21:51 23 April 2019
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    Der deutsche Schutzengel von Moskau

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    Armin Siebert
    211983

    Anne Hofinga engagiert sich seit dreißig Jahren für die sozial Schwachen in Russland. Seit 1992 lebt sie in Moskau. Dort hat sie den Sozialverein „Perspektiva“ gegründet. Die Bremerin, die mit einem Russen verheiratet ist, hat viel erlebt in Russland, aber nie ihre Liebe zu dem Land verloren. Deutsche und Russen findet sie gar nicht so verschieden.

    Anne Hofinga muss den Russen vorkommen wie ein Engel. Ausgerechnet eine Deutsche engagiert sich in Russland für die Schwächsten der Gesellschaft. Damit erinnert sie an den Deutschen Friedrich Joseph Haas, der vor 200 Jahren als „heiliger Doktor von Moskau“ in die Geschichte einging. 2008 hat Hofinga für ihr Engagement den nach Haas benannten Hauptpreis des Deutsch-Russischen Forums erhalten. Die Bremerin hat sich in Russland als Deutsche nie angefeindet gefühlt, erzählt sie im Sputnik-Interview:

    „Ich hatte noch nie Schwierigkeiten dadurch, dass ich Deutsche bin. Das ist etwas ganz Besonderes im russischen Volk, dass sie das so hintanstellen können. Ich glaube, es war eine geschickte Politik schon in der Sowjetunion, dass sie immer zwischen Deutschen und Faschisten unterschieden haben.“

    Dass Hofinga in Russland nie Probleme hatte, liegt sicher auch daran, dass sie fließend Russisch spricht. Inzwischen hat sie mehr als die Hälfte ihres Lebens in Russland verbracht und ist mit einem russischen Wissenschaftler verheiratet.

    „Aus Versehen zu viel Geld gesammelt“

    Das erste Mal war die gebürtige Bremerin im Rahmen ihres Slawistik-Studiums 1982/83 auf Studienreise in Russland. Später hat sie, für eine Westdeutsche durchaus ungewöhnlich, noch ein Jahr in der Sowjetunion studiert. Mit Einsetzen der Perestroika, als die Wirtschaft und das ganze System ins Straucheln gerieten, begann Hofinga, humanitäre Hilfe für Bedürftige in Russland zu organisieren. Allerdings war die Spendenfreude der Deutschen viel größer als erwartet: „Ich hatte aus Versehen zu viel Geld gesammelt, nämlich nicht, wie ursprünglich geplant, 25.000 Mark, sondern 350.000 Mark.“, erzählt Hofinga im Interview. Um dieses Geld sinnvoll vor Ort einzusetzen, wurde aus der einmaligen Hilfsaktion inzwischen für Hofinga mehr als ein Vierteljahrhundert in Russland.

    „Nach zwei Jahren hatte ich ein Sozialzentrum mit fünfzig Angestellten in Moskau, und dann konnte ich nicht mehr aufhören.“, erklärt Hofinga, dass sie ab 1992 permanent in Russland blieb.

    Hofinga leitet jetzt in Moskau das von ihr vor zwanzig Jahren gegründete Zentrum „Perspektiva“, in dem Sozialarbeit und Kurse vor allem für Senioren angeboten werden. Außerdem fördert der Verein in ganz Russland soziale Aufbauprojekte, vor allem für behinderte Kinder.

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    Auch der Staat ist inzwischen stolz

    2002 gründete Hofinga außerdem das russlandweit erste Rehabilitationszentrum in einer russischen Jugendstrafkolonie, das in der Folge in fast allen Jugendstrafkolonien Russlands kopiert wurde. Während ihre Arbeit in den Jahren zuvor von den russischen Behörden durchaus auch skeptisch beäugt wurde, bekam sie nun hohe Auszeichnungen vom russischen Justizministerium und der Hauptverwaltung für den Strafvollzug Russlands.

    Die Wahl-Moskauerin hat im Laufe ihres dreißigjährigen sozialen Engagements in Russland große Verbesserungen erlebt. Dies sei vor allem einzelnen Vorkämpfern in der Zivilgesellschaft zu verdanken, erzählt sie im Interview. Einen großen Sprung hätte es auch gegeben, als Russland die Behindertenrechtskonvention der UN ratifizierte, meint Hofinga. Inzwischen sei es sogar so, dass auch die staatlichen Stellen in den Regionen „stolz sind auf ihre innovativen Einrichtungen“.

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    „Kein Instrument für die Kritik an Russland“

    Hofinga engagiert sich auch im Petersburger Dialog, dem höchsten zivilgesellschaftlichen Forum zwischen Deutschland und Russland. Sie kritisiert jedoch die Einstellung mancher deutscher Teilnehmer:

    „Im Petersburger Dialog muss ich meine Position verteidigen. Ich bin der Meinung, dass der Petersburger Dialog kein Instrument für die Kritik an Russland sein kann. Ich kann bis heute nicht verstehen, warum manche Menschen im Petersburger Dialog glauben, dass jemand gern zu einem Forum kommt, wenn er von vornherein weiß, dass er da beschimpft wird.“

    Hofingas Engagement für sozial Schwache in Russland begann vor dreißig Jahren mit Hilfstransporten. Dies findet sie auch heute noch wichtig und sollte unabhängig von politischen Umständen geschehen:

    „Wenn aus Deutschland jemand Hilfe in den Donbass bringt, die dort mit Sicherheit gebraucht wird, dann finde ich das in Ordnung. Ich finde nicht, dass man jedes humanitäre Engagement immer durch eine politische Brille betrachten muss.“

    Seit 2015 hilft Hofinga zusammen mit deutschen Trauma-Pädagogen seelisch kriegstraumatisierten Kindern in der Ostukraine.

    Deutsche und Russen ergänzen sich

    Hofinga liegt das deutsch-russische Verhältnis am Herzen. 2014 gründete sie „Menschen ohne Grenzen“, eine Vermittlungsagentur für deutsche Freiwillige jeden Alters zur kurzfristigen Mitarbeit in russischen Sozialprojekten mit dem Ziel, „unabhängig von der politischen Situation das echte Russland kennenzulernen“, wie Hofinga auf ihrer Website schreibt. „Den neuen alten Ängsten vor Russland soll die menschliche Begegnung entgegengesetzt werden.“

    Hofinga meint, dass die Deutschen und die Russen gar nicht so verschieden sind. Im Gegenteil:

    „Sie unterscheiden sich ein bisschen in der Kultur und der Mentalität, aber sie ergänzen sich hervorragend. Ich habe immer wieder erlebt, wenn man eine neue Methode, zum Beispiel Heilpädagogik, nach Russland bringt, dann wird die in Russland erst gelernt, dann angewendet, modifiziert und kommt mit neuen Ansätzen nach Deutschland zurück. Die Kreativität, die es in Russland gibt und diese unbefangenere Herangehen an Methoden, das ergänzt sich unheimlich gut mit der deutschen Mentalität, und am Ende profitieren beide voneinander.“

    Auch wenn sich Hofinga lieber zu sozialen und zivilgesellschaftlichen Themen äußert, hat sie auch eine politische Meinung. Sie wünscht sich:

    „Die Politiker sollten endlich mal wieder anfangen, aufs Volk zu hören. Das Volk will erstens keinen Krieg – weder in Russland, noch in Deutschland. Und zweitens gibt es eigentlich keine Differenzen zwischen Russen und Deutschen, zwischen den Menschen. Die gibt es nur zwischen den Politikern. Selbst in der Wirtschaft gibt es eigentlich keine Differenzen. Das ist so aberwitzig, in was wir da reingetrieben werden, nur weil Politiker sich profilieren wollen, dass ich das weder moralisch, noch vom Verständnis her nachvollziehen kann.“

    Tags:
    Mentalität, Hilfe, Soziales, Studienreisen, UN, Russland, Deutschland
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