21:33 16 Dezember 2018
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    Muslime beim Gebet in Deutschland

    Islamkonferenz nur noch unverbindliches Diskussionsforum – Vorsitzender des Islamrats

    © AFP 2018 / Christoph Soeder / dpa
    Gesellschaft
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    Ilona Pfeffer
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    Die Islam-Konferenz in ihrer heutigen Form ist nicht mehr produktiv und der Begriff des „deutschen Islam“ problematisch, sagt Burhan Kesici, Vorsitzender des Islamrats bezüglich der vierten Islam-Konferenz, die in Berlin stattgefunden hat. Muslime in Deutschland seien sehr gut integriert und weitgehend unabhängig von Einflüssen aus dem Ausland.

    Am 28. Und 29. November fand in Berlin die vierte Deutsche Islamkonferenz statt. Unter verschiedenen Vertretern der muslimischen Religionsgemeinschaften befand sich auch der Islamrat. Sputnik hat mit Burhan Kesici, dem Vorsitzenden des Islamrats, über die Konferenz, zentrale Themen und die Integration des muslimischen Glaubens in Deutschland gesprochen.

    Herr Kesici, die diesjährige Islamkonferenz ist insgesamt die vierte ihrer Art. Auf welche Erfolge kann die Konferenz zurückblicken, was konnte seit 2006 konkret erreicht werden?

    Die Deutsche Islamkonferenz hat dazu beigetragen, dass islamische Themen und Anliegen der Muslime in die breite Öffentlichkeit hineingetragen worden sind. Andererseits haben wir als Muslime auch gehört, was die Mehrheitsgesellschaft von uns verlangt, und haben versucht, diesbezüglich auch etwas zu machen. Konkret könnte man zum Beispiel erwähnen, dass wir im Bereich des islamischen Religionsunterrichts einige Erfolge erzielt haben, dass islamische theologische Fakultäten eingerichtet worden sind. Wir haben aber auch negative Aspekte gehabt. Wir haben beispielsweise über die Sicherheitspolitik gesprochen, was dazu geführt hat, dass die Muslime als potentielle Gefahr dargestellt worden sind. Dementsprechend hat sich auch das Klima gegenüber den Muslimen verschlechtert. Es gab also sowohl Erfolge als auch negative Aspekte.

    Nun ist es ja schwierig, von den Muslimen als homogener Masse zu reden. Das war auch ein Kritikpunkt, dass nicht alle Strömungen der Muslime bei der Islamkonferenz vertreten waren. Bei der diesjährigen Konferenz ist die Zusammensetzung der Teilnehmer verändert worden, nun kommen auch mehr liberale Stimmen zu Wort. Welche Ergebnisse erhoffen bzw. erwarten Sie?

    Man muss sich erstmal die Frage stellen, was für eine Aufgabe die Deutsche Islamkonferenz hat. Die Konferenz war ursprünglich so angelegt, dass man die Interessen der muslimischen Gemeinschaften in die Öffentlichkeit trägt und schaut, wie die Muslime in ihrer Organisation gestärkt werden können. Man hat auch die Erfahrung gemacht, dass bei der ersten Deutschen Islamkonferenz auch Einzelpersonen da waren, die bestimmte Themen in die Runde getragen haben. Man hat dann gemerkt, dass das so nicht funktioniert. Man kann nicht auf der einen Seite die organisierten Muslime haben und auf der anderen Seite Einzelpersonen, die ihre eigenen Positionen darlegen.

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    Selbstverständlich haben die Bundesregierung und die Ministerien die Aufgabe, mit allen Bereichen des muslimischen Lebens zu reden. Die Frage ist nur, in welcher Form und ob das im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz sein muss oder ob man ein neues Konzept hätte entwickeln können. Wir finden diese Konstellation nicht besonders produktiv und sind sehr beobachtend bei der Sache dabei. Um ehrlich zu sein, haben wir derzeit keine großen Erwartungen, weil wir sowohl die Konstellation als auch die Art und Weise nicht in Ordnung finden. Wir haben immer noch nicht verstanden, was die Deutsche Islamkonferenz bewirken möchte, denn die Zielsetzung ist nicht mehr so, wie früher.

    Vorher war klar, dass man versucht hat, staatliche Institutionen mit den Religionsgemeinschaften an einen Tisch zu bringen und konkret an bestimmten Aufgaben zu arbeiten. Jetzt hat man sich zum Ziel gesetzt, dass man einfach nur ein Diskussionsforum ist, wo Muslime und Nicht-Muslime zusammenkommen und über bestimmte Themen reden, ergebnisoffen. Und zwar ohne den Aspekt, dass man etwas gemeinsam machen müsste. Das heißt, auch Vertreter der Ministerien sagen, dass man ergebnisoffen diskutiert und nichts Verbindliches unternimmt. Im Grunde weiß also keiner, wo es hingehen wird.

    Eines der zentralen Themen ist, die muslimischen Gemeinden in Deutschland unabhängiger von ausländischem Einfluss zu machen. Wie groß ist dieser Einfluss tatsächlich und wie wirkt er sich konkret aus?

    Wenn man sich die Moscheegemeinden anschaut, dann wird man sehen, dass 60 bis 70 Prozent der Gemeinden keinerlei Kontakte ins Ausland haben. Man redet hier über einen einzigen Verband, und zwar die Ditib, die ihre Imame aus der Türkei nach Deutschland holt. Die anderen Gemeinden sind unabhängig, und ich glaube, das wird bei der Diskussion nicht berücksichtigt. Ich halte das auch für fatal, denn eine Religionsgemeinschaft lebt davon, dass sie mit den Muslimen in aller Welt in einen Diskurs kommt. Das sieht man bei den Katholiken und den Protestanten, die weltweit organisiert sind.

    Wie sieht es denn mit der finanziellen Unabhängigkeit vom Ausland aus?

    Es gibt keine finanzielle Abhängigkeit der Religionsgemeinschaften. Die Imame und die Gemeinden werden von den Gläubigen in Deutschland finanziert.

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    Kürzlich hat ein Wissenschaftler vorgeschlagen, den Moscheen in Deutschland eine Art „Anleitung“ an die Hand zu geben, wie man den Koran auslegen solle. Halten Sie das für eine sinnvolle Maßnahme, um beispielsweise einer möglichen Radikalisierung entgegen zu wirken?

    Ich glaube, das ist eine falsche Herangehensweise, denn Radikalisierung kann man nicht aufhalten, indem man versucht, neue Konzepte der Auslegung zu etablieren. Wir als Religionsgemeinschaften machen schon relativ viel. Wir klären die Leute auf, wir versuchen, ein gesundes Islamverständnis zu vermitteln. Das Problem ist, dass man an die Radikalen gar nicht rankommt. Sie sind bei uns nicht in den Gemeinden verankert und holen auch ihr Wissen nicht aus den Gemeinden. Dementsprechend führt diese Diskussion zu nichts, außer dass man Vertrauen verspielt. Wenn man eine Institution hat, die vorschreibt, wie wir den Koran zu verstehen haben, dann kann man schon von vornherein sagen, dass das von den Muslimen in dieser Form nicht angenommen werden wird. 

    Eines der Schlagworte der diesjährigen Konferenz ist der „deutsche Islam“, wobei niemand genau definieren will, wie dieser aussehen könnte. Was bedeutet „deutscher Islam“ für Sie, und was muss getan werden, um ihn zu etablieren?

    Ich finde den Begriff problematisch. Man sagt in den ganzen Diskursen: Wir wollen weg von dem türkischen Islam, wir wollen einen deutschen Islam. Das heißt, man distanziert sich von einer Prägung des Islam und möchte eine andere Prägung, die man selber definiert. Wir als Muslime lassen uns nicht in solche Kategorien einordnen. Wir sagen nicht, wir seien Muslime des türkischen oder des arabischen Islams, sondern wir bezeichnen uns als Muslime. Was wir erreichen müssen, ist, dass wir sagen: Wir sind Muslime in Deutschland, haben unsere Glaubensvorschriften und unsere Glaubenspraxis. Wir haben uns ja auch an die Gemeinden hier angepasst: Sie können einen Moslem aus der Türkei nicht mit einem Moslem in der Türkei vergleichen. Lebensweise, Denkweise, Verhalten – da liegen Welten dazwischen. Die Frage ist, ob diejenigen, die den „deutschen Islam“ fordern, das auch verstanden haben.

    In dem Zusammenhang war immer wieder zu lesen, dieser „deutsche Islam“ solle sich an Menschenrechten und Demokratie orientieren, statt eine parallele Wirklichkeit mit eigenen Gesetzen zu bilden. Das klingt, als sei das heute nicht so. Wie ist Ihre Einschätzung?

    Das würde mich auch interessieren. Wovon reden die Leute überhaupt? Wir haben hier einen gelebten Islam von 4,5 bis fünf Millionen Muslimen, die sich an die Gegebenheiten angepasst haben. Die sich an die Rechtsordnung halten, die das deutsche Grundgesetz achten, die im Rahmen des Normalen miteinander umgehen. Das heißt, man sollte dann auch in der Bringschuld sein und zeigen, worum es wirklich geht. Wir haben nur Anschuldigungen und Behauptungen, aber konkrete Informationen haben wir nicht. Ich glaube, diese werden sie auch nicht zeigen können. Die Muslime leben hier friedlich, wir haben uns angepasst. Deswegen verstehe ich die ganze Diskussion nicht.

    Dass es diese Islamkonferenz gibt, ist vielleicht schon ein positives Zeichen, was die Akzeptanz des Islam hierzulande angeht. Können Sie unterm Strich sagen, wo sich der Islam in Deutschland momentan befindet, wie gut er integriert ist und was seine Zukunftsaussichten sind?

    Wenn wir uns im europäischen Kontext umschauen, so sehen wir, dass man es in Deutschland geschafft hat, sowohl sprachlich als auch von der theologischen Auslegung her die Muslime sehr gut zu integrieren. In anderen Ländern gibt es weitaus größere Probleme. Wir sehen auch, dass die Muslime in der Arbeitswelt, im Sport und ähnlichem sehr gut mitmachen. Ich finde, man sollte eher die positiven Aspekte zeigen.

    Das komplette Interview mit Burhan Kesici zum Nachhören:

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    Tags:
    Unabhängigkeit, Ausland, Finanzen, Radikalisierung, Kritik, Islam, Deutschland