14:57 17 Dezember 2018
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    Bundeskanzlerin Angela Merkel

    Martin Walser und „die stille Wucht von Angela Merkels Schönheit“

    © REUTERS / Fabrizio Bensch
    Gesellschaft
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    Andreas Peter
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    Der Schriftsteller Martin Walser, einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren unserer Tage, hat in einem Aufsatz für das Magazin „Der Spiegel“ eine Lobeshymne auf Bundeskanzlerin Angela Merkel angestimmt. Er sei „verführt von ihr“, betitelt er den befremdlich klingenden Text, der leider mehr einer peinlichen Lobhudelei nahekommt.

    Dass Menschen im Alter wunderlich werden, ist bekannt. Alternde Schriftsteller machen da keine Ausnahme. Auch nicht solche mit einiger Reputation. Martin Walsers Liebeserklärung an Angela Merkel ist an Wunderlichkeit im Moment nur schwer zu überbieten. Man könnte es als ordinäres Clickbaiting abtun, die Leser auf eine falsche Fährte zu locken, denn Walser phantasiert natürlich nicht über eine etwaige körperliche Anziehungskraft, die von der deutschen Regierungschefin auf ihn ausstrahlt.

    Walser ist Schriftsteller und deshalb sind es auch nur die Worte von Angela Merkel, die ihn verführt haben, die eine „stille Wucht“ auf ihn entfalten, die er schön findet. Da Schönheit etwas extrem Subjektives ist, sei ihm diese Wahrnehmung gegönnt.

    Was auch einem Martin Walser nicht zu gönnen ist, vor allem nicht, wenn er dazu die Reichweite eines Mediums wie die des „Spiegel“ nutzt, ist, wenn er schlicht Blödsinn absondert, egal, ob schön formuliert oder nicht. Aber vielleicht hätte irgendwer in der Redaktion den Herrn Schriftsteller daran hindern können oder sollen, sich lächerlich zu machen mit solchen Sätzen:

    „Nie sind ihre Sätze fertig, bevor sie gesagt werden. Nie sagt sie wie viele Politiker Phrasen auf, die sie auswendig kann. Deshalb werden ihre Sätze, egal zu welchen Themen, auch immer glaubhaft. Die meisten Politiker spulen ab, was sie draufhaben. Das kommt auch daher, dass sie mehr sagen müssen, als sie wissen. Bei Frau Merkel werden wir Zeuge, wie Geist und Natur zusammenfinden, und eben deshalb ist sie schön.“

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    Man stelle diesem Schwulst eine beliebige Eloge auf Stalin entgegen und wird feststellen, dass die Distanzlosigkeit von Walser derjenigen der seinerzeitigen Speichellecker in Nichts nachsteht. Denn, dass Sätze nicht fertig sind, bevor sie gesagt werden, ist ungefähr genauso tiefschürfend wie zu sagen, dass Wasser nicht nassmachen kann, bevor es aus dem Wasserhahn kommt. Und da Martin Walser allen Ernstes der Ansicht ist, Angela Merkel gebe keine Phrasen von sich, sollte man ihn vielleicht mal zwangsverpflichten, ihren Verlautbarungen nach einer beliebigen Zusammenkunft der EU beizuwohnen und sie aufzuschreiben.

    Doch Walser ergeht sich in der Hälfte seines Textes in dieser für einen Autoren seiner Geltung eigentlich peinlichen Poesiealbumpoetik:

    „Wenn sie spricht, lässt sie uns erleben, wie ihre Sätze entstehen, während sie spricht. Das macht sie einmalig, dass sie uns erleben lässt, wie sie zu den Sätzen kommt, die sie sagt.“

    Das Grausamste an diesem Satz ist, dass Martin Walser ihn tatsächlich ernst meint und man entsetzt feststellt, dass man bei der Lektüre dieser gedruckten Trivialität kurz darüber nachdenkt, ob der hochgeachtete Autor noch alle Tassen benutzt, die er im Schrank hat. Es wäre legitim, wenn er lobend erwähnt, was lobend zu erwähnen ist, dass nämlich Angela Merkel eine Politikerin ist, die nicht beim ersten Gegenwind in Panik, die Segel umgruppiert, dass sie eine Politikerin ist, die in angenehmer Weise keine Mikrophonitis hat, wie so viele andere, vorwiegend männliche Vertreter ihrer Zunft.

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    Aber eigentlich müsste jemand von der Geistesgröße eines Martin Walser wissen, was dabei herauskommt, wenn Schriftsteller die Distanz zu Politikern verlieren. Dann ergießt sich solcher Sülz über die Leserschaft:

    „Zwei, drei Tage quälender Sorge, unablässig irrender Gedanke, wie ein Schmerz, den man nicht lokalisieren kann, von Bulletin zu Bulletin und dann, frühmorgens, ein Anruf. Im Hörer kein Wort. Atmen. Ein Schluchzen. Die Welt ist verwaist.“

    Das war der große Stephan Hermlin, in dem Augenblick als er im März 1953 vom Tod Stalins erfuhr. Auch wenn der Autor dieser Zeilen kein Freund der Politik und der damit verbundenen Worte von Angela Merkel ist, aber ich wünsche ihr, dass ihr erspart bleiben möge, dass Martin Walser noch so lange lebt, um ihr seine Liebe mit ganz stiller Wucht nachzurufen.

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    Tags:
    Liebe, Schönheit, Der Spiegel, Angela Merkel, Deutschland