20:18 22 April 2019
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    Geldmangel (Symbolbild)

    Arm trotz Arbeit: Armutsbericht 2018 enthüllt fatale Missstände

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    Gesellschaft
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    Paul Linke
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    Ein Drittel der armen Erwachsenen ist in Deutschland erwerbstätig, jeder vierte arme in Rente. Nur ein Fünftel ist arbeitslos. Und das ist nur eines der vielen brisanten Details des aktuellen Armutsberichts 2018 des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

    Der Paritätische Wohlfahrtsverband, für den die Paritätische Forschungsstelle mit Daten des Sozio-ökonomischen Panels (DIW) gerechnet hat, legte am Donnerstag seinen Armutsbericht 2018 vor. Der Bericht soll sich unter anderem erstmals der Frage widmen, wer die rund 13,7 Millionen Menschen faktisch sind, die in Deutschland in Armut leben. In der Statistik seien lediglich Menschen erfasst, die über einen eigenen Haushalt verfügen. „Völlig außen vor bleiben jedoch die 800.000 bis 1.000.000 wohnungslosen Menschen in Deutschland und die über 800.000 Bewohner von Pflegeheimen, von denen rund die Hälfte auf Sozialhilfe angewiesen ist. Oder aber die über 200.000 Menschen mit Behinderungen in Wohnheimen, die ebenfalls in aller Regel Sozialhilfe beziehen. Faktisch würden daher in Deutschland durchaus noch mehr Menschen als die 13,7 Millionen sein, die unter die Armutsgrenze fallen“, unterstreicht der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Dr. Ulrich Schneider, in einem Pressestatement.

    In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre lag die Armutsquote noch bei circa elf Prozent. schreibt Dr. Schneider am Donnerstag. In der längerfristigen Betrachtung der Armutsentwicklung sei somit ein ganz klarer Aufwärtstrend erkennbar. Die neuesten Ergebnisse ließen es nicht mehr zu, von einer Stabilisierung der Armutsentwicklung zu sprechen, erklärt der Sozialwissenschaftler.

    Arbeit schützt nicht mehr vor Armut

    Der Bericht wolle mit diversen Klischees und Vorurteilen aufräumen: So soll die gängige Formel, dass Bildung allein vor Armut schütze, nicht zutreffen. Der Analyse des Paritätischen Gesamtverbands zufolge, weisen fast drei Viertel der ab 25-jährigen Armen ein mittleres oder sogar hohes Qualifikationsniveau auf.

     „Bildung schützt von Armut nicht“
    „Bildung schützt von Armut nicht“

    „Es ist Zeit, dass populäre, aber falsche Bilder über Armut in Deutschland korrigiert werden. Der Bericht zeigt, dass eine Neujustierung des armutspolitischen Instrumentariums dringend nötig ist“, fordert Ulrich Schneider im Pressegespräch am Donnerstag. Mit Blick auf den hohen Anteil der Erwerbstätigen (33,2 Prozent) und Rentnerinnen und Rentner (24,8 Prozent) unter der Gesamtheit der erwachsenen Armen sei es fatal, dass die Politik regelmäßig auf die vergleichsweise unterdurchschnittlichen Armutsrisikoquoten dieser Bevölkerungsgruppen verweise und das Problem der Altersarmut und der Armut trotz Arbeit herunterzuspielen versuche, bemängelt Schneider. „Angesichts der vorliegenden Daten gibt es keinerlei Entschuldigung mehr für ein Nichtstun oder für Unzulänglichkeiten in der Bekämpfung von Armut im Alter und bei Erwerbstätigen“, so Schneider.

    Armut: Hauptproblem ist Leiharbeit?

    Das Problem der „Armut trotz Arbeit“ sei entgegen der weit verbreiteten Annahme keinesfalls hauptsächlich ein Problem von Minijobs, stellen die Autoren in einem weiteren Befund fest. „Minijobber machen nur etwas mehr als ein Viertel der erwerbstätigen Armen aus. Die ganz überwiegende Mehrheit ist mehr als nur geringfügig tätig und 41 Prozent sind sogar voll erwerbstätig. Armut geht jedoch vergleichsweise oft mit befristeter Beschäftigung und Zeit- bzw. Leiharbeit einher“, betont Schneider.

    Der Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands enthülle zudem Befunde zur „klassischen Betrachtung“ von Armut. Diese bestätigen, dass insbesondere Arbeitslose, Alleinerziehende, Menschen mit geringem Qualifikationsniveau und Menschen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich oft von Armut betroffen seien. „Dass hier auch nach Jahren aller politischen Absichtsbekundungen zum Trotz keine Verbesserung erkennbar ist, ist ein politischer Skandal“, so der Verband. Insbesondere die Kinderarmut ist laut dem Paritätischen Armutsbericht anhaltend und alarmierend hoch: Nicht nur jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut, sondern auch jeder fünfte arme Mensch in diesem Land ist ein Kind. Wie die Analysen der Paritätischen Forschungsstelle zeigen sollen, steigt bei Alleinerziehenden das Risiko der Einkommensarmut, je jünger die Kinder seien: Weit über die Hälfte (56 Prozent) der Alleinerziehenden mit zwei und mehr Kindern unter 15 Jahren leben demnach in Armut.

    Anspruchsvollere Arbeitsmarkt- und Mindestlohnpolitik gefordert

    Vor dem Hintergrund dieser Bilanz fordert der Paritätische Gesamtverband eine Neujustierung der Armutspolitik, die künftig deutlich breiter verstanden und ausgerichtet sein müsse. „Die Bekämpfung von Kinderarmut und insbesondere der Armut unter Alleinerziehenden, Arbeitslosen und Migranten ist mitnichten obsolet oder zweitrangig. Klar ist jedoch auch: Die armutspolitische Agenda muss deutlich breiter werden. Armut wird niemals in der Breite bekämpft werden können, ohne entsprechende Reformen in der Alterssicherung, ohne eine anspruchsvolle Arbeitsmarkt- und Mindestlohnpolitik und ohne einen Familienlastenausgleich, der arbeitende Eltern zuverlässig vor Armut schützt“, warnt Schneider und kündigt für das kommende Frühjahr einen großen Armutskongress an.

    Entsprechend dem EU-Standard liegt Armut vor, wenn das Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens einer Gesellschaft beträgt. Nach den Zahlen, die dem Paritätischen Bundesverband vorliegen, beträgt das mittlere Einkommen derzeit circa 1800 Euro. Die Armutsschwelle liege bei rund 1086 Euro pro Einpersonenhaushalt.

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    Tags:
    Arbeitsmarkt, Leiharbeit, Zeitarbeit, Armut, Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Deutschland