17:21 10 Dezember 2018
SNA Radio
    Österreich-Ungarns Soldaten während des Ersten Weltkrieges

    November 1918: Österreich-Ungarn geht unter – In Wien wird die Republik ausgerufen

    CC0
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (17)
    2126

    Aus dem jahrhundertealten Habsburger Reich Österreich-Ungarn haben sich nach Ende des Ersten Weltkrieges 1918 mehrere Republiken herausgebildet. Am 12. November 1918 haben Politiker in Wien die Republik „Deutsch-Österreich“ ausgerufen. Der Grazer Historiker Stefan Karner erklärt im Interview die Ereignisse und die Unterschiede zu Deutschland.

    Was geschah in Österreich zum Kriegsende 1918? Was war aus Ihrer Sicht der Unterschied zu Deutschland?

    Die österreichisch-ungarische Monarchie war im Krieg sehr schwach geworden und völlig auf deutsche Hilfe angewiesen: militärisch, logistisch und rüstungstechnisch. Ihre Außenpolitik war mit dem Deutschen Reich abgestimmt,  eigentlich ein hohler Körper, allerdings mit viel Tradition und einer großen geopolitischen Bedeutung in Zentraleuropa. Diese Monarchie zerbrach langsam, im Wesentlichen in den beiden Jahren vor dem Kriegsende 1918. Den eigentlichen Todesstoß versetzte ihr  das von US-Präsident Wilson verkündete „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ zu Jahresbeginn 1918. Von da an gab es kein Halten mehr, selbst die wenigen monarchietreuen Politiker aus den fernen Kronländern wandten sich von Wien ab.

    Das Deutsche Reich war kein Vielvölkerstaat, der nationale Funke konnte hier nichts zerreißen – wohl aber der soziale und der politische. Diese beiden waren stärker als in Österreich-Ungarn. Denken Sie an die großen Revolten und Meutereien, an die starke kommunistisch-bolschewistische Bewegung, an die sich bildenden Arbeiter- und Soldatenräte, die in Bayern, Berlin und anderswo bald die Macht an sich reißen sollten. Das heißt, in Deutschland kam der Zusammenbruch später und war nicht ausgelöst durch die Möglichkeit, über die nationale Selbstbestimmung neue Staaten zu gründen. Der nationale Funke schuf vielmehr auf dem etwas verkleinerten Territorium einen neuen deutschen Staat. Nebenbei: Kaiser Wilhelm II. dankte ab, fuhr sofort außer Landes.

    Kaiser Karl I. verzichtete lediglich auf seinen Anteil an den Staatsgeschäften und blieb im Land. Ja, er wartete auf die Möglichkeit einer Restauration, zumindest in Ungarn als König auf den Thron zurückzukehren. 1921 probierte er es zweimal, vergeblich.

    Am Ende des Habsburger Reiches Österreich-Ungarn entstanden mehrere Republiken, auch die österreichische. Was war dabei in Österreich anders als in Deutschland?

    Ende Oktober 1918  ging es dann Schlag auf Schlag. Die ehemaligen Kronländer und Reichsteile erklärten sich als neue Staaten, traten aus dem gemeinsamen Reich aus. Kaiser Karl I. versuchte, sein Reich noch zu retten. Ein Bund von Nationalstaaten sollte entstehen. Allein, es war zu spät. Ende Oktober blieben von der Monarchie in Wien nur noch die deutschsprachigen Abgeordneten des Reichsrates übrig. Und diese traten am 21. Oktober in Wien zusammen und erklärten sich zu einer Provisorischen Nationalversammlung eines neu zu schaffenden Staates. Acht Tage später, am 30.Oktober wurde eine Regierung gebildet, der neue Staat „Deutsch-Österreich“ gegründet. Nach dem Thronverzicht Kaiser Karls I. und dem einzeln erklärten Beitritt der österreichischen Bundesländer zum Staat wurde schließlich vor 100 Jahren, am 12. November 1918, die Republik „Deutsch-Österreich“ von der Rampe des Parlaments in Wien, als Teil der deutschen Republik, ausgerufen. Über 100.000 Menschen waren auf der Ringstrasse versammelt. Es sollte ein Fest werden, auch wenn der Tag nebelig und wolkenverhangen war.

    >>Andere Sputnik-Artikel: 9. November 1918: Wie Karl Liebknecht ins Berliner Schloss kam – Buchpremiere

    In Österreich scheint mehr erreicht worden zu sein als in Deutschland: Macht für Arbeiter- und Soldatenräte, Volkswehr – aber ebenso wurden die Grundlagen des Systems, die Eigentumsverhältnisse nicht angetastet. Was sind die Erfolge der republikanischen Bewegung in Österreich und wie ist das einzuschätzen?

    Zunächst: Die Ausrufung der Republik wurde kein Fest. Rotgardisten und Aktivisten der gegründeten Kommunistischen Partei störten den Festakt massiv, machten die rot-weiß-roten Fahnen zu roten Fahnen, indem sie den weißen Streifen einfach herausrissen. Die sozialdemokratische Volkswehr schützte die Versammlung und das Parlament. Es kam zu Schusswechseln, zur Ausrufung einer zweiten Republik, einer Räterepublik, die jedoch, anders als in Berlin oder München, keinen Bestand hatte. Verwundete und Tote lagen auf den Stufen des Parlaments – die Geburt des Staates in Wehen.

    Novemberrevolution 1918: Kaiser weg und Republik gleich zweimal
    © Foto : National Archives and Records Administration
    Die Rätebewegung war jedoch nicht tot, im Gegenteil. Die Räte kümmerten sich um die Versorgung, um die Heizung, um den Alltag der Menschen, besonders in Wien in diesem schwierigen Winter 1918/19. Sie waren in den Betrieben und in den Wohnhäusern daher nicht unbeliebt. Sie stellten ein Räteparlament auf, Hunderttausende nahmen an den Räte-Wahlen teil. Und die Sozialdemokraten hatten alle Hände voll zu tun, den Einfluss der Kommunisten in den Betrieben zurückzudrängen. Dies gelang erst 1919, als man gemeinsam mit der Industrie gegen sie gesetzlich vorging, die staatliche  Sozialpolitik enorm forcierte, ein Betriebs-Rätegesetz schuf, ein sozialdemokratisches Instrument, und damit den Kommunisten den Boden unter ihren Füßen wegzog. Die Industrie hatte ein Interesse, dass es nicht zu einer Sozialisierung ihrer Betriebe, durchaus nach sowjetischem Vorbild, kommt.

    Warum erreichte die revolutionäre Bewegung in Österreich anscheinend weitgehend friedlicher mehr als die in Deutschland?

    Weil es ein starkes Junktim von Industrie, Handel und Gewerbe auf der einen Seite und den gemäßigten Sozialdemokraten auf der anderen Seite gab. Gemeinsam erreichte man sozialpolitisch wesentlich mehr, als es Kommunisten oder Sozialisten allein vermocht hätten.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Die Revolution 1918 und die Frauen: Verfolgt, verhaftet – und dann vergessen?

    Welchen Einfluss hatte die russische Revolution 1917?

    Ja, doch einen beträchtlichen. Die entlassenen Kriegsgefangenen der Ostfront, vor allem die heimgekehrten Soldaten, brachten ja schon im Sommer und Herbst 1918 die Losungen des Bolschewiki nach Hause: Land für alle, Frieden, den Staatsaufbau über Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte. Nur: In Österreich konnten sie sich nicht durchsetzen. In Ungarn, in der Räterepublik 1919 von Bela Kun, kurzfristig schon.

    Prof. Dr. Dr. Stefan Karner bei einem Vortrag in Moskau (Archivbild)
    © Foto : Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung (BIK)
    Prof. Dr. Dr. Stefan Karner bei einem Vortrag in Moskau (Archivbild)

    Stefan Karner ist einer der führenden österreichischen Historiker. In Deutschland ist er u.a. in den wissenschaftlichen Beiräten des Deutschen Historischen Museums, Berlin, im Hannah Arendt-Institut, Dresden, und beim Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, Berlin, tätig. Er gründete vor 25 Jahren das Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung, ebenso wie das Institut für Wirtschaftsgeschichte der Universität Graz. Karner ist Co-Vorsitzender der Österreichisch-Russischen Historiker-Kommission.

    >>Andere Sputnik-Artikel: „Russland ist wesentlicher Teil Europas“ – Historiker aus Österreich für Kooperation

    Stefan Karner (Hg.): „Die umkämpfte Republik – Österreich von 1918-1938“

    StudienVerlag 2017. 384 Seiten. ISBN: 978-3-7065-5637-8; 34,90 Euro

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (17)
    Tags:
    Monarchie, Revolution, Novemberrevolution 1918, Erster Weltkrieg, Österreich-Ungarn, Österreich, Deutschland