00:57 17 Dezember 2018
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    ein Migrant aus Nigeria in Spanien (Archiv)

    Armut trotz Erdöl, Korruption und Rechtlosigkeit: Was Nigerianer nach Europa treibt

    © AP Photo / Javier Fergo
    Gesellschaft
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    Valentin Raskatov
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    Nigeria ist reich an Erdöl, doch ein Riss geht durch das Land: Die Armen müssen sich als Tagelöhner durchschlagen, die Eliten sind korrupt und Sicherheit und Rechte der Bürger sind nie garantiert. Viele brechen deshalb nach Europa auf. Wie die Reise, der Aufenthalt und die Rückkehr nach Nigeria für diese Migranten verläuft – erfahren Sie hier.

    Die Reisen sind oft lebensgefährlich, die Aussichten zu bleiben – gering. Dennoch machen sich viele Menschen aus Nigeria auf den Weg nach Europa. Wieso und mit welchen Vorstellungen sie aufbrechen, welche Erfahrungen sie sammeln und wieso sie zurückkehren, hat die Kultur- und Sozialanthropologin Eva Lindtner in Gesprächen mit diesen Menschen erfahren. Dazu hat sie ein Buch mit dem Titel „Zwischen Nigeria und Europa: Schicksale von Migration und Remigration“ verfasst, das beim Promedia Verlag erschienen ist. Sputnik hat mit der Autorin gesprochen.

    Vor Ort: Armut trotz Erdöl, Korruption und eingeschränkte Rechte

    Die Situation des bevölkerungsreichsten Landes in Afrika schildert Lindtner so: „Es ist ein sehr erdölreiches Land, aber es kommt nicht wirklich an bei einem Großteil der Bevölkerung. Diese führen ein sehr kompliziertes Leben im informellen Sektor, müssen jeden Tag schauen, wie sie über die Runden kommen.“

    Mit anderen Worten, der Großteil der Bevölkerung sei schlichtweg arbeitslos, der informelle Sektor eine Zusammenfassung aller möglichen Strategien, um ein Überleben, von einem Tag auf den anderen, zu sichern. Solche Strategien können kleine Stände sein, an denen etwa Telefonkarten oder Wasser verkauft wird. Diese Tätigkeiten bezeichnen die Nigerianer gern als „Business“.

    Dass ein großer Teil der Bevölkerung so prekär existiere, interessiere die Politik aber wenig. „Gerade dadurch, dass das Land diesen Reichtum hat, ist die Politik sehr wenig abhängig von der Zustimmung durch die Bevölkerung und kann sehr leicht ‚darüber hinweg‘ regieren.“

    Neben einer Politikverdrossenheit der Bürger Nigerias mache ihnen auch das nicht funktionierende Rechtssystem zu schaffen. Die Polizei kläre gewisse Mordfälle gar nicht erst auf, traue sich an terroristische Gruppierungen nicht heran und überfalle zuweilen selbst Nigerianer, um sich zu bereichern.

    Und schließlich würden landwirtschaftliche Produkte kaum in die Städte gelangen, da die Infrastruktur dazu schlecht beschaffen sei. Eine Folge davon sei eine Unterversorgung der Stadtbewohner mit Lebensmitteln und hohe Preise, die sich viele nicht leisten könnten.

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    Die Reise: Zwischen Tod und Lagerhaft

    Den Nigerianern stünden nur wenige legale Wege offen, betont Lindtner. Hierzu würden die Familienzusammenführung oder ein Studium im Ausland zählen. „Aber der große Teil ist darauf angewiesen, mithilfe informeller Netzwerke nach Europa zu kommen. Sehr oft bedeutet das: durch die Sahara, über das Mittelmeer oder den Umweg über die Türkei, um nach Europa zu gelangen.“

    Viele kämen in der Sahara um oder würden während ihrer Reise ausgeraubt. Auch das Mittelmeer fordere bekanntlich seine Opfer. Aber auch die Migrationsnetzwerke selbst seien nicht immer menschenfreundlich: „Diese Netzwerke decken ein großes Spektrum ab. Sehr oft geht es da sehr solidarisch zu. Aber oft läuft es gegen Geld, führt zu Verschuldungen und die Migranten müssen das dann abarbeiten, sobald sie in Europa sind.“

    Und schließlich könne die Reise auch leicht ein ganz anderes Ende nehmen: „Man hört immer wieder, dass in den nordafrikanischen Staaten Auffanglager gebaut werden sollen. Und von den Migrantinnen und Remigrantinnen ist zum Beispiel Niger als „Jail Republic“ (Deutsch: Gefängnisrepublik – Anm. d. Red.) bezeichnet worden, weil dort so viele Menschen irgendwo auf dem Weg stranden, in irgendwelche Lager gebracht werden und dort in einer sehr rechtlosen Situation lange Zeit ausharren müssen.“ Neben diesen Lagern, in denen die Menschen willkürlich über Zeiträume von wenigen Tagen bis hin zu etlichen Monaten festgehalten würden, gebe es auch „informelle Lager, die von Migranten gegründet werden, wo sich Menschen verstecken“, sagt die Anthropologin.

    In Europa: Kleine Dienste vs. Prostitution und Drogen

    Obgleich das Europa, das sie betreten von dem Europa, welches sie sich vorgestellt haben, in einigen Punkten abweicht, wollen viele Nigerianer nicht zurück in ihre Heimat, „weil sie meinen, dass das auch nicht besser ist“. Viele schaffen es ja „ein halbwegs gutes Leben zu führen“. Das bedeutet laut Lindtner, genug Essen zu haben und Geld – Beträge, die 50 Euro im Monat selten überschreiten – nach Hause zu schicken.

    Außerdem ist die Forderung nach Integration auf der einen Seite und die Verpflichtungen gegenüber der Familie sowie Schulden bei den Netzwerken ein Problem. Motivation zur Integration fehlt vor dem Hintergrund europäischer Bestimmungen auch, denn: „Selbst wenn sie alles befolgen, haben sie so gut wie keine Chance, hier bleiben zu können“, erklärt die Anthropologin. „Von der anderen Seite dagegen kommt der Druck, eher Geld zu verdienen“, sagt Lindtner mit Blick auf die Familie. Viele kämen mit genau diesem Ziel: Geld verdienen, durch allerhand kleine Tätigkeiten, gepaart mit einem mehr als bescheidenen Lebensstil. „Sie sehen sich selbst als Arbeitsmigranten. Manche haben auch die Vorstellung, dass sie hier ein Business betreiben können, oder jemandem zur Hand gehen können“, so Lindtner.

    Viele Migranten aus Nigeria gehen informellen Tätigkeiten nach, verkaufen etwa eine Straßenzeitung oder schneiden Haare innerhalb der Gemeinschaft. „Das ist alles weit unter einer jeden Grenze an Einkommen. Das sind alles sehr kleine Beträge“, bemerkt Lindtner dazu. Aber es gebe auch Fälle, wo schnell das Geld her müsse, um Schulden zu bezahlen oder die Familie zu unterstützen: „Wenn sie schnell Geld brauchen, bleibt nicht viel mehr als Prostitution und Drogenhandel. Wobei viele sagen, dass sie das um jeden Preis vermeiden wollen und lieber versuchen, mit sehr wenig Geld auszukommen“, sagt die Autorin. Doch nicht nur solche Tätigkeiten führten Migranten in Konflikt mit dem Gesetz. „Das Wort kriminell ist natürlich immer darauf bezogen, was alles verboten ist. Teilweise ist es ja schon ein Problem, wenn zu viele Menschen in einer Wohnung wohnen“, betont Lindtner.

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    Die Rückkehr: Im Heimatland was aufgebaut oder aufgegeben

    Obwohl Nigerianer in den meisten Fällen keine Aussicht auf Asyl haben und deshalb wieder zurück in ihr Heimatland müssen, bleiben in der Bevölkerung die Migrationswünsche für viele bestehen, berichtet Lindtner. Einerseits seien die vielen Risiken bekannt, aber eben auch die eine oder andere Erfolgsgeschichte.

    Für diejenigen, die nicht infolge einer Abschiebung zurück gemusst haben, gilt nach Lindtner: „Die meisten wirklich freiwilligen Rückkehrer sind jene, die es geschafft haben, sich in Nigeria etwas aufzubauen; die eine Zeitlang meistens legal hier waren, die genug Geld verdienen konnten, die sich jetzt dort ein etwas größeres Business aufgebaut haben.“ Neben diesen gebe es aber auch andere freiwillige Rückkehrer, die einfach gesehen hätten, dass sie keinerlei Chancen mehr hätten, hier jemals bleiben zu können.

    Interviewpartnerin Eva Lindtner
    © Foto : Privat
    Interviewpartnerin Eva Lindtner

    Dass die Rückkehrer mit ihren Erfahrungen in Europa die Probleme im eigenen Land beheben helfen können, glaubt Lindtner nicht. Denn die Gesellschaft in Nigeria ist stark in zwei Schichten gespalten. Veränderungen könnten eher von der Oberschicht ausgehen: „Es sind eher jene MigrantInnen, die nach Amerika oder nach England aufbrechen. Das sind sehr oft gebildete Menschen, die aber sehr stark versuchen, in englischsprachige Länder zu kommen oder in Länder, wo sie überhaupt die Möglichkeit haben, ein Visum zu bekommen.“ Aber gerade diese würden sich von den Ärmsten des Landes, die nach Europa aufbrechen würden, abgrenzen. Oft genug würden sie auch die Abschiebung ihrer Mitbürger fordern, für deren Lage sie hier wie dort wenig Verständnis zeigen würden.

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    Das komplette Interview mit Eva Lindtner zum Nachhören:

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    Tags:
    Rechtslosigkeit, Migration, Flüchtlinge, Erdöl, Heimat, Korruption, Europa, Nigeria