04:03 22 April 2019
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    Hans Sisa

    Kunst als Metapher für gesellschaftliche Zustände – nonkonformistischer Maler

    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Gesellschaft
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    Nikolaj Jolkin
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    Der realistische Expressionist Hans Sisa feierte seinen 70. Geburtstag mit einer Jubiläumsausstellung im Kunstmuseum Waldviertel bei Krems. In früheren Jahren ein gefragter Opernsänger an vielen Bühnen der Welt ist er bis heute unkonventioneller Bühnengestalter, Zeichner, Maler und Skulpteur.

    In einem umfassenden Sinne sei Hans Sisa ein politischer Maler, dem es um den Menschen als Ganzes gehe, charakterisierte ihn der deutsche Kunsthistoriker Helmut Orpel. „Mit zahlreichen internationalen Ausstellungen festigte sich sein Ruf als Nonkonformist, als beständiger Kritiker und Mahner des Menschlichen“, hieß es in einer Einladung zur Ausstellung. „Meine Kunst ist immer auch eine Metapher für gesellschaftliche Zustände“, gestand der außergewöhnliche Künstler. „Mich lässt die Not der Menschen nicht kalt und die himmelsschreiende Ungerechtigkeit allerorts. Die Magie der Kunst kann die Schrecken und Abgründe bannen, wenn ich sie ans Licht bringe.“    

    Beim Eingang sieht man eine symbolhafte Eisenskulptur „Der Krieger“. Hans Sisa erläutert im Sputnik-Gespräch: „Viele gehen einbeinig durch das Leben, nicht nur der Krieger. Sie stehen nicht mit beiden Beinen am Boden und vergessen manchmal das wirklich gute Leben, wie ein gedanklicher Krüppel, ein kaputter Mensch, der nicht mehr ausgefüllt und krank ist. Außerdem befinden wir uns in einem Zustand, der kriegerisch ist, symbolisch gemeint, in einer Auseinandersetzung mit der Welt.“

    Sein „Krieger“ habe sein Dasein schon aufgegeben. „Er ist ein gegensätzlicher Mensch, ein Revolutionär und ein Krieger in Gedanken. Da ist nie einer vollendet. Soll er mit beiden Beinen im Leben stehen, dann wird er nobel und elegant in einer Haltung. Wir nehmen ja in Gesprächen und Diskussionen in der Öffentlichkeit immer eine Haltung ein. Wir zeigen Haltung in der Politik oder in der Kunst. Man muss dahinterstehen. Das ist einfach Realismus. Das Leben zu bewältigen ist sehr schwierig.“

    Hans Sisa mit seiner Eisenskulptur „Der Krieger“
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Hans Sisa mit seiner Eisenskulptur „Der Krieger“

    „Wollte Menschen malen“

    Einen Einarmigen von der Philosophie und der Psyche stellte Hans Sisa auf seinem Bild „Wollte Menschen malen“ dar. „Ein alter Maler, ausgelaugt, schlank, hungrig. Ein Künstler muss immer leiden. Er hat das Leben gesehen und versucht, immer wieder sich aufzurichten, einen sauberen Menschen zu malen, wie der russische Maler Ilja Repin seine Menschen gemalt hat. Er schafft es in unserer Zeit der politischen Unruhe nicht. Es bleibt ihm nur ein altes Porträt der Schönheit. Er hält nur einen Pinsel, hat keinen Sinn mehr. Er bleibt einsam, der Bohemien in der Mansarde, ‚La Bohème‘ von Puccini. So ist das gedacht.“

    „Wollte Menschen malen“
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    „Wollte Menschen malen“

    „Sind wir selber Götter“

    Das Bild wurde von dem Zyklus „Die Winterreise“ von Schubert inspiriert. „Ich habe diesen Titel genommen, weil die Arroganz, die der Mensch in seiner Mitteilung den anderen Menschen gegenüber spielt und glaubt sich erhaben zu fühlen, glaubt, er ist Gott nahe. Deshalb gibt es hier einen Totentanz. In einer Ecke, links hält dieser Mensch quasi eine Puppe, aber sie ist der Tod. Die roten Linien auf den Tanzenden symbolisieren das Blut in den Adern. Das ist eine Verbindung Mann-Frau:,Wir, wir bestimmen, wir zeugen Menschen, die sich dann als Götter erhaben fühlen. Sie sind jedoch schon vernichtet. Es ist wieder die Endlösung.‘“

    „Sind wir selber Götter“
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    „Sind wir selber Götter“

    „Wespenfalle“

    Das Bild sei ironisch gedacht, so Sisa weiter. „Es ist nicht das Paradies. Diese Wespe im Zentrum ist eine Schönheit, die Eva, die urschöne Frau, die die Verführungskunst demonstriert. Da kommt aber schon wieder das Symbol der Mächtigkeit. Sie wird die Wespen mit Stacheln befriedigen. Wir alle leben mit Stacheln. Der Große links wird sie dann schwängern, und es geht weiter. Es gibt immer wieder Wespen. Es gibt immer wieder dieses Volk von Aggression.“

    Das ist das Arbeitsmotiv von Sisa gewesen, „um zu zeigen, wie geht es jetzt politisch in einer Diktatur. Die Wespen, die Könige, der Diktator manipulieren dann das Volk und stechen und vernichten. Die Dame war eine Schönheit, aber sie hat schon die Wespenaugen. Dies ist eine Mutation. Auch sie hat einen Stachel (Frauen haben ja auch einen Stachel). Das ist wieder die Ironie, in die andere Welt gesetzt.“

    „Wespenfalle“
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    „Wespenfalle“

    „Zertrümmern“

    Eine nicht so hübsche Frau und  ein Clown. Wir seien immer Clowns im Leben, sagt Sisa. „Jeder spielt irgendwas. Und mein Clown zertrümmert sein Geschlecht. Wenn er das Geschlecht weg hat, dann hat er keine Hormone. Da braucht er sie nicht mehr, ist wieder leer. Dann vergeht auch das — eine schöne üppige Frau, das, was ihm die Hormone gegeben hat. Das pufft ihn auf. Und die schwarzen Trompeten spielen aus dem Jenseits. Auf sie muss man immer aufpassen. Die Fanfaren blasen uns den Marsch hinüber und holen uns in die dunkle Nacht, in die ewige Dunkelheit.“

    „Zertrümmern“
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    „Zertrümmern“

    „Der Fährmann“

    Noch bevor die Migrationsflut über Europa schwappte, malte der Künstler dieses Bild. „Es ist symbolisch gedacht:,Über den Styx in den Hades hinein‘, also griechische Mythologie. Und da schwimmen die Toten. Nur das Tier ist das einzig Wahre, Saubere, hier unten. Es schaut und denkt nach: was ist hier bei den Menschen passiert? Wir denken nicht nach, wir tun.“

    Seine Bilder und Plastiken sind schwer verdaulich. Sisa erläutert: „Ich male das Leben. Und tue das nicht nur aus Jux und Tollerei. Das sind die Begegnungen in meinen 70 Jahren, und es waren kaum positive, wo ich wirklich sagen kann: Das Leben läuft so wunderbar. Wir haben das Glück, keinen Krieg zu haben. Das ist das Positivste. Aber ich möchte den Menschen in Ausstellungen zeigen, dass wir nicht nur die heile Welt haben. Eine wunderbare Demokratie zu haben, ist aber viel Arbeit. Und wenn ein Besucher zwei Minuten oder eine Minute davor steht und sagt, ja, der hat recht, und geht zum nächsten, hat schon vergessen, aber dann hat es doch was bewirkt.“

    „Der Fährmann“
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    „Der Fährmann“

    „Zone der Erholung“

    Seine Landschaftsbilder seien sein Ausgleich. „Wenn ich keinen Menschen sehe, dann sind die schönen Sachen da. Die Ruhe, die Ausstrahlung eines Waldes, die Mystik, die Märchen, die immer im Wald herrschen. Ein russischer Bär. Das symbolisiert alles die Gänge, die Wege, die sich in dem Wald trennen. Sie führen ins Unendliche. Man kann den Globus umgehen. Und das macht der Bär ganz alleine. Er hat die Familie verloren und ist alleine, von den Menschen weg, und sucht sich einen neuen Weg, ein neues Leben.“

    70 Jahre alt zu sein — das sei viel zu wenig, sagt Sisa scherzhaft. „Es ist viel, natürlich ist es viel. Und es war eine schöne Zeit bis jetzt. Natürlich bin ich froh, dass ich noch nicht neunzig bin. Für die nächsten 70 Jahre bin ich aber da. Ich habe viele Pläne. Wenn es die Gesundheit lässt, dann macht man noch sehr viele Sachen.“

    „Zone der Erholung“
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    „Zone der Erholung“
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    Tags:
    Migration, Manipulationen, Mutation, Diktatur, Ausstellung, Demokratie, Österreich