krieg hätte von deutscher Seite nicht weiter fortgesetzt werden können. Die Regierung war gezwungen zum Waffenstillstand. Insofern haben die Ressourcen diesen Krieg entschieden.“

    Kaiser Wilhelm II. habe bis zum Ende nicht geglaubt und nicht gewusst, in welchem katastrophalen Zustand die deutsche Armee sei, vermutete Schönpflug. Aber „hellsichtige Köpfe“ wie General Wilhelm Groener hätte die Lage klar gesehen und erkannt, dass ein fortgesetzter Krieg zur Besetzung Deutschlands geführt hätte. Groener arbeitete später mit dem MSPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert zusammen, um die revolutionären Ereignisse in Deutschland im November 1918 unter Kontrolle zu halten.

    Weitreichende Folgen

    Zu den Folgen des Kriegsendes für Deutschland zählt für Schönpflug neben der Abdankung des Kaisers und dem Waffenstillstand der aus seiner Sicht demokratische Neuanfang im November vor 100 Jahren. Zum ersten „langandauernden Versuch, eine demokratische Republik zu gründen“, gehört für ihn das fortschrittliche allgemeine Wahlrecht für alle.

    „Gleichzeitig ist diese Republik in vielerlei Hinsicht instabil. Sie ist auf einer Niederlage gegründet. Sie ist inmitten von wirtschaftlichen Krisen. Und sie hat einen großen Teil der Bevölkerung auch gegen sich. Die Eliten identifizieren sich nicht sehr stark mit der Republik. Die breite Bevölkerung bleibt skeptisch und die antirepublikanischen Kräfte in einem breiten rechten Spektrum mobilisieren sehr stark.“

    Das Kriegsende sei für die gesamte Welt ein Neuanfang gewesen, hob der Historiker hervor. Davon zeugten unter anderem die in Folge des Krieges untergegangenen vier Weltreiche: das russische, das türkische, das deutsche und das österreichische. Zugleich habe er für die Kolonialreiche Großbritanniens und Frankreichs Einschnitte bedeutet.

    „Der Krieg hat eine neue Weltordnung hervorgebracht. Der deutlichste Ausdruck ist vielleicht die Gründung des Völkerbundes 1919. Das war ein Versuch, die Welt mit neuen Prinzipien – der Abstimmung, der Diplomatie, der Demokratie – neu zu denken.“

    Schönpflug machte auf den Unterschied zwischen den Entwicklungen in Deutschland und Österreich aufmerksam. Letzteres sei als Österreich-Ungarn ein Vielvölkerreich gewesen, das 1918 auseinandergebrochen sei. Damit sei eine Entwicklung ausgelöst worden, die in Deutschland ausgeblieben sei.

    Ausgeblendete Erinnerung

    Der Historiker widersprach der Dolchstoß-Legende, nach der Deutschland den Krieg in Folge der kriegsunwilligen Heimat und der Novemberrevolution verloren hat. Die historischen Quellen würden sehr deutlich zeigen, dass die kaiserliche Armee besiegt gewesen sei. „Das hätte ein fortgesetzter Krieg nur noch deutlicher gezeigt.“ Die Alliierten wären nicht am Rhein stehen geblieben, ist sich Schönpflug sicher, wenn nicht am 11. November 1918 der Waffenstillstand unterzeichnet worden wäre.

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    Prof. Dr. Daniel Schönpflug
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Prof. Dr. Daniel Schönpflug

    Im Pressegespräch mit Korrespondenten wies Schönpflug darauf hin, dass der Erste Weltkrieg und das Kriegsende vor 100 Jahren bisher in der deutschen Erinnerungskultur – bis hinein in die Lehrpläne und Schulbücher – nur eine geringe Rolle spielen würden. Das erklärte er mit der starken Fixierung der Bundesrepublik auf 1945 mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und des Untergangs des deutschen Faschismus sowie des damit verbundenen Neuanfangs.

    Daniel Schönpflug: „Kometenjahre – 1918: Die Welt im Aufbruch

    S. Fischer Verlag 2017. 320 Seiten. ISBN: 978-3-10-002439-8; 20 Euro

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    Tags:
    Tragödie, Waffenstillstand, Revolution, Erster Weltkrieg, Friedrich Ebert, Kaiser Wilhelm II, Friedrich Engels, Deutschland