06:59 10 Dezember 2018
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    SED-Parteitag in Berlin 1976

    Leid der Nazi-Diktatur nicht mit dem der SED gleichsetzen – MdB Wendt

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    Gesellschaft
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    Nikolaj Jolkin
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    Um die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Russland ging es bei der Präsentation der Broschüre „Umgang mit der Vergangenheit“ in der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“. Sie beschreibt die Aufarbeitung der Nazi- und der SED-Diktatur. So stand es in der Schrift.

    Die Erinnerungen an die traurigen Ereignisse sind häufig mit Schmerz verbunden, deshalb suchen wir sie aus dem Gedächtnis zu verdrängen, schrieb Claudia Crawford, Leiterin des KAS-Auslandsbüros Moskau im Vorwort. „Wir können aber diese Vergangenheit nicht loswerden. Wenn sich Deutsche an das 20. Jahrhundert erinnern, können sie nicht umhin, an den Genozid der Juden zu denken. Und sie werden mit der Tatsache konfrontiert, dass in einem Teil Deutschlands auf diese Diktatur eine andere gefolgt ist, die sogenannte Diktatur des Proletariats.“

    „Nach dem Untergang des Dritten Reichs haben die Siegermächte die Deutschen gezwungen“, so Crawford, „die Verbrechen des Naziregimes kritisch zu analysieren. Auf dem westdeutschen Territorium begann eine aktive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die DDR hat dagegen einen leichteren Weg eingeschlagen. Sie bekannte sich demonstrativ zum Antifaschismus und erklärte somit, aus der Vergangenheit alle notwendigen Lehren gezogen zu haben. Dank der Umerziehung sollte es im ‚besseren‛ Teil Deutschlands von nun an keine Faschisten mehr geben.“

    Bundestagsabgeordneter Marian Wendt sprach sich dabei dafür aus, dass man das Leid von nationalsozialistischen mit sozialistischen Opfern nicht gleichsetzen kann. „Nicht jeder Mensch, der in der DDR gelebt hat, war ein böser Mensch. Man hatte auch Glücksstunden gehabt, hat erste Liebe gehabt, geheiratet, Kinder bekommen. Da wurde Musik gehört.“

    MdB Marian Wendt (l.) im Gespräch mit den Diskussionsteilnehmern
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    MdB Marian Wendt (l.) im Gespräch mit den Diskussionsteilnehmern

    Es sei für ihn ein Teil der Erinnerungskultur. „Denn sie haben eine Lebensleistung in der DDR erbracht, den Staat aufgebaut. Und wenn man das ablehnt, verletzt man die Menschen, die ihr Lebenswerk gefährdet sehen. Ich glaube, dass es auch in Russland eine schwierige Auseinandersetzung gibt, was die Übergangsprozesse angeht.“

    Der CDU-Politiker wunderte sich, warum es in Russland immer noch 34 Stalinfiguren gibt. „In Deutschland hat man Straßennamen von NS-Größen getilgt. Es gibt in Deutschland keine Adolf-Hitler-Straßen. Obwohl, einige Städte haben ihn noch als Ehrenbürger. Aber wieso gibt es noch Ernst-Thälmann-Straßen? In meinem Wahlkreis gibt es einen SED-Weg und einen Weg der DSF. Das bringt Fragestellungen mit sich.“

    Wendt plädierte für eine kritische und ehrliche Erinnerungskultur, schloss aber ein Schuld-auf-sich-Laden aus. „Die Menschen in der DDR haben doch was geleistet, was aufgebaut, auch in dieser Diktatur. Und gerade die DDR ist nicht so glorreich untergegangen, wie das Dritte Reich, wo das System am Ende war. Es war jedem Deutschen bewusst. Bei der DDR war das nicht ganz bewusst. Neben Hunderttausenden Demonstranten gab es viele Profiteure, die das nicht ganz so verstanden.“

    Deswegen sei diese Ostalgie, so Wendt, die besage: „Ach, früher war es doch besser. Bauen wir die Mauer wieder auf, dann haben wir keine Flüchtlinge, nicht den Islam.“ Deswegen, meint er, sei es wichtig, „die Leute nicht zu beleidigen, sondern sie mitzunehmen und ganz sachlich zu erklären, was passiert ist.“

    Claudia Crawford bemerkte auch: „Wenn man über die DDR-Diktatur spricht, über das Schlimme, was da passiert ist, erlebt man oft, wie ehemalige DDR-Bürger sofort in eine Abwehrhaltung gehen. Sie fühlen sich persönlich angegriffen und kontern:,Es war doch nicht alles schlecht‘, oder,wir hatten überhaupt unser Glück‘.“

    Sie habe den Eindruck, „es rührt daher ein bisschen, dass sie wohl für bestimmte Dinge Verantwortung in der DDR getragen haben, jetzt gern alle mit einbeziehen und als Schutzschild vor sich hinhängen:,Was beschimpft ihr jetzt meine Landsleute?‘, um sich selber ein bisschen schuldfrei zu machen.“

    Die Leiterin des Moskauer Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung führte dabei Worte von Reiner Kunze an: „Natürlich gab es gute Erfahrungen in der DDR, von Ehe, Kindergeburtstag, Natur … Aber das Schlimme am Guten ist, dass es für das Schlimme herhalten muss, was passiert ist.“ Sie fügte dann hinzu: „Er könnte es auf eine einfache Form bringen: wir waren glücklich nicht wegen des DDR-Systems, sondern trotz des DDR-Systems. Dies hängte davon ab, an welcher Position man in der DDR gestanden hat.“

    Crawford stellte fest: „Dementsprechend war auch der Übergang in ein komplett anderes politisches System für den Einen sehr leicht und mit voller Freude, und für den Anderen war es die Katastrophe, weil sein ganzes Lebenswerk und sein Lebensglaube zusammengebrochen sind.“

    Die russischen Teilnehmer der Diskussionsrunde wollten wissen, warum die AfD im Osten Deutschlands stärker vertreten ist als im Westen. Marian Wendt gab zu verstehen: „Vieles liegt in der Aufarbeitung des Wiedervereinigungsprozesses und einer fehlenden Identität in Ostdeutschland. Die DDR-Regierung hat ethische und kulturelle Identität gestoppt. Kirche wurde massiv unterdrückt. Jetzt fühlen sich viele Menschen immer noch als Personen zweiter Klasse. Viele Menschen wurden auch von westdeutschem System auf gut Deutsch betrogen.“

    Der Politiker fuhr fort: „Einige Ostdeutsche haben das Gefühl, im Alltag von Westdeutschen regiert zu werden. Noch immer sind die wirtschaftlichen Verhältnisse sehr unterschiedlich. Die reichste ostdeutsche Stadt hat gerade mal 70 Prozent des Steueraufkommens wie die schwächste westdeutsche Stadt Gelsenkirchen. Und das führt zur Fragestellung, ob das alles so richtig ist.“

    Wendt meint auch, dass gerade die Menschen, die sich auf die AfD legen, für Fragen an die Regierung sehr sensibilisiert seien, „weil das die Generationen sind, die schon mal kritisch gegenüber der DDR-Regierung waren, die oft aufgestanden sind. Und das alles kumuliert in dieser Frage der Flüchtlinge. Der Staat lässt jeden rein, gibt jedem Hilfe, aber mir nicht. Und das kumuliert dann in einer riesigen Melange aus ganz verschiedenen Aspekten zur AfD.“

    Die Hälfte der AfD-Wähler komme wieder zur CDU, ist sich der Abgeordnete sicher, „wenn wir eine glaubwürdige Politik machen, dass der Staat funktioniert, dass wir uns um die Probleme kümmern, sie angehen, ehrlich und offen die Meinungen ansprechen.“

    Volker List, der zurzeit an der Moskauer Lomonossow-Universität tätig ist, fasste zusammen: „Westdeutsche und Ostdeutsche haben die Vergangenheit unterschiedlich aufgearbeitet. In Westdeutschland gab es die Aufarbeitung des Nationalsozialismus von der älteren Generation. Die Menschen in der DDR haben sich zunächst als Sieger über die Faschisten gefühlt. Deswegen ist es doppelt schwierig, nicht mehr Sieger, sondern in gewisser Weise doppelter Verlierer zu sein. Das Leben ist weggebrochen und auch dieses Gefühl, zu den Siegern zu gehören, ist auch verlorengegangen.“

    Die Broschüre basiert auf mehreren von der Konrad-Adenauer-Stiftung seit einigen Jahren in Russland veranstalteten Seminaren, bei denen deutsche Experten darüber informierten, wie Deutschland seine Vergangenheit bewältigt, um einen Rückfall zu verhindern. Insbesondere wird von der Arbeit der zahlreichen Gedenkstätten und gesellschaftlichen Vereine in Deutschland berichtet, welche die Bevölkerung über die Geschichte aufklären und den Versuchen entgegenwirken, existierende Mythen zu kultivieren und neue zu erzeugen.

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    Tags:
    MdB, Debatte, Gedächtnis, Bundestagsabgeordnete, Trauma, Sozialismus, Hitler-Vergleich, Geschichte, Kommunismus, Nationalsozialismus (Nazismus), Konrad-Adenauer-Stiftung, MfS, Gestapo, Stasi, Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), CDU, NSDAP, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Hans Modrow, Erich Honecker, Egon Krenz, Lothar de Maizière, Adolf Hitler, Josef Stalin, Ostdeutschland, BRD, Sowjetunion, DDR, UdSSR, Deutschland, Moskau, Russland