09:23 17 Dezember 2018
SNA Radio
    Ausrufung der Republik Österreich am 12. November 1918

    Mit Wiener Schmäh in die Republik – Novemberrevolution 1918 in Österreich

    CC0
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (17)
    1121

    Vor 100 Jahren hat es nicht nur in Deutschland den Untergang eines Kaiserreiches und eine Revolution gegeben. Auch in Österreich haben Sozialdemokraten nach dem Ende der k.u.k.-Monarchie eine Republik ausgerufen und für Veränderungen gesorgt. Der Wiener Historiker Andreas Pittler erklärt die Vorgänge und die Unterschiede zu Deutschland.

    Das Habsburger Kaiserreich Österreich-Ungarn brach am Ende des Ersten Weltkrieges, den es mit ausgelöst hatte, zusammen. Am 12. November vor 100 Jahren wurde die Republik Österreich ausgerufen. Auf einen grundlegenden Unterschied zu den Ereignissen in Deutschland machte der Wiener Historiker und Schriftsteller Andreas Pittler gegenüber Sputnik aufmerksam: „Österreich war im Gegensatz zum Deutschen Reich ein Vielvölkerstaat. In der Monarchie Österreich-Ungarn waren ja nicht nur die Österreicher und die Ungarn zusammengefasst, sondern die Polen, die Tschechen, die Slowaken, die Slowenen, die Kroaten und viele andere Nationen mehr.“

    So habe das Habsburger Reich nicht nur mit wachsenden sozialen Spannungen zwischen den Kriegsverantwortlichen und —profiteuren einerseits sowie den proletarischen und bäuerlichen Schichten andererseits zu tun gehabt. Es habe noch das nationale Problem gehabt, hob Pittler hervor. Das habe sich auf die politischen Konflikte ausgewirkt, die bislang unterjochten Nationen hätten Wien und damit Österreich loswerden wollen.

    Österreich schon 1916 am Ende

    Novemberrevolution 1918: Kaiser weg und Republik gleich zweimal
    © Foto : National Archives and Records Administration
    Der österreichische Historiker widersprach der These, dass Deutschland mit seinem am 29. September beschlossenen Waffenstillstandsgesuch erst das Kriegsende eingeleitet hat. Österreich habe zuerst versucht, den Krieg zu beenden, nachdem es ihn 1914 mit seiner Kriegserklärung an Serbien ausgelöst hatte. Karl I., seit 1916 Kaiser von Österreich-Ungarn, habe über seine Verwandtschaft des Bourbon-Parma-Adels bereits Ende 1916 Verhandlungen mit den westlichen Alliierten angestoßen. Das sei aber aufgeflogen und ihm von den Deutschen übel genommen worden.

    Die österreichische Armee sei bereits damals am Ende gewesen, weil die Soldaten der anderen Nationen nicht weiter für ein fremdes Reich und einen fremden Herrscher kämpfen wollten, dessen Sprache sie nicht einmal verstanden. Ähnlich sei es bei der russischen Armee gewesen, weshalb beide die verwundbarsten Kriegsparteien gewesen seien, so der Historiker.

    Ungefragte Sozialdemokraten

    Auch die Revolution in Österreich zum Ende des Krieges verlief anders als die in Deutschland. Für beide war die russische Revolution 1917 so etwas wie ein Vorbild. Gleichzeitig war sie für die Gegner in beiden Ländern Grund, vor dem angeblich drohenden Bolschewismus zu warnen und die Revolution zu bekämpfen. Zu den Unterschieden gehört laut Pittler, dass die österreichische Arbeiterbewegung nicht gepalten war.

    „Zum einen hatte sich die österreichische Sozialdemokratie ersparen können, den Kriegskrediten zuzustimmen, auf Grund der simplen Tatsache, dass das Parlament in Österreich im Gegensatz zu dem in Deutschland nicht tagen durfte. Salopp gesagt: Die österreichischen Sozialdemokraten sind nicht gefragt worden, ob sie dafür oder dagegen sind.“

    Wenn sie gefragt worden wären, hätten sie wie die SPD-Abgeordneten zugestimmt, ist sich der Historiker sicher. Aber so hätten sie 1918 behaupten können, dass sie nicht zugestimmt haben, was auch gut angekommen sei. So habe es in Österreich niemanden wie Karl Liebknecht, einem der bekanntesten Kriegsgegner in der deutschen Sozialdemokratie, gegeben. Es habe in der Folge auch keine „USPÖ“ analog zur USPD gegeben, auch keinen „Spartakusbund“.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Bayern als Vorreiter und Vorbild: Novemberrevolution 1918 zuerst in München

    Gefürchtete Sozialdemokraten

    Dagegen hat sich die österreichische Sozialdemokratie laut Pittler seit 1917 zumindest verbal immer weiter radikalisiert. So habe sich der spätere Parteivorsitzende Karl Seitz geweigert, sich in die herrschaftliche Regierungspolitik einbinden zu lassen – im Gegensatz zum SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Seitz habe unter anderem klargestellt: „Der Faktor, der den Krieg begonnen hat, der hat ihn auch zu beenden.“

    Die Sozialdemokraten hätten zudem betont, sie hätten mit Österreich-Ungarn nichts zu tun und würden für etwas gänzlich anderes stehen. Außerdem hätten sich bereits in der Donau-Monarchie sozialdemokratische Parteien der anderen Nationalitäten herausgebildet hatten.

    „Die österreichischen Sozialdemokraten standen daher im November 1918 vor der Aufgabe, aus dem, was übrig blieb, ein neues soziales Staatswesen zu formen.“ Die österreichische Bourgeoisie sei nach dem Verlust der Monarchie so schwach gewesen, „dass sie sich vor der österreichischen Sozialdemokratie regelrecht gefürchtet hat“, so Pittler. So sei es für die Sozialdemokraten des Landes „ein Leichtes gewesen, viele ihr enorm wichtige politische Forderungen auch tatsächlich durchzusetzen“.

    Kein Karl Liebknecht in Sicht

    Der Historiker hatte in einem Beitrag in der Tageszeitung „junge Welt“ vom 2. August dieses Jahres von einer „abgewürgten Revolution“ in Österreich geschrieben. Gegenüber Sputnik sagte er dazu, dass der sogenannte Austromarxismus sich dadurch auszeichnete, „dass er sich extremsten Verbalradikalismus bedient hat, in der Praxis aber eine überaus reformistische Politik betrieben hat“. Schriftlich seien Positionen wie von Lenin vertreten worden, „die Praxis war Bernstein“.

    Novemberrevolution 1918: „Revolution von oben und ein angeblicher Dolchstoß
    © Foto : National Archives and Records Administration
    Durch den Verbalradikalismus sei es der österreichischen Sozialdemokratie gelungen, die tatsächlich vorhandene revolutionäre Stimmung im eigenen Land in ihrem Sinne zu kanalisieren. Pittler verwies auf das Beispiel von Friedrich Adler, Sohn des Parteigründers Victor Adler, der 1916 den k.u.k-Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh als aus seiner Sicht Kriegsverantwortlichen erschossen hatte. Dafür war er erst zum Tode und dann zu lebenslanger Haft verurteilt worden, aber im November 1918 wieder freigekommen.

    Viele wirklich Linke hätten auf ihn gehofft, dass er eine ähnliche Rolle einnimmt wie Liebknecht oder Luxemburg in Deutschland. Aber Adler habe die SPÖ für inzwischen so links gehalten, dass er weiter in ihr mitarbeitete. Damit habe er den Revolutionären in Österreich „sehr viel Wind aus den Segeln genommen“, schätzte Pittler ein. Dadurch sei die bereits am 3. November 1918 gegründete Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) „von vornherein dazu verdammt, eine kleine Nebenrolle zu spielen“.

    Weitergehende Veränderungen

    Laut dem Historiker spielten in Österreich die Matrosen von Cattaro, von denen ein gleichnamiges Stück von Friedrich Wolf handelt, nicht dieselbe Rolle wie die Matrosen von Kiel in Deutschland. Die österreichischen Meuterer, die sich dem damaligen Generalstreik und der Forderung nach Kriegsende angeschlossen hatten, seien im Januar 1918 hart bestraft und vier ihrer Anführer hingerichtet worden.

    Die politischen Ergebnisse der Veränderungen in Österreich im November 1918 erscheinen radikaler als die in Deutschland: So behielten unter anderem die Arbeiter- und Soldatenräte die Kontrolle über die staatlichen Verwaltungen und statt der kaiserlichen Armee wurde ein Volkswehr geschaffen. Auch die errungenen sozialen Rechte gingen weiter als das, was die deutsche Sozialdemokratie erreichte.

    Dem stimmte Pittler zu und erinnerte an ein Ereignis vom 12. November 1918 in Wien, als die Republik ausgerufen wurde: Dabei wurden auf der Parlamentsrampe nicht nur Transparente „Hoch die sozialistische Republik“ hochgehalten, sondern Arbeiter schnitten aus der neuen rot-weiß-roten Landesflagge die weißen Streifen heraus. „Damit war es aber auch schon wieder um die österreichische Revolution geschehen“, ergänzte der Historiker, „alles andere hat sich dann in bürgerlich-demokratischen Bahnen abgespielt“.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Historiker Wette: Novemberrevolution 1918 auch ohne Elitenwechsel erfolgreich

    Keine Experimente

    Aber die Sozialdemokratie habe darauf verweisen können, dass die seit November 1918 durchgeführten sozialen Reformen in Österreich „wirklich auch aus heutiger Sicht bahnbrechend genannt werden können – vom Achtstundentag über den gesetzlich garantierten Mindesturlaub, die Pensionsberechtigung und die Sozial- und Krankenversicherung bis hin zum allgemeinen Wahlrecht für alle volljährigen Bürger“.

    Pittler meinte dazu: „Das war tatsächlich das, was das Wort Revolution beschreibt, also wirklich eine Umwälzung.“ In dieser Phase bis Ende 1919 sei aber „noch viel mehr“ möglich gewesen, schätzte er mit Blick auf die unverändert geblieben grundlegenden gesellschaftlichen Strukturen ein. Das habe die Sozialdemokratie „versäumt oder bewußt nicht in Angriff genommen“. Sie hätte aber nicht bedacht, „dass all diese Zugeständnisse vom politischen Gegner nur deshalb gekommen sind, weil der sich die ganze Zeit davor gefürchtet hat, dass es noch viel schlimmer kommen könnte“.

    Im Frühjahr 1919 hätte die bayrische Räterepublik im Westen ebenso wie die ungarische Räterepublik im Osten die österreichische Bourgeoisie zusätzlich verängstigt. „Wären die Österreicher da als Lückenschluss aufgetreten und hätten ihrerseits eine Räterepublik begründet, dann hätte die Geschichte einen anderen Verlauf genommen. Als ‚Mitteleuropäische Räteunion‘ hätten die Dinge möglicherweise anders ausgesehen.“ Doch die Sozialdemokraten Österreichs hätten das Experiment nicht gewagt. Weil das nicht geschah, sei es ihren Gegnern ein Leichtes gewesen, die Räterepubliken in Bayern und Ungarn 1919 getrennt zu schlagen.

    Professor Dr. Andreas Pittler
    © Foto : Privat
    Professor Dr. Andreas Pittler

    Andreas Pittler (Jahrgang 1964) ist Historiker und Schriftsteller. Neben zahlreichen historischen Sachbüchern, vor allem zu Aspekten europäischer Geschichte, und Biografien über bedeutende österreichische Persönlichkeiten wie etwa Bruno Kreisky veröffentlicht er auch historische Romane, die regelmäßig auf den österreichischen Bestsellerlisten landen.

    Andreas Pittler: „Geschichte Österreichs 1918 bis heute“

    PapyRossa Verlag 2018. 127 Seiten. ISBN 978-3-89438-679-5; 9,90 Euro

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (17)
    Tags:
    Monarchie, Spannungen, Novemberrevolution 1918, Erster Weltkrieg, SPD, Friedrich Ebert, Österreich-Ungarn, Österreich, Deutschland