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10:44 16 Juli 2019
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    Bis zu 660 Tonnen Lebensmittel im Monat - die Berliner Tafel, das Original.

    „Wenn es keine Armut in unserem Land gäbe, bräuchte es auch keine Tafeln“

    © Foto: Berliner Tafel / Dietmar Gust
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    Armin Siebert
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    Sabine Werth gründete vor 25 Jahren die Berliner Tafel als erste Tafel Deutschlands. Für ihr Engagement für Bedürftige erhielt sie in diesem Jahr den Europäischen Sozialpreis. Im Sputnik-Interview erzählt Frau Werth, warum Helfen gerade zu Weihnachten so wichtig ist und warum sie am liebsten arbeitslos wäre.

    Frau Wirth, die Weihnachtstage liegen gerade hinter uns. Konnten Sie einigen bedürftigen Menschen das Fest versüßen?

    Wir konnten ganz vielen Menschen mit ganz Vielem wirklich gut helfen. Zum einen haben ganz viele Leute an unserer Weihnachtsgeschenk-Aktion über MyPlace teilgenommen und Geschenke liebevoll verpackt und süß beschriftet. Und, wie immer, haben wir vor Weihnachten Lebensmittel gesammelt und an enorm viele Einrichtungen verteilt.

    Wie war die Spendenfreudigkeit der Berliner in diesem Jahr?

    Die Spendenbereitschaft der Berlinerinnen und Berliner ist immer enorm groß. Das war in diesem Jahr nicht mehr als sonst, aber eben auch nicht weniger. Und gerade in den Weihnachtstagen sind die Menschen großzügig.

    Was ist so besonders am Weihnachtsfest? Warum haben Sie gerade da viel zu tun?

    Weihnachten bedeutet ja mehrere Feiertage am Stück. Das will gut organisiert sein. Da ist eine enorme Logistik zu koordinieren, was wir wo abholen und an wen verteilen. Wir haben sogar Heiligabend noch zwölf Obdachlosen-Einrichtungen mit Lebensmitteln unterstützt. Gerade Obdachlose haben ja oft keine familiäre Anbindung mehr.

    Also sind Obdachlose die Bedürftigsten in Berlin?

    Obdachlose, die auf der Straße leben, haben natürlich eine ganz besondere Bedürftigkeit, gerade in den Wintermonaten. Die Obdachlosen-Einrichtungen werden also von uns vorrangig angefahren. Aber auch die arme Bevölkerung — und die ist leider sehr groß in Berlin — hat es natürlich nicht leicht. Die können auch den ganzen Weihnachtskonsum nicht mitmachen, weil sie das Geld dafür nicht haben. Hier ist es also auch wichtig, mit Lebensmitteln und kleinen Geschenken zu helfen.

    Weihnachten ist ja auch ein Fest der Kinder. So spielen Geschenke hier sicher eine besondere Rolle?

    Ja, wir veranstalten ja diese Geschenk-Aktion gemeinsam mit dem Anbieter MyPlace. Die Bevölkerung kann hier kleine Präsente für die Weihnachtszeit abgeben, die wir dann an die Kinder weitergeben.

    Ausgabe von Lebensmitteln in Kirchengemeinden – in 45 Ausgabestellen von LAIB und SEELE, eine Aktion der Berliner Tafel, der Kirchen und des rbb, werden pro Monat 50.000 Menschen unterstützt.
    Ausgabe von Lebensmitteln in Kirchengemeinden – in 45 Ausgabestellen von LAIB und SEELE, eine Aktion der Berliner Tafel, der Kirchen und des rbb, werden pro Monat 50.000 Menschen unterstützt.

    Wir haben übrigens auch Weihnachtsbäume verteilt, die sich auch nicht jeder leisten kann.

    Wie hat sich die Zahl der Hilfesuchenden in den letzten Jahren entwickelt?

    Die Zahl der Hilfesuchenden ist inzwischen relativ stabil. Wir hatten während der großen Flüchtlingskrise nochmal einige tausend Personen mehr, aber inzwischen hat sich das wieder stabilisiert. Alles in allem unterstützen wir im Monat etwa 125.000 Menschen in Berlin mit Lebensmitteln. 50.000 erreichen wir direkt über die 45 Ausgabestellen von "Laib und Seele", unserer gemeinsamen Aktion mit den Kirchen und dem RBB. Weitere 75.000 erreichen wir über die 300 sozialen Einrichtungen, die wir beliefern.

    Und das tun Sie mit wie vielen Mitarbeitern?

    Wie haben 2300 ehrenamtliche und 31 festangestellte Mitarbeiter.

    Die Tafel und andere karitative Einrichtungen geraten vor allem zu Weihnachten ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Aber Sie sind ja schon das ganze Jahr über aktiv?

    Wir sind wirklich mehr oder weniger an 365 Tagen im Jahr aktiv. Wir sammeln Lebensmittel dort ein, wo sie im Überfluss vorhanden sind und weggeworfen werden sollten, das heißt bei Supermärkten und Discountern, Großhändlern und Einzelhändlern — überall, wo Lebensmittel zur Verfügung stehen. Das sind einwandfreie Lebensmittel, wo halt nur vielleicht der Salat ein gelbes Blättchen hat oder das Mindesthaltbarkeitsdatum naht. Diese Lebensmittel bekommen wir kostenlos und verteilen sie dann an Bedürftige in der Stadt.

    Erfahren Sie dabei Unterstützung aus der Politik?

    Wir sind ja diejenigen, die die Politik immer wieder auf Mankos aufmerksam machen. Wenn es keine Armut in unserem Land gäbe, bräuchte es auch keine Tafeln. Wir als Berliner Tafel verzichten bewusst auf staatliche Unterstützung in Form von Geld, weil wir genau wissen, dass das Geld, das wir bekommen würden, dann anderen sozialen Einrichtungen abgezogen werden würde. Das wäre total kontraproduktiv. Wir wollen unsere Unabhängigkeit und so die Politik auch immer wieder auf ihre Fehler aufmerksam machen können.

    Bis zu 660 Tonnen Lebensmittel verteilt die Berliner Tafel pro Monat an soziale Einrichtungen und Menschen mit wenig Geld.
    Bis zu 660 Tonnen Lebensmittel verteilt die Berliner Tafel pro Monat an soziale Einrichtungen und Menschen mit wenig Geld.

    Frau Werth, Sie haben die Berliner Tafel als erste Tafel in Deutschland vor 25 Jahren gegründet. Nun wünsche ich Ihnen keine Arbeitslosigkeit, aber was müsste sich ändern, damit es keine Tafel mehr geben müsste?

    Die Politik müsste aufwachen und erkennen, dass Armut nur mit den nötigen finanziellen Mitteln zu unterbinden wäre. Armut lässt sich durch die Arbeit der Tafeln nur abmildern, aber nicht beseitigen — dafür ist die Politik zuständig. Wir sind immerhin 60.000 Aktive bei 940 Tafeln in ganz Deutschland. Und wir sollten die Politik immer wieder darauf aufmerksam machen, wo ihre Versäumnisse liegen, so dass wir irgendwann vielleicht wirklich nicht mehr nötig sind. Und ich muss ganz ehrlich sagen, das wäre eine Form von Arbeitslosigkeit, die ich mir persönlich wünschen würde, denn ich mache das seit 25 Jahren ehrenamtlich. Wir im Vorstand der Berliner Tafel bekommen noch nicht einmal eine Aufwandsentschädigung. Ich hätte also nichts dagegen, mehr Freizeit zu haben. Aber so lange es Armut bei gleichzeitigem Lebensmittelüberschuss gibt, so lange wird es auch Tafeln geben müssen.

    Das Interview mit Sabine Werth zum Nachhören:

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    Tags:
    Obdachlose, Hilfe, Armut, Lebensmittel, Weihnachten, Berlin, Deutschland