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06:55 17 Juli 2019
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    Frankreichs Sonderkräfte der Polizei in Straßburg

    „Es wird noch schlimmer“: Terrorexperte nach Straßburg

    © REUTERS / Christian Hartmann
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    Bolle Selke
    Schießerei in Straßburg (11)
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    Bei dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg vom vergangenen Dienstag kamen drei Menschen ums Leben. Sechs wurden schwer und sechs weitere leicht verletzt.

    Über die Einzelheiten und Folgen des Anschlags sprach Sputnik mit dem Sicherheits- und Terrorexperten Fidelis Cloer aus Dubai.

    Wie kam es zu einem Anschlag auf einem Weihnachtsmarkt, diesmal in Frankreich. Könnte man darin einen bedauernswerten „Trend“ sehen?

    In diesem konkreten Fall gehe ich nicht davon aus, dass das unbedingt eine geplante Attacke war. Es ähnelt eher einer Verzweiflungstat des Angreifers. Aber ein Weihnachtsmarkt ist natürlich immer ein Ziel, das man nicht ausschließen darf. Der Anschlag vom Breitscheidplatz (in Berlin, Anm. d. R.) liegt ja fast genau zwei Jahre zurück. Und in Frankreich wurde ja kurz vor dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz vor zwei Jahren eine Zelle hochgenommen, die just den Weihnachtsmarkt in Straßburg ins Visier genommen hatte. Ähnliches geschah schon einmal vor fünf-sechs Jahren in Straßburg. Der Weihnachtsmarkt dort scheint also eine Bedeutung zu haben.

    Der Täter soll „Allahu Akhbar“ – „Gott ist groß“ ausgerufen haben. Handelt es sich also um einen islamistischen Anschlag?

    Wenn er ‚Allahu Akhbar‘ ausruft, möchte er sicher islamistischen Angreifern zugeordnet werden. Ich denke aber, er war kein richtiger Islamist, sondern in erster Linie ein Verbrecher. Ein Gewohnheitskrimineller, der in den letzten 19 Jahren 67-mal straffällig geworden ist.

    Was weiß man noch bisher über den Attentäter Cherif C.?

    Er ist Franzose, aber seine Familie scheint aus Marokko oder Tunesien zu stammen. Er ist 29 Jahre alt und bereits im Alter von zehn Jahren das erste Mal auffällig geworden. 27-mal wurde er verurteilt und saß in drei Ländern im Gefängnis. Er hat also quasi sein ganzes Leben nichts anderes getan, als Straftaten zu verüben. Er ist also wohl nicht immer Islamist gewesen, aber wohl im Gefängnis radikalisiert worden.

    Die Polizei wollte ihn ja gerade verhaften, weil wieder etwas gegen ihn vorlag, ein versuchtes Tötungsdelikt. Da hat er wohl gemerkt, jetzt zieht sich die Schlinge zu, und da wollte er eventuell den großen Abgang machen.

    Aber er ist ja offensichtlich noch am Leben. Zumindest fahndet die Polizei nach ihm.

    Ja, 720 speziell ausgebildete Polizisten sind ihm in Frankreich auf den Fersen. Aber es gab auch europaweite Aufrufe, da er möglicherweise gar nicht mehr in Frankreich ist. Er war ja auch in Deutschland und der Schweiz im Gefängnis und kann dort Kontakte haben. Es kann aber auch sein, dass er, als er von der Militärstreife angeschossen wurde, erheblich verletzt wurde und inzwischen schon tot ist.

    Wie kann man denn solchen Anschlägen besser vorbeugen?

    Aus meiner Sicht war das ein spontaner Anschlag. Er hat diesen Anschlag in der Bewegung durchgeführt. Das heißt, er ist über den Markt und durch die Stadt gelaufen und hat Leute gezielt erschossen. Zwei Betroffene wurden in den Kopf geschossen. So etwas ist fast gar nicht zu verhindern, wenn jemand Zugang zu einer Schusswaffe hat. Allerdings die Kritik, die ich vor zwei Jahren geäußert habe, dass Weihnachtsmärkte überhaupt nicht gesichert sind, das hat sich alles geändert. Das kann man daran sehen, dass die Militärs, die ihn gestellt und auch auf ihn geschossen haben, dort waren, um den Markt zu schützen. Es hätte also durchaus mehr Tote und Verletzte geben können, wenn diese Maßnahmen nicht getroffen worden wären.

    Wie schätzen Sie die Situation in Frankreich ein?

    Die Franzosen sind vom islamistischen Terror sehr stark getroffen. Wir reden hier von 10.000 Gefährdern und wir reden von einer komplett gescheiterten Integrationspolitik, schon aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren. Das ist ein riesiges Problem für Frankreich. Bei uns in Deutschland betrachte ich es als nicht so krass. Aber der eine oder andere, der den Ausweg und das Märtyrertum anstrebt, den haben wir in Deutschland sicher auch.

    Und was bedeutet der Anschlag für die innenpolitische Situation in Frankreich?

    Was die Gelbwesten angeht, hat Präsident Macron jetzt erstmal eine Atempause. So traurig das auch ist, dass diese Sache durch einen Terroranschlag abgelöst ist. Frankreich hat innenpolitisch schon immer massive Probleme gehabt. Jedes Jahr zu Silvester werden in Frankreich zu Silvester 800 Fahrzeuge abgefackelt. Über das ganze Land verteilt. Das hat sich zu einer Tradition entwickelt. In den Vorstädten außerhalb von Paris gibt es Orte, in die die Polizei nur in Mannschaftsstärke einrückt. Frankreich steht da jetzt wirklich vor riesigen Problemen.

    Das heißt es wird sich erstmal keine Besserung einstellen?

    Ich denke es wird eher schlimmer, denn wo soll denn die Besserung herkommen. Man hat das Arbeitslosenproblem und die gescheiterte Integrationspolitik. Das sind alles verlorene Jugendliche, die sich diesen radikalen Gruppen anschließen. Deren Leben besteht darin, Straftaten zu begehen. Das sind natürlich dann auch leichte Opfer für islamistische Gruppen, die losziehen und nach Kämpfern suchen. Denn dort in diesen Gruppen hat man die Anerkennung, die man sonst im Leben nicht hat.

    Das komplette Interview mit Fidelis Cloer zum Nachhören:

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    Tags:
    Weihnachtsmarkt, Integration, Anschlag, Migranten, Sicherheit, Straßburg, Frankreich