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15:47 23 September 2019
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    Ein karitatives Weihnachtsabendessen für Obdachlosen in Berlin (Archivbild)

    Flüchtlinge, die sich um Obdachlose kümmern – was die Jahresbilanz sonst verschweigt

    © AFP 2019 / Johannes Eisele
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    In Essen kümmern sich an Heiligabend Flüchtlinge um Obdachlose, berichtet Radio Essen. Die Geflüchteten aus Afghanistan wollten sich mit der Aktion dafür bedanken, dass sie in Deutschland sicher seien. Das stimmt für über eine Million Obdach- und Wohnungslose Deutschlands kaum. Für die besonders Verunsicherten tut der Staat viel zu wenig.

    Insgesamt sieben Jugendliche aus dem Taekwondo Center „Kangaroosports e. V.“ gehen heute Abend in die Essener Innenstadt. Sie alle sind aus Afghanistan geflohen. „Ich bin dankbar, dass ich hier so gut aufgenommen wurde, und das will ich auch zeigen”, sagt der achtzehnjährige Mohammad Sina Bar. Zusammen mit seinen Kommilitonen würde er an Obdachlose Essen, Klamotten und Schlafsäcke verteilen, für die sie über das Jugendhilfswerk „deinKult“ seit Wochen Spenden organisiert hätten. Auch morgen Abend seien sie mit einem Foodtruck in der Innenstadt.

    Die Zahl der Obdachlosen nimmt auch in Deutschland stark zu

    Eigentlich könnten die Deutschen zufrieden auf das Jahr 2018 zurückblicken, es gibt genug Gründe zu feiern. Die Zahl der Arbeitslosen ist mit über zwei Millionen so niedrig wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr, mit 45 Millionen hätten so viele Menschen wie noch nie eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Eine Insel der Glückseligen, die nun gemütlich zu Hause feiern dürfen. Außer denen, die gar keines haben: die Obdachlosen.

    Vor kurzem wurde berichtet, dass die Zahl der Obdachlosen in Großbritannien einen neuen Negativ-Rekord auf etwa 170.000 Familien und Einzelpersonen erreicht habe. Der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) zufolge hat sich auch die Zahl der Obdachlosen in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren auf mehr als eine halbe Million verdoppelt. Hinzu kommen noch über eine Million sogenannte Wohnungslose, also Menschen ohne eigene Wohnung und Mietverhältnisse, die regelmäßig bei Familie, Freunden oder in Notunterkünften schlafen. Über 55.000 davon würden auf der Straße betteln.

    Der Staat tut zu wenig

    Obwohl die Zuwanderung verstärkend wirke, lägen „die wesentlichen Ursachen für Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit in einer seit Jahrzehnten verfehlten Wohnungspolitik in Deutschland, in Verbindung mit der unzureichenden Armutsbekämpfung“, kommentiert Thomas Specht, Geschäftsführer der BAG W, das Problem. Anfang Dezember hatte die Wohnungslosenhilfe davor gewarnt, dass bundesweit zu wenige Notunterkünfte für Obdachlose zur Verfügung gestellt werden. Außerdem soll der Rückgang der Anzahl der durch den Staat finanzierten Sozialwohnungen an dem Problem beteiligt zu sein: Viele Erbauer von Sozialwohnungen haben aufgrund der niedrigen Zinsen in den letzten Jahren ihren Kredit beim Staat zurückgezahlt und sich so der Verpflichtung, soziale Wohnungen anzubieten, entzogen.

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    Die Zuwanderung aus Osteuropa soll ebenfalls eine zentrale Rolle spielen. Repräsentative Umfragen wie die in Hamburg zeigen, dass nur jeder dritte Obdachlose den deutschen Pass hat. Die Leiterin der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (AGFW) in Hamburg, Sandra Berkling, betonte aber gegenüber dem Hamburger Magazin „Hinz&Kunzt“, die meisten der zugewanderten Obdachlosen würden laut der Studie auf der Suche nach Arbeit in deutsche Städte kommen – und nicht etwa in der Hoffnung, Sozialleistungen zu erhalten.

    Während man sich in einzelnen Städten wie Köln dazu verpflichte, EU-BürgerInnen in Notschlafstellen aufzunehmen, werde diese Auffassung zum Beispiel in Düsseldorf nicht geteilt, berichtet die Düsseldorfer Obdachlosenhilfe fiftyfifty, deren Initiativen nicht von der Stadt unterstützt werden. Bundesweit sollen seit Oktober mindestens neun Obdachlose erfroren sein – vier Menschen mehr als im Vorjahr. Dabei ist die Zahl der Gewalttaten gegen Obdachlose dramatisch gestiegen – von 249 Delikten 2011 auf 592 Angriffe 2017. Immer öfter werden sie getreten, bespuckt, bestohlen, mit Benzin übergossen und angezündet, ermordet.

    Ahmad Seha Faizy, Cheftrainer bei Kangoroosports und NRW-Landestrainer, der sich heute Abend zusammen mit den Geflüchteten um die Obdachlosen der Stadt kümmern will, bestätigt besorgt: „Wir kommen fast alle aus Afghanistan – sind ein Teil der Gesellschaft und fühlen uns mitverantwortlich. Menschen in Not brauchen Kleidung und Lebensmittel, aber auch menschliche Nähe.“

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    Ähnliche private Weihnachtsaktionen sollen heute auch in einigen anderen Städten wie Bremen oder Köln stattfinden sowie in vielen kleineren Städten Deutschlands. Zumindest das Weihnachtsfest wollen die engagierten Helfer von den Hilfsorganisationen damit für die Obdachlosen schöner machen. Das eigentliche Problem der Obdachlosigkeit wird damit aber nicht gelöst.

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    Tags:
    Sozialaktivisten, Obdachlose, Wohnungsnot, Gewalttat, Sozialhilfe, Sozialwohnung, Armut, Essen, Köln, Bremen, Düsseldorf, Afghanistan, Deutschland