16:19 10 Dezember 2018
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    Absturz eines indonesischen Passagierflugzeuges vom Typ Boeing 737 (Archiv)

    Ließ Bordcomputer Lion-Air-Maschine abstürzen? – Vorläufiger Bericht

    © AP Photo / Achmad Ibrahim, File
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    Eine Mischung aus technischen Problemen, Pilotenfehlern und Wartungsmängeln kann für den Absturz eines indonesischen Passagierflugzeuges vom Typ Boeing 737 Ende Oktober gesorgt haben. Darauf weist laut Medienberichten der erste vorläufige Untersuchungsbericht hin.

    Die Piloten der am 29. Oktober abgestürzten Passagiermaschine der indonesischen Fluglinie Lion Air haben anscheinend gegen die Befehle des Bordcomputers gekämpft. Dieser habe die Flugzeugspitze immer wieder nach unten korrigiert. Das ergibt sich Medienberichten zufolge aus dem am Mittwoch vorgelegten ersten vorläufigen Bericht der indonesischen Behörde für Transportsicherheit zur Ursache des Unglücks. Dabei waren alle 189 Menschen an Bord des Lion-Air-Fluges JT 610 ums Leben gekommen.

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    Die Ermittler stützen sich auf Zeugenaussagen, Aufzeichnungen zur Wartung und die Auswertung des Flugschreibers der Boeing 737, wie die Schweizer Tageszeitung „Tages-Anzeiger“ am Mittwoch meldet. „Dem Bericht zufolge, der einigen Medien bereits vor Veröffentlichung vorlag, hatten die Piloten sofort nach dem Abheben mit heftigen Problemen zu kämpfen. Bereits 19 Kilometer nach dem Start hatten sie am Flughafen angefragt, wegen ‚Problemen mit der Flugkontrolle‘ umkehren zu dürfen.“

    Der Untersuchungsbericht bestätige, dass ein Sensor an einer Tragfläche defekt war und dem Bordcomputer falsche Angaben zum Anströmwinkel übermittelte. Der Anströmwinkel ist ein Wert für die Fluglage. Der Bordcomputer habe aufgrund der falschen Daten die angeblich zu weit nach oben gestellte Flugzeugspitze immer wieder nach unten korrigiert. „Für Software und defekten Sensor war dadurch alles in Ordnung“, so die Zeitung. „In der Realität war das Flugzeug dadurch unterwegs im Sinkflug.“

    Die Piloten hätten innerhalb von elf Minuten 26 Mal versucht, per Handsteuerung die falsche Fluglage zu korrigieren. Der Bordcomputer habe dem Bericht nach das wiederum immer wieder korrigiert. Unklar sei, war die Piloten den Computer nicht abschalteten, was möglich ist.  Das Flugzeug sei dann mit einer Geschwindigkeit von 730 Kilometern pro Stunde auf die Meeresoberfläche geprallt.

    Probleme waren bekannt

    Der „Tages-Anzeiger“ gibt den renommierten Luftfahrt-Journalisten Dominic Gates von der „Seattle Times“ wieder, der als verantwortliche Ursachen die Software, die Piloten und die Behörden nennt. Das abgestürzte Flugzeug sei eines des neuen Typs Boeing 737MAXX gewesen. Der Typ verfügt danach über eine Software zur Korrektur der Fluglage (Maneuvering Characteristics Augmentation System – MCAS). „Drei US-Pilotengewerkschaften kritisierten Boeing nach dem Unglück dafür, dass Piloten nicht ausreichend über dieses neue System informiert worden waren. Dies bestätigten zwei amerikanische Fluggesellschaften, andere widersprachen.“ Hersteller Boeing könnte in der Folge Probleme bekommen, so das Blatt.

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    Die Sensor-Probleme der Unglücksmaschine sollen bereits am Tag vor ihrem letzten Flug bekannt gewesen sein. „Laut Flugaufsichtsbehörde war die Maschine schon einen Tag vor dem Unglück ‚nicht flugtüchtig‘“. Bei einem Flug von Bali nach Jakarta hätten die Piloten die Fluglage der Boeing 737 ebenfalls immer wieder per Hand korrigiert. Sie hätten dann aber das MCAS abgeschaltet und die Maschine sicher gelandet. Es sei unklar, ob die Piloten des verunfallten Flugs 610 den Abschaltmodus nicht kannten oder vor Aufregung nicht ausführten.

    Laut „Tages-Anzeiger“ verweist der vorgelegte Untersuchungsbericht auch auf Mängel in der Wartung der Flugzeuge durch die Billig-Fluggesellschaft Lion Air. Diese habe „aufgrund zahlreicher mittelschwerer Unfälle einen schlechten Sicherheitsruf und durfte zwischen 2007 und 2016 nicht im EU- und US-Luftraum fliegen“.

    Für die Schweizer Zeitung ist der Absturz von Flug JT 610 „ein neues Beispiel für das fragile Verhältnis, das in Krisensituationen zwischen automatisierten Systemen und Menschen herrscht“. Diese Debatte sei in der Luftfahrt nicht neu. Die Zeitschrift „Vanity Fair“ habe 2014 den Absturz einer Air-France-Maschine im Jahr 2009 vor Rio de Janeiro rekonstruiert und dabei festgestellt: „Es scheint, als wären wir in einer Spirale gefangen: Bedienungsfehler durch Menschen führen zu stärkerer Automatisierung, die wiederum die Menschen schlechter darin macht, die Maschinen zu bedienen – was weitere Automatisierung notwendig macht.“

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    Tags:
    Katastrophe, Fehler, Absturz, Boeing 737, Indonesien