01:45 16 Dezember 2018
SNA Radio
    Der Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

    Emotionaler Hilferuf: Pflegekraft wendet sich öffentlich an Jens Spahn

    © REUTERS / Fabian Bimmer
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Marcel Joppa
    161281

    Als die Pflegerin Johanna Uhlig ihre Nachtschicht beendet, lassen ihr die Missstände in Deutschland keine Ruhe. Sie schreibt auf Facebook einen öffentlichen Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn: „Das Gesundheitssystem stürzt ein wie ein Kartenhaus.“ Der Text bewegt Zehntausende Menschen so sehr, dass auch Spahn selbst der jungen Frau antwortet.

    Die Pflegekraft Johanna Uhlig wollte sich nicht nur zuhause oder im Kollegenkreis, sondern öffentlich über die Zustände im deutschen Gesundheitssystem beklagen. Der dramatische Brief, den die junge Frau schließlich nach einer langen Nachtschicht auf Facebook an den Bundesgesundheitsminister richtete, wurde bisher rund 80.000-fach geteilt.

    Die gelernte Kinderkrankenpflegerin beschreibt in dem Brief ihren Arbeitsalltag. Die Situation sei so schlimm, dass immer mehr Pfleger zur Kündigung getrieben würden:

    „Ich bin erschöpft, verärgert und enttäuscht. Ich möchte Sie keinesfalls persönlich für die Missstände im Gesundheitssystem verantwortlich machen, jedoch komme ich heute nicht zur Ruhe, ohne Ihnen folgendes mitzuteilen…“

    Mit diesen Worten beginnt der Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn, der in den sozialen Medien aufgeregt diskutiert wird. In dem langen Schreiben schildert Johanna Uhlig, die seit vier Jahren im Krankenhaus arbeitet, ihren Alltag auf einer Intensivstation für Früh- und Neugeborene, sowie für Kinder bis zu 18 Jahren.

    Eine Schicht ohne Essen und Trinken…

    Es sei an der Tagesordnung, dass sie es während einer Schicht nicht einmal schaffe, auf die Toilette zu gehen, geschweige denn etwas zu essen oder zu trinken. Der hohe Arbeitsaufwand und die schlechte Bezahlung hätten sich laut der jungen Frau massiv auf den Personalstand ausgewirkt:

    „Erfahrene Kollegen kündigten, weil sie die immer schlechter werdenden Bedingungen und den drohenden Qualitätsverlust nicht mehr persönlich mittragen konnten. Es gab Kündigungen von jungen Kollegen, die sich nach einigen Monaten gar nicht erst vorstellen konnten, diese Arbeit im Dreischichtsystem fortzuführen.“

    Selbst Auszubildende, welche die Ausbildung abgeschlossen hätten, orientierten sich sofort um und würden erst gar nicht in den Berufsstand eintreten.

    Zwischen Überforderung und Illegalität…

    Das niedrige Gehalt ist für die Pflegerin jedoch nicht das größte Problem. Laut Johanna Uhlig wären viele ihrer Kollegen selbst dann nicht geblieben, wenn man ihnen deutlich mehr Gehalt geboten hätte:

    „Die Arbeitsbedingungen müssen sich radikal ändern. Pflegekräfte machen bei ihrer persönlichen Fürsorge Abstriche, um die Pflege am Patienten auf einem möglichst guten Niveau zu halten. Nicht nur aus Fürsorgepflicht, sondern auch aus Angst etwas zu vergessen, nicht korrekt zu dokumentieren und am Ende mit einem Fuß im Gefängnis zu stehen.“

    Auch sei es sehr demotivierend, wenn man als ausgebildete Pflegekraft die meiste Zeit überhaupt nicht das praktizieren könne, was man ursprünglich gelernt habe. Die Arbeitsbedingungen müssten sich radikal ändern, fordert Uhlig.

    In der Altenpflege ist es nicht besser…

    Wichtig ist der sympathisch und erschöpft wirkenden Frau zu betonen, dass sie und ihre Kollegen den Beruf generell sehr gerne ausübten. Aber die Pflegekräfte in Deutschland seien an der Grenze des Machbaren angekommen, mehr könne man nicht mehr geben:

    „Das Gesundheitssystem stürzt ein wie ein Kartenhaus. Die stationäre Versorgung ist in der Kranken- und Altenpflege zuweilen katastrophal. Während meiner Ausbildung habe ich auch Einblicke in die Altenpflege bekommen: Ältere Herrschaften melden sich zum Toilettengang, aber aus akuter Personalnot werden sie gebeten, es doch einfach laufen zu lassen.“

    Johanna Uhlig fährt fort, dass Patienten häufig Schmerzen äußerten, doch die Pflegekraft in der Nachtschicht alleine sei. So sei es schlicht nicht möglich, bei dem hohen Arbeitsaufwand zügig Schmerzmittel zu verabreichen.

    Die Pflegebranche vor dem Kollaps?

    Der Kommentar, den Johanna Uhlig am Mittag des 18. November auf Facebook postete, wurde allein innerhalb der ersten 48 Stunden über 50.000 Mal geteilt. Viele Menschen kommentierten den Brief, auch um ähnliche Zustände aus Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zu schildern. So wurde Gesundheitsminister Jens Spahn darauf aufmerksam. Er antwortete der jungen Pflegerin mit einem kurzen Video – ebenfalls auf Facebook. Spahn gab sich von den Worten der Frau bewegt:

    „Wir müssen wahnsinnig viel arbeiten, um Vertrauen zurückzugewinnen. Wir starten jetzt mit mehr Stellen in Kliniken, dass jede Stelle in den Kliniken bezahlt wird, dass die Tarifsteigerungen refinanziert werden, mit Pflegepersonaluntergrenzen zum ersten Mal auf vier Stationen, die wir aber auch weiter ausbauen wollen.“

    Dazu zählt Spahn weitere Maßnahmen auf, die sein Ministerium aktuell umsetze. Er wisse, das reiche noch nicht, aber es sei „ein erster Schritt“. Daher bedanke er sich bei Uhlig für die ehrliche, offene Darstellung und für die Eindrücke, die sie ihm und allen, die in der Gesundheitspolitik tätig sind, gegeben habe. Er werde jeden Tag und jede Stunde dafür arbeiten, alles besser zu machen.

    Johanna Uhlig antworte dem Minister in einem kurzen Facebook-Eintrag. Sie sei überwältigt von den Zehntausenden Reaktionen auf ihren öffentlichen Facebook-Beitrag. Nochmals an Jens Spahn gerichtet schreibt sie:

    „Ich, sowie alle, die meinen Post gelesen haben, vertrauen und bauen auf Ihre Worte.“

    Viele der Facebook-Nutzer, die sich in den Kommentarspalten unter Uhligs letztem Eintrag zu Wort melden, sind allerdings weniger optimistisch. Einige von ihnen fordern, Spahn müsse mehr Krankenhäuser besuchen, mehr mit Pflegekräften ins persönliche Gespräch kommen und mit ihnen eine gemeinsame Lösung finden.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Ausbildung, Bildung, Aufruf, Gesundheitswesen, Medizin, Pfleger, Pflege, Facebook, Gesundheitsministerium, Jens Spahn, Deutschland