01:16 14 Dezember 2018
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    Jahrestag der Novemberpogromen 1938 in Berlin

    Jenseits von Holocaust und Antisemitismus – Wie Juden in Deutschland leben wollen

    © AP Photo / Markus Schreiber
    Gesellschaft
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    Bolle Selke
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    80 Jahre nach den Novemberpogromen 1938 will die jüdische Gemeinschaft hierzulande nicht nur gedenken, sondern auch gestalten. Deswegen fand der Jüdische Zukunftskongress in Berlin statt und junge jüdische Autoren formulieren in dem Buch „Weil ich hier leben will…“ ihre Aufforderungen an die Gesellschaft. Sputnik sprach mit Mitherausgeber Jo Frank.

    Herr Frank, „Weil ich hier leben will…“. lautet der Titel ihres neuen Buches zum Jüdischen Zukunftskongress. Wie beenden Sie den offenen Satz?

    Ich freue mich zumindest mal, dass Sie dieses „…“ so betont haben. Genau darum geht es ja. Dass unsere Autorinnen und Autoren diesen Satz mit ihren Beiträgen beantworten. Das sind junge Jüdinnen und Juden, die sich in diesem Band zur Gegenwart und Zukunft Deutschlands und Europas äußern und diesen Satz meistens als Einleitung zu einem Konditionalsatz sehen, also: Weil ich hier leben will, möchte ich das und das machen, oder muss das und das noch geschehen. Das ist dann eben in diesem Buch zu erfahren.

    In den Medien wird häufig vor einem Wiedererstarken des Antisemitismus in Deutschland gewarnt, in dem Buch spielt er eher eine nebensächliche Rolle. Wie nehmen Sie die Situation dahingehend war?

    Beim Buch ging es uns auch darum, dass die Perspektive auf das Judentum in Deutschland oftmals eine ist, die geprägt ist von Holocaust, von Antisemitismus, und von Israel – bei letzterem auf Konflikte beschränkt. Diese Sicht wird aber in der jüdischen Gemeinschaft selbst, gerade unter dieser jungen Generation, als Sicht gesehen, gegen die gearbeitet werden muss. Es ist überhaupt keine Frage, dass der Antisemitismus in den letzten Jahren wieder ein stärkeres und größeres, bedrohlicheres Thema geworden ist. Da sprechen sowohl der Bundesbericht zum Antisemitismus eine klare Rolle, als auch die Zahlen des RIAS beispielsweise.

    Man darf aber dabei auch nie vergessen, Antisemitismus ist zwar ein Problem der Jüdinnen und Juden wenn sie Opfer sind, aber vor allem ein Problem der Gesamtgesellschaft. Da sind eben die Zahlen leider auch völlig eindeutig, dass die antisemitischen Tendenzen innerhalb der Gesamtgesellschaft stetig wachsen. Auch da ist es die Aufgabe und Verantwortung der Gesamtgesellschaft, vor allem der Politik, gegen Antisemitismus vorzugehen. Da sieht man auch, dass durch solche Stellen wie den Antisemitismusbeauftragten, dieses Thema auch ernst genommen wird. Es gibt aber auch noch sehr viel zu tun.

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    Das Buch beschäftigt sich auch mit der Frage, ob es im 21. Jahrhundert ein „deutsches Judentum“ gibt. Wie beantworten Sie diese Frage?

    Das ist eine sehr schwierige Frage. Die Autoren machen auch relativ klar, dass solche Begriffe, solche „nationalen Labels“ etwas sind, wogegen man sich im Großen und Ganzen wehrt. Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Ein Hauptgrund liegt aber sicherlich auch darin, dass mindestens 85 Prozent der jüdischen Gemeinschaft einen postsowjetischen Migrationshintergrund haben. Die Frage von Nationalitäten ist da nicht so leicht zu beantworten. Auch weil sie mit Identitätsfragen verbunden ist. Wir erleben da einen großen Wiederspruch.

    Es ist eine Generation, die beispielsweise mit einem ganz klaren Bild von Europa, und einer positiv besetzten Idee von Europa, aufgewachsen ist. Jetzt werden diese wesentlichen Identitätsmerkmale im Moment komplett hinterfragt. Die Zukunft Europas ist unklar und damit auch wieder unklar, welche Rolle eigentlich solche Fragen von Zugehörigkeiten zu größeren Gruppen außerhalb der jüdischen Gemeinschaft spielen. Die Frage ist auch nicht so wesentlich, ob es deutsche Juden gibt, sondern eher, wie es der Gemeinschaft in Deutschland geht. Damit befassen wir uns.  

    Die Autoren im Buch schreiben einerseits darüber, wie schwer es sein kann, in Deutschland jüdisch zu sein. Andrerseits wollen sie aktiv genau diese Gesellschaft prägen, das gibt dem Buch einen durchweg positiven Unterton. Kann man das so sagen?

    Das glaube ich schon. Das Positive ist vor allem, dass eine Haltung in dem Buch sichtbar wird, die sagt: Okay, es ist auch nicht einfach in Deutschland zu leben, aber diesen Schwierigkeiten begegnen wir durch eigene Initiativen. Wir versuchen die Gesellschaft mitzugestalten und sie besser zu machen. Damit ein Leben in Deutschland ein lebenswertes ist. Dieses „Wollen“ beschränkt sich eben nicht nur auf die jüdische Gemeinschaft selbst, sondern auch auf andere Minderheiten und auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der eben auch zur Debatte steht. Wir wollen einen Teil dazu beitragen, den Zusammenhalt zu stärken und nicht den Weg gehen, die Gesellschaft immer weiter auseinander zu fragmentieren. Diese Fragmentierungen sind ja die Bestrebungen von vielen, gerade politischen Strömungen am rechten und linken Rand derzeit. 

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    Sie haben eingangs gesagt, dass die Autoren auch sagen „Weil ich hier lebe, muss Dies und Jenes geschehen.“ Was für Erwartungen und Forderungen haben die Autoren da?

    Das sind keine Erwartungen, sondern Forderungen im Sinne von Aufforderungen. Erstens sollte sich der Blick auf die jüdische Gemeinschaft ändern, so dass nicht nur diese Trias aus Holocaust, Antisemitismus und Israel das Prisma ist, durch das die jüdische Gemeinschaft gesehen wird. Sondern eine ganz große Vielfalt, die in ihren Erwartungen wahr- und ernstgenommen werden muss. Da geht es viel um Fragen von struktureller Diskriminierung oder Ausgrenzung im Alltag. Das ist auch inzwischen angesichts dieser veränderten Gemeinschaft etwas, was wir nicht mehr hinnehmen wollen. Wir lassen uns hier auch nicht mehr verdrängen.

    Das ist glaube ich schon eine ganz klare Aussage, die sich auch gerade wegen dieser politischen Veränderung im Deutschland und Europa der letzten Jahre firmiert hat. Man sagt also: Ihr rückt nach rechts, aber wir wollen dafür kämpfen, dass es eine offene und vielfältige Gesellschaft gibt und von dieser Gesamtgesellschaft sind wir ein wesentlicher Teil. Als das wollen wir auch anerkannt werden und nicht nur durch diese typische Brille dieser Trias, die ich jetzt schon ein paar Mal genannt habe.

    Jo Frank ist Geschäftsführer des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks, Initiator des internationalen Programms Dialogperspektiven sowie Autor, Übersetzer, Verleger und künstlerischer Leiter des Zeitkunst Festivals.

    Das Buch „ ‚Weil ich hier leben will…‘ Jüdische Stimmen zur Zukunft Deutschlands und Europas“ ist im Herder Verlag erschienen.

    Die Homepage des Jüdischen Zukunftskongresses gibt es hier.

    Das komplette Interview mit Jo Frank zum Nachhören:

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    Tags:
    Nazi-Deutschland, Verfolgung, Antisemitismus, Juden, Holocaust, Deutschland