15:35 17 Dezember 2018
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    Moskauer Kreml in der Nacht (Archivbild)

    Von Moskau nach Berlin ohne Zeitverschiebung – Moskauer Tage in Berlin

    © Sputnik / Ewgenij Biatow
    Gesellschaft
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    Andreas Peter
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    In Berlin haben „Moskauer Tage“ begonnen. Die russische Hauptstadt ist Partnerstadt Berlins und präsentiert Kultur, Sport und Wissenschaft der 12-Millionen-Metropole, die auch ein Zentrum der russischen Wirtschaft ist. Sputnik sprach mit dem Minister der Regierung Moskaus für außenwirtschaftliche und internationale Verbindungen, Sergej Tscherjomin.

    Berlin und Moskau verbindet mehr als nur eine gewöhnliche Beziehung von Partnerstädten. Bereits der Name des berühmtesten Platzes der deutschen Hauptstadt verweist auf diese besondere Bindung. Denn der Alexanderplatz erhielt seinen Namen 1805 nach dem Besuch des gleichnamigen russischen Zaren, der in beiden Linien aus deutschem Hochadel abstammte, unter anderem auch aus dem Preußischen Herrscherhaus der Hohenzollern.

    Berlin war immer schon ein Sehnsuchtsort für russische Intellektuelle, die hier bis heute arbeiten und die deutsche Kultur und insbesondere Deutschlands einstigen Weltruf als Zentrum von Wissenschaft und Kultur in den sogenannten goldenen Zwanziger und den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mitprägten. Die Berliner Stadtteile Charlottenburg und Marzahn-West werden heute nicht ohne Grund gerne auch als Charlottengrad bzw. Klein Odessa bezeichnet, weil dort überproportional viele Menschen russischer oder deutsch-russischer Herkunft leben. Umgekehrt wäre Russland ohne die jahrhundertelange Heiratspolitik der eigentlich deutschstämmigen Romanow-Dynastie mit dem deutschen Hochadel, durch die Mitarbeit deutscher Wissenschaftler, Unternehmer oder Künstler nicht die Macht, die es heute ist – und wahrscheinlich sehr viel weniger europäisch.

    Moskau und Berlin mit ähnlichen Problemen

    Interessanterweise haben Moskau und Berlin in den letzten Jahren beinahe identische Wege eingeschlagen und schlagen sich auch mit ähnlichen Problemen herum, wenngleich im Falle Moskaus alles um ein Vielfaches größer ist. Immerhin ist die russische Hauptstadt mit rund 12 Millionen Einwohnern und 2.500 Quadratkilometern Fläche die zweitgrößte Metropole Europas. Wie Berlin war Moskau einst eine Industriestadt, die stolz auf ihre rauchenden Schornsteine gewesen ist. Doch das ist Vergangenheit. Heute sind beide Hauptstädte Zentren von neuen Technologien, von Wissenschaft und Forschung.

    Heute haben Moskau und Berlin aber auch die gleichen Sorgen mit brachliegenden Industrieflächen, die einer neuen Nutzung bedürfen. Und die – wie in Berlin – gerne auch Beute von Immobilienspekulanten werden, denen eine gute urbane Durchmischung einer Stadt herzlich egal ist, sondern die nur eine Sprache kennen, die des Geldes. Umso stolzer ist Sergej Tscherjomin, Minister für außenwirtschaftliche und internationale Verbindungen in der Kommunalregierung Moskaus, als er in Berlin Fotos von einem Parkgelände im Herzen der russischen Hauptstadt vorstellt.

    Moskau soll grüner werden

    Der Sarjadje-Park ist auf einem 13 Hektar großen Areal angelegt worden. Dort stand mal das mehr oder weniger berühmte Hotel Rossija. Ein Bettenkoloss aus sowjetischen Zeiten. Das größte Hotel des Kontinents. Direkt gegenüber dem Kreml. So gewaltig, dass man auf alten Fotos fassungslos registriert, wie immens die Bettenburg die ehrwürdige Burg der Zaren überragte. Vielleicht hat dieser architektonische Frevel die Planer in der Moskauer Stadtverwaltung innehalten lassen, denn nach dem Abriss des Monstrums sollte tatsächlich wieder ähnlich gewaltig geklotzt werden. Nun aber steht dort ein Park, der alle vier Klimazonen Russlands darstellen soll.

    Der Sarjadje-Park soll als Symbol für eine andere Stadtplanung in Moskau stehen. Denn man darf nicht vergessen, dass in einer kapitalistischen Welt ein Park auf dem mit Abstand teuersten Baugrund einer Stadt eine offene Kampfansage an die Immobilienbranche ist. Und die ist auch in Moskau einflussreich. Doch Moskau soll anders werden, ist jedenfalls das erklärte Ziel der aktuellen Regierung. Ihr Slogan lautet „Sustainable Moscow“, was ins Deutsche übertragen so viel bedeutet wie nachhaltiges oder zukunftsfähiges Moskau. Weshalb auch Umweltfachleute aus der dortigen Stadtverwaltung mit nach Berlin gekommen waren. Sie tauschten sich mit Berliner Experten aus Stadtverwaltung und Wirtschaft aus. Ein eigenes Rundtischgespräch „Grüne Technologien, Energieeffizienz, Saubere Technologien“ fand dazu während eines Geschäftsfrühstücks im noblen Hilton-Hotel am Gendarmenmarkt statt.

    Moskau und Berlin – Gleiche Probleme, gleiche Lösungen?

    Minister Sergej Tscherjomin weiß, dass auch in Berlin um jeden Baum und jede Grünfläche gekämpft wird. Dass alte Bausubstanz nicht mehr ganz so selbstverständlich gesichtsloser Investorenarchitektur geopfert wird. Tscherjomin erklärt im Gespräch mit Sputnik, dass Moskau und Berlin in dieser Hinsicht das gleiche Ziel haben:

    „Eigentlich sind wir in Moskau und in Berlin mit den gleichen Problemen konfrontiert. Ich möchte sagen, dass diese Kooperation gegenseitig fruchtbringend und pragmatisch ist. Wir betreiben keine hohe Politik. Wir suchen nach Möglichkeiten, die Lebensqualität unserer Einwohner in Berlin und Moskau zu erhöhen und nutzen dafür diesen Gedankenaustausch, um uns über die innovativen Ideen in den genannten Sphären zu verständigen.“

    Das Moskau und Berlin Partnerstädte sind, empfindet Tscherjomin im Hinblick auf gemeinsame Lösungsansätze für gemeinsame Probleme in der Stadtentwicklung und Stadtplanung fast schon als einen Segen. Seit 25 Jahren kooperieren die beiden Hauptstädte. Zuletzt manifestiert im Jahr 2017 mit einem Absichtsprotokoll, unterzeichnet während eines Moskau-Besuches von Berlins Regierendem Michael Müller:

    „Ich möchte sagen, für die Stadt Moskau ist es äußerst wichtig, mit der Berliner Wirtschaft diese Beziehungen zu unterhalten, weil hunderte deutsche Unternehmen an Großprojekten in Moskau sehr intensiv und aktiv teilnehmen. Die Moskauer Tage nutzen wir auch dafür, dass wir mit unseren Kollegen aus dem Berliner Senat zusammenkommen. Für uns ist es wichtig, diese Veranstaltung durchzuführen, weil wir sehr viele Nachrichten, viele neue Informationen über die Technologien bekommen können, die in Berlin verwendet werden.“

    Die von Tscherjomin angesprochenen Kooperationen finden auf vielen Ebenen statt, aber vor allem in den Bereichen Gesundheitswesen, Bildung, Verkehrsinfrastruktur, Tourismus und der Start-Up-Szene. Wie Berlin ist auch Moskau ein Zentrum für innovative Unternehmen. Das Renommee der Berliner Charité soll neuen Moskauer Gesundheitseinrichtungen zu Gute kommen. So wurde ein riesiges medizinisches Zentrum errichtet, ein zweites wird folgen, mit diversen Kliniken und Instituten, in dem ausländische Ärzte und Gerätschaften eingesetzt werden können, die eigentlich nicht über die nötigen russischen Zertifizierungen verfügen. Medizinisches Off-Shore nennt Tscherjomin das. Der Hintergrund für diese ungewöhnlichen Aktivitäten könnte vor allem darin liegen, dass das Gesundheitswesen von den Sanktionen der EU und der USA gegen Russland nicht betroffen ist.

    Die Moskauer Tage in Berlin sind aus Sicht von Sergej Tscherjomin der richtige Ort für Projekte dieser Art zwischen Berlin und Moskau:

    „Diese Veranstaltung ist die Quintessenz unserer Kooperation. Weil, so geben wir zu verstehen, dass unsere Vereinbarungen, die wir im Protokoll vermerkt haben, nicht auf dem Papier bleiben, sondern wirklich umgesetzt werden.“

    Dabei habe er die Interessen beider Partnerstädte im Blick, sagt Sergej Tscherjomin. Denn Moskau und Berlin stünden in einem harten Konkurrenzkampf mit anderen europäischen Metropolen und Regionen.

    Fehlt Berlin und Moskau ein lebendiger Mechanismus für Innovationsaustausch?

    Dass genau dieser Konkurrenzkampf auch Risiken birgt, machte Vitali Schmelkow deutlich. Der Ehrenvorsitzende des Vorstandes der Deutsch-Russischen Wirtschaftsallianz träufelte als einziger Referent etwas Wasser in den Champagner. Denn Schmelkow warnte davor, dass Berlin und Moskau bei aller Kooperationsfreude nicht vergessen dürften, dass eine digitale Gesellschaft nicht national, sondern global gedacht werden muss. Er rechnete vor, dass 70 Prozent aller Unternehmen schon einmal von Cyberkriminalität betroffen waren. Die meisten würden das gar nicht melden. Dieser modernen Pest sei nur global beizukommen.

    Und was den Austausch von Innovationen zwischen den Unternehmen in Berlin und Moskau angeht, hatte Vitali Schmelkow den Eindruck, dass russische innovative Unternehmen nicht so sehr nach Deutschland liefern, sondern noch weiter nach Osten blicken. Es würden keine lebendigen Mechanismen existieren, um den Austausch von Innovationen wirklich zu befördern. Die kritischen Worte des elder businessman des deutsch-russischen Handels konnten die allgemein gute und hoffnungsvolle Stimmung des Wirtschaftstreffens nicht trüben.

    Die „Moskauer Tage“ in Berlin finden noch bis zum 17. November an verschiedenen Orten in Berlin statt und haben bis auf wenige Ausnahmen freien Eintritt.

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    Tags:
    Gipfeltreffen, Umweltschutz, Naturschutz, Partnerschaft, Städtepartnerschaft, Städtepartner, Sergej Sobjanin, Marzahn, Charlottenburg, Moskau, Berlin, Deutschland, Russland