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    Experte: „Ein Drittel aller Jobs sinnlos“ – Ihrer auch?

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    Gesellschaft
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    Bolle Selke
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    Der Anthropologe und Publizist David Graeber hat in seinem neuen Buch „Bullshit Jobs“ untersucht, wie sinnvoll unsere Jobs heutzutage sind. Maßgeblich ist dabei, wie sehr der Betroffene seinen Tätigkeitsbereich selbst einschätzt. Die Ergebnisse überraschen.

    „Ich wollte wissen, warum wir trotz der Digitalisierung und der Automatisierung keine 15-Stunden-Woche haben“ sagt der linke Vordenker und ehemalige Yale-Professor David Graeber gegenüber der österreichischen Tageszeitung „der Standard“.

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    Viele neuerschaffene Jobs sind nutzlos

    „Die Roboter werden uns nicht erst in Zukunft die echte Arbeit wegnehmen, sie haben es ja schon getan. Von den Berufen, die es 1950 gab, existiert heute nur mehr die Hälfte.“

    Durch die Digitalisierung sind viele Jobs überflüssig geworden, aber die neugeschaffenen seien oft auch nutzlos, erklärt der Anthropologe. „Sie wurden erschaffen, weil es für unser System so bequem ist.“ Auch in einem Essay schrieb Graeber, dass sich der Anteil von Bürojobs seit den 1930er verdreifacht habe, ein Großteil davon aber nutzlos sei. Im Interview schildert er:

    „Ein ‚Bullshit-Job‘ ist nicht unangenehm, schlecht bezahlt und ohne Status, sondern oft das Gegenteil. Das Wesentliche ist, dass derjenige, der einen Bullshit-Job ausübt, sich insgeheim denkt: Es gibt keine Existenzberechtigung für meine Tätigkeit. Wenn Sie glauben, dass die Welt ohne Ihre Tätigkeit gleich oder sogar etwas besser wäre – das ist ein ‚Bullshit-Job‘.“

    „Konzernstrukturen sind das Problem“

    Die meisten „Bullshit-Jobs“ seien im mittleren Management und generell bei Bürotätigkeiten angesiedelt. Der Anteil von Menschen, die echte Dienstleistungen erbringen, wie Haare schneiden oder Essen servieren, sei im Gegensatz dazu seit den dreißiger Jahren bei rund 20 Prozent gleich geblieben. So waren bei den „Bullshit-Jobs“ entgegen der Erwartungen von Graeber keine Baristas, die finden, dass sie überteuerte Kaffeekreationen auftischen:

    „Es ging nicht um Konsumismus, das haben Leute nicht verurteilt. Es ging vor allem um Konzernstrukturen, um unnötige Rollen darin; Konzernanwälte, PR-Spezialisten, Telemarketer oder Lobbyisten haben sich gemeldet. Aber auch Rezeptionisten in Büros ohne Kundenverkehr – ihre Rolle ist rein repräsentativ.“

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    Sind mehr Jobs immer etwas Gutes?

    Die Gründe dafür sieht er in der Politik. Das einzige worauf sich Linke und Rechte einigen könnten, sei, dass mehr Jobs etwas Gutes sind. Daher gebe es wenige Anreize Jobs abzuschaffen. Als einen Beweis für diese These nennt der Professor an der London School of Economics and Political Science eine Aussage des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, der meinte, dass es zwar effizienter sei, eine einzige, staatliche Gesundheitsvorsorge zu haben, die jetzige basiere aber auf der Duplikation von Jobs. Also fragte der US-Staatschef:  „Was würden wir mit zwei, drei Millionen Menschen im privaten Gesundheitssektor machen?“

    Als Ausweg aus diesem Dilemma plädiert Graeber im Standard-Interview für das bedingungslose Grundeinkommen:

    „Das würde gegen Bullshit-Jobs wirken und Bürokratie reduzieren. Man wäre die halben Bürokraten los, die lästigere Hälfte noch dazu, die überwachen, ob man intensiv genug eine Arbeit sucht. Das sind übrigens auch jene, die ihre Jobs am meisten ablehnen.“

    David Rolfe Graeber ist Anthropologe und Publizist. Er lehrt an der London School of Economics and Political Science. Sein Buch „Bullshit-Jobs – Vom wahren Sinn der Arbeit” ist 2018 im Klett-Cotta Verlag erschienen.

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    Tags:
    Job, Digitalisierung, Manager, Sinnlosigkeit, Bürokratie, Roboter