03:23 16 Dezember 2018
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    Charite Berlin (Archivbild)

    Massiver Ärztemangel bedroht Gesundheitsversorgung in Deutschland

    © AFP 2018 / DPA/ Stephanie Pilick
    Gesellschaft
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    Alexander Boos
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    Die medizinische Versorgung der Menschen ist in vielen ländlichen Regionen durch Landflucht bedroht. Es lassen sich kaum noch Landärzte in der Fläche nieder, die Landbevölkerung wird älter. „Unser Krankenhaus wird einfach geschlossen, das trifft uns hart“, kritisiert Matthias Günther, Bürgermeister aus Sachsen-Anhalt, im Sputnik-Interview.

    Bundesweit sei der medizinische Versorgungsgrad je Einwohner „in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen“ am besten, stellte der „Ärzteatlas 2017“ fest. „Die niedrigsten Werte lassen sich in Brandenburg und Sachsen-Anhalt finden.“ Und laut einer Studie des „Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung“ suchen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen rund 70 Prozent der Hausarztpraxen einen Nachfolger.

    Bis zum Jahr 2019 werden einer Studie des „Deutschen Krankenhausinstituts“ (DKI) zufolge bundesweit etwa 37.400 Ärztinnen und Ärzte fehlen. Auch schließende Krankenhäuser bedeuten einen Verlust an ärztlicher Betreuung.

    Fallbeispiel Genthin: Krankenhaus nach 150 Jahren geschlossen

    Jüngst musste die 14.000 Einwohner zählende Stadt Genthin in Sachsen-Anhalt die Schließung des ortseigenen Johanniter-Krankenhauses verkraften.

    „Unser Krankenhaus ist vor 150 Jahren in Betrieb gegangen und wurde 2017 im September geschlossen“, erklärte Matthias Günther, Bürgermeister der Einheitsgemeinde Genthin, gegenüber Sputnik. „Die Einwohner von Genthin sind immer noch entsetzt, sehr traurig und können es nicht akzeptieren, dass hier kein Krankenhaus mehr existiert. Es war auch für die Umlandortschaften wichtig. Jetzt haben wir im Umkreis in einiger Entfernung noch Krankenhäuser. Die sind aber jeweils über 30 Kilometer entfernt.“

    Politischer Einsatz zur Rettung des Hospitals

    „Mehr als 21.500 Bürger in Genthin und Umgebung müssen nun mehr als 30 Minuten zu ihrem nächsten Krankenhaus fahren.“ Obwohl das im 19. Jahrhundert gegründete Krankenhaus – auch nach rechtlichen Maßgaben – versorgungsnotwendig für die Region war, wurde es im letzten Jahr geschlossen.

    Das Genthiner Stadtoberhaupt kämpfe bis heute politisch darum, die Schließung rückgängig zu machen oder das Krankenhaus „nach welchem Modell auch immer“ wieder zu aktivieren. Auf der Sachverständigenrat-Regionalkonferenz in Halle (Saale) berichtete er Mitte November „allen Anwesenden von der traurigen Schließung unseres Krankenhauses“, so Günther. Der Sachverständigenrat analysiere als unabhängiges Gremium aktuelle Entwicklungen im deutschen Gesundheitssystem. „Ich habe dort die Situation in Genthin geschildert und gefragt, ob neue Konstrukte, Lösungen und Modelle möglich seien.“ Bisher sei noch keine Lösung in Sicht.

    „Nicht nur Ostdeutschland von Landflucht betroffen“

    Daher warb er in einem öffentlichen Brief für den Weiterbetrieb des Johanniter-Krankenhauses. Dieses Schreiben war an wichtige landespolitische Stellen in Sachsen-Anhalt adressiert, darunter unter anderem das Büro des Ministerpräsidenten Reiner Haseloff (CDU), die Magdeburger Landtags-Fraktionen von CDU, SPD und Grüne sowie die „Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt“.

    „Hier sind alle wichtigen Landespolitiker angesprochen, nach Genthin zu schauen. Aber eben nicht nur an Genthin zu denken, sondern an die bundesdeutsche Gesamtsituation ländlicher Regionen.“

    Nicht nur Ostdeutschland, „sondern auch ländliche Regionen im gesamten Bundesgebiet sind betroffen von dieser Tendenz“, betonte der Genthiner Bürgermeister. Er beschrieb die seit Jahrzehnten in Deutschland zu beobachtende Tendenz, städtische Ballungsgebiete zu fördern. Es sei „zu kurz gedacht, dass Zentralisierung Rentabilität nach sich zieht. Meiner Meinung nach werden die Folgen nicht abgewogen. Die Großstädte werden immer größer, Wohnungen werden knapp und immer weniger bezahlbar. Während im ländlichen Raum Wohnungen freistehen. Hier sieht man eine eklatante Fehlentwicklung, der nur politisch entgegnet werden kann und auch sollte.“

    Landflucht: „Größtes Problem der Gegenwart“

    „Die Landflucht zählt zu den größten sozialstrukturellen Problemen der Gegenwart“, berichtete der Bonner „General-Anzeiger“ im Sommer diesen Jahres. Die Ärzteschaft konzentriere sich „zunehmend in den urbanen Zentren“. Denn Hausärzte würden derzeit überall – also auch in den Städten – gesucht. „Und wer die Wahl hat, meidet die Provinz – und geht lieber in die Stadt.“ Derweil altere die Landbevölkerung immer weiter.

    Die ländlichen Regionen leiden „unter den Folgen des zunehmenden Ärztemangels“, so die „Pharmazeutische Zeitung“, ein medizinisches Fachblatt. Das klassische Landarztdasein habe an Attraktivität verloren. „Das finanzielle Risiko der Niederlassung in eigener Praxis gilt als zu hoch. Bürokratische Hürden werden als zunehmend unüberwindbar betrachtet.“ Junge Ärzte würden versuchen, Familie und Beruf zu vereinbaren und seien mehr an guter Infrastruktur als an Ansehen, Verdienst und Eigenverantwortung interessiert. Die Sicherstellung der ambulanten medizinischen Versorgung in der Fläche gestalte sich zunehmend schwieriger für die Bevölkerung auf dem Land. Das Problem sei nicht neu. Bereits 2008 warnte das „Ärzteblatt“ unter der Überschrift „Die große Landflucht“ vor dem Hausärztemangel in Deutschland.

    Das komplette Radio-Interview mit Matthias Günter, Genthins Bürgermeister, zum Nachhören:

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    Tags:
    Ärzte, Mangel, Prognose, Krise, Versorgung, Gesundheitswesen, Studie, Ostdeutschland, Deutschland