11:54 13 Dezember 2018
SNA Radio
    Migranten in Deutschland (Archiv)

    „Katastrophaler Schaden“: Heftiger Protest gegen Plakate des BMI von allen Seiten

    © AFP 2018 / PATRIK STOLLARZ
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Paul Linke
    399522

    Die Plakataktion des Innenministeriums „Freiwillige Rückkehr – Dein Land. Deine Zukunft. Jetzt!“ schlägt weiterhin hohe Wellen und sorgt für heftigen Widerspruch in der Öffentlichkeit: Unternehmen, Politiker und NGOs wollen mit Protestaktionen und Petitionen die Werbekampagne stoppen.

    Seit dem 13. November verbreitet das Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) in 80 deutschen Großstädten eine umstrittene Botschaft auf 2.400 Großplakaten: „Dein Land. Deine Zukunft. Jetzt! – Freiwillige Rückkehr: Bis zum 31.12.2018 bis zu zwölf Monaten zusätzlich Wohnkosten sichern.“ Laut BMI belaufen sich die Kosten für die Werbeaktion auf eine halbe Million Euro.

    In sieben Sprachen (russisch, deutsch, englisch, französisch, arabisch, paschtu und farsi) will das BMI Menschen über aktuelle Möglichkeiten der freiwilligen Rückkehr informieren. Mit den Plakaten sollen vor allem ausreisepflichtige Personen angesprochen werden, von denen es in Deutschland aktuell mehr als 235.000 geben soll, teilte das Ministerium auf eine Sputnik-Anfrage mit. Doch dass eben diese Zielgruppe auf den Plakaten gemeint ist, geht daraus nicht hervor. Seit Wochen fühlen sich durch die BMI-Werbung viele Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund angesprochen und in ihren Gefühlen verletzt.

    „Katastrophaler Schaden für die Wirtschaft und Kultur“

    Nachdem Sputnik über die umstrittene Werbeaktion und die zum größten Teil negativen Reaktionen aus der russischsprachigen Community Deutschlands ausführlich berichtet hat, sorgen die Plakate nun auch zunehmend unter Politikern, Unternehmern und anderen Menschen für heftigen Widerspruch und Proteste.

    So zum Beispiel auch in der Berliner Start-up-Szene. Das Gründungsmitglied von „Good Technology Collective“ und „1aim GmbH“ Yann Leretaille startete die „Berlin Founders Unite!“, eine Initiative, „die sich gegen die diskriminierende Regierungskampagne ‚ReturningFromGermany‘ ausspricht“. Er verfasste einen offenen Brief an das BMI. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, die „hasserfüllte und diskriminierende Kampagne“ abzubrechen und die Plakate zu entfernen.

    Die Mitarbeiter des deutsch-französischen Unternehmens, von denen ein großer Teil mit Bluecard nach Deutschland gekommen sei und zum Teil seit über drei Jahren in Deutschland lebe, hätten große Anstrengungen unternommen, sich zu integrieren, die deutsche Sprache zu lernen und Teil der Berliner Kulturszene zu werden, erklärt der Unternehmensgründer in dem  Brief an das BMI. Neben zahlreichen Start-ups unterstützen die Aktion auch verschiedene Mediengesellschaften. „Ich hoffe, dass ich dem Ministerium mit dieser Initiative helfen kann zu verstehen, was für einen katastrophalen Schaden diese Kampagne kulturell und wirtschaftlich anrichtet.“

    „BMI wirbt in bester Schnäppchen-Manier“

    Die Werbeaktion des BMI hielt aber auch eine engagierte Berlinerin, Hannah Hübner, für „problematisch“ und startete eine Online-Petition, die mittlerweile über 20.000 Unterstützer gesammelt haben soll. Die Petition auf der Plattform change.org trägt den Titel „Weg mit Rückkehr-Werbung des BMI“. „Das BMI wirbt in bester Schnäppchen-Manier für eine ungewisse Zukunft, suggeriert ein Unerwünschtsein von Menschen mit Migrationshintergrund und bestärkt so rechte Denkmuster“, heißt es in dem Aufruf.

    Politiker empört

    Auch Politiker zeigten sich empört. Die Bundestagsabgeordnete Gökay Akbulut (Die Linke) nimmt die BMI-Kampagne auf die Schippe und legt dagegen eine „freiwillige Rückkehr“ dem Bundesinnenminister Horst Seehofer ans Herz.

    Die Innenexpertin der Linkfraktion im Bundestag Ulla Jelpke lehnt das sogenannte „Programm zur freiwilligen Rückkehr“ ebenfalls ab. Der Sputnik-Redaktion teilte sie auf Anfrage mit: „Das Programm trägt zur weiteren Demontage des Asylrechts bei. Im Nebeneffekt sorgen solche Plakate bei in Deutschland lebenden Migranten für Verunsicherung, denn ihnen wird fälschlich signalisiert, dass sie unerwünscht sind.“

    Kritik für die Werbekampagne des Heimatministeriums gibt es auch von den Grünen. Das machte vor allem der Abgeordnete Konstantin von Notz im Twitter deutlich.

    „Stil der Werbeaktion ist beschämend“

    Als „integrationsfeindlich” bezeichnet den Aufruf der Diakoniechef Dirk Ahrens: „Der Stil der Plakataktion ‚Freiwillige Rückkehr‘ des BMI ist beschämend. Die emotionale Botschaft der Plakate lautet letztlich: Flüchtlinge und Ausländer, ihr seid hier unerwünscht!“

    Seit 2016 fördert der Bund verstärkt Programme zur freiwilligen Rückführung von Flüchtlingen. Im Mai 2017 eröffnete die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Zusammenarbeit mit dem BMI ein Onlineportal zur freiwilligen Rückkehr aus Deutschland. Dort wirbt die Organisation in acht Sprachen: „Die freiwillige Ausreise ist eine Möglichkeit für Migrantinnen und Migranten, die überlegen, in ihr Herkunftsland zurückzukehren.“ Im Jahr 2016 hätten sich dem Portal zufolge mehr als 54.000 Personen für diese Option entschieden.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Werbekampagne, Russlanddeutsche, Start-up, Plakat, Petition, Migranten, Bundesministerium des Inneren (BMI), Deutschland