09:16 19 Dezember 2018
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    Noam Chomsky (l.)

    Noam Chomsky – der letzte große Intellektuelle der Welt feiert 90. Geburtstag

    © AP Photo / Mohammad Abu Ghosh
    Gesellschaft
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    Ilona Pfeffer
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    Wie kaum ein anderer hat der amerikanische Linguist und politische Aktivist Noam Chomsky unsere Zeit geprägt. Immer wieder legt er mit seiner Kritik an der US-amerikanischen Außenpolitik den Finger in die Wunde. Am 7. Dezember feiert der Anarchist Chomsky seinen 90. Geburtstag. Eine Würdigung.

    Anarchist, brillanter Wissenschaftler und wahrscheinlich der wichtigste noch lebende Intellektuelle unserer Zeit: Noam Chomsky feiert seinen 90. Geburtstag. Wenn man versucht, in wenigen Sätzen zusammenzufassen, was das Leben und Wirken dieses so herausragenden Mannes ausgemacht hat, stößt man sehr schnell an seine Grenzen. Denn der selbst im hohen Alter unermüdliche Chomsky hat große Fußspuren hinterlassen.

    Mit seiner Generativen Transformationsgrammatik revolutionierte Noam Chomsky die Linguistik, die Formalisierung der Sprache nach Chomsky schaffte Grundlagen für Informatik und Computerlinguistik. Entgegen der damals vorherrschenden Lehre des Behaviorismus entwickelte Chomsky die Theorie, dass Menschen mit Fähigkeiten zum Spracherwerb geboren werden, die bloß entfaltet werden müssen. Damit beeinflusste der Gelehrte auch die Entwicklung der Psychologie.

    Ein unbequemer Kritiker

    Der breiten Öffentlichkeit ist der emeritierte Professor für Linguistik jedoch vor allem wegen seines politischen Engagements bekannt. Dr. Michael Schiffmann, der am Anglistischen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität lehrt, Chomskys Bücher ins Deutsche übersetzt und den großen Intellektuellen persönlich kennt, beschreibt Chomskys Entscheidung, sich politisch zu engagieren, so:

    „Chomsky war eigentlich schon seit seiner Kindheit Anarchist. Der erste Artikel, den er als zehnjähriger Schüler geschrieben hat, war zum Fall von Barcelona im spanischen Bürgerkrieg. Er hat seinen Anarchismus bis in die 60er Jahre mehr oder weniger wie ein verantwortungsbewusster Bürger praktiziert, der gelegentlich etwas macht, aber nicht viel. Es war schließlich der Vietnam-Krieg, der ihn in den Aktivismus reingezogen hat.“

    Chomsky sage heute, es sei eine Entscheidung, die er bewusst getroffen habe. Er habe gewusst, dass er auf vieles, was er gerne machte, würde verzichten müssen. Aber die moralische Monstrosität von diesem Krieg sei so groß gewesen, dass die Entscheidung unvermeidlich gewesen sei. Und dadurch sei er natürlich mit vielen anderen Monstrositäten in Berührung gekommen.

    „So kam es, dass es seitdem eigentlich zwei Chomskys gibt, mindestens. Den einen, der immer noch Linguistik macht. Und den sozialen und politischen Aktivisten, der mittlerweile über hundert Bücher geschrieben hat und der meistzitierte lebende Autor der Welt ist“, so Schiffmann.

    Immer wieder kritisierte Chomsky seither die aggressive US-amerikanische Außenpolitik, die Rolle der finanzstarken Machteliten und der Medien. Ob Kuba, Haiti, Osttimor, Südamerika, der Nahe Osten oder der Kosovo – nie wurde Chomsky müde, die amerikanische Rolle in Konflikten zu hinterfragen und zu kritisieren. Und er fand Gehör. Vor allem in Europa verschaffte sich Chomsky mit seinen Büchern, Reden und Interviews großen Respekt, in den USA hingegen wurde er jahrzehntelang ignoriert.

    „Chomsky ist von den Mainstream-Medien in den ganzen Jahren systematisch ausgegrenzt worden. Man hat die absurde Situation gehabt, dass er in Europa sehr bekannt war und viele Bücher publiziert wurden und man in den USA von Chomsky und seinen Positionen praktisch nichts erfahren konnte. Das hat sich nach 9/11 geändert. Ich weiß nicht, warum es ausgerechnet dieses Datum war, aber danach sind Journalisten in den USA mit Interviewanfragen über ihn hergefallen. Daraus ging auch ein Buch über 9/11 hervor. Das hat ihn schlagartig über die üblichen Kreise hinaus bekannt gemacht. Seitdem ist er auch in den USA eine feste Größe und wird durchaus rezipiert“, erklärt Michael Schiffmann.

    Der „selbsthassende Jude“

    Doch Chomskys Positionen bleiben umstritten. Seine Kritik an der israelischen Siedlungspolitik und seine Unterstützung für das „Free Gaza Movement“ haben dem in Pennsylvania geborenen Sohn jüdischer Eltern bei seinen Kritikern die Bezeichnung des „selbsthassenden Juden“ eingebracht.

    „Zu sagen, er sei ein selbsthassender Jude, ist das, was man in der Rhetorik die Figur des ‚ad hominem‘ nennt. Wenn einem keine Argumente einfallen, dann versucht man die Person, die die Gegenargumente vorbringt, schlechtzumachen.  Zu dem Vorwurf, er sei für die Zerstörung Israels und sei ein selbsthassender Jude, sagt Chomsky, dass er diese Kritik gerade aus einem bestimmten Geist des Judentums heraus, in dem er groß geworden ist, übt.  Einem humanistischen Geist. Er sagt, dass es ihm nicht darum geht, Israel zu zerstören, sondern Israel vor seiner moralischen Verwahrlosung und letzten Endes auch vor der Kriegsgefahr zu bewahren, die die Politik des Landes immer wieder provoziert“, so der Chomsky-Kenner Schiffmann.

    Chomsky versus Trump

    Auch mit der Kritik an der gegenwärtigen Politik der Trump-Administration hält Chomsky nicht hinterm Berg. „Im Trump’schen Jargon bedeutet ‚America first‘ im Grunde genommen ‚me first‘. Ich zuerst! Die Konsequenzen davon im eigenen Land oder im Rest der Welt interessieren mich nicht“, so Chomskys Urteil in einer Interviewreihe von Emran Feroz, die unter dem Titel „Kampf oder Untergang! Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssen“ im Westend Verlag erschienen ist. Trump bediene mit seiner Politik vor allem die Interessen seiner Klientel, der großen Konzerne. Dies sei auch bei Trumps Klimapolitik der Fall. Für das Leugnen des Klimawandels durch Trump und die Republikaner und den Ausstieg aus dem Klimaabkommen von Paris kritisiert Chomsky den US-Präsidenten scharf.

    Eine andere massive Bedrohung für die Menschheit sieht der Aktivist in der atomaren Aufrüstung. „Es ist schon bemerkenswert, dass die politischen Architekten dieser Welt so ignorant hinsichtlich der Gefahr ihrer eigenen Zerstörung agieren. Dies ist keine Neuheit in der Weltpolitik. Jene, die in der Vergangenheit Kriege initiierten, wurden oftmals von ebenjenen Kriegen zerstört. Dennoch hat das Ganze gegenwärtig ein ganz anderes Level erreicht. Wir beobachten das bereits seit den ersten Tagen des Atomzeitalters“, so Chomsky. „Die Vereinigten Staaten waren am Anfang so gut wie unverwundbar, die einzige ernste Gefahr waren Interkontinentalraketen mit Wasserstoffsprengköpfen. Archivrecherchen haben mittlerweile deutlich gemacht, was man bereits früher vermutete: Es gab trotz der Bedrohung keinen Plan, nicht einmal den Gedanken, ein Abkommen abzuschließen, welches diese Waffen geächtet hätte. Die damalige Einstellung erleben wir gegenwärtig wieder. Der starke Ausbau von Streitkräften, die sich entlang der Route zu Russland befinden, stellt eine ernste Bedrohung dar und könnte in einem Atomkrieg münden.“

    Chomsky als Mensch

    Dass Noam Chomsky in seinen 90 Lebensjahren vieles bewegt und seine Zeit geprägt hat, ist unbestritten. Beleg dafür sind nicht nur seine zahlreichen Bücher, Essays, Vorträge und Interviews, sondern auch eine beeindruckende Liste von Ehrendoktor-Würden, die er nicht nur von amerikanischen, sondern von führenden Universitäten in aller Welt erhalten hat. Sein messerscharfer Verstand, sein umfangreiches Wissen und sein hohes Alter gebieten Ehrfurcht. Doch wie ist Noam Chomsky als Mensch? Michael Schiffmann hat das Glück, den berühmten Intellektuellen persönlich zu kennen.

    „Meine Erfahrung ist, dass er einer der uneitelsten und unprätentiösesten Menschen ist, die ich je kennengelernt habe. Es ist auch in der Kommunikation mit ihm immer wieder verblüffend gewesen. Wenn ich ihm eine Mail zu irgendeinem Thema schreibe, sei es Linguistik, Politik oder was auch immer, habe ich meist innerhalb von wenigen Stunden eine Antwort. Manchmal nur einen Einzeiler, manchmal aber auch sehr ausführlich, wenn es angemessen ist. Das macht er nicht nur mit mir so. Wenn Sie ihm schreiben würden, würden Sie genauso behandelt werden. Das ist für Berühmtheiten von seinem Kaliber sehr, sehr selten. Ich habe ihn im persönlichen Kontakt auch als sehr warmherzig und humorvoll erlebt.“

    Das komplette Interview mit Michael Schiffmann zum Nachhören:

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    Tags:
    Jubiläum, Geburtstag, Literatur, Philosophie, Donald Trump, Noam Chomsky, Israel, USA