07:19 16 Juni 2019
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    Memorial zum Gedenken des Danziger Bürgermeisters Pawel Adamowicz

    Mord erschüttert Polen: „Hass und Hetze animieren Attentäter“ – polnischer Senator

    © AP Photo / Wojciech Strozyk
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    Der tödliche Messerangriff auf den Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz während eines Wohltätigkeitskonzerts hat die polnische Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Während des Anschlags skandierte der 27-jährige Täter politische Parolen und kritisierte die Partei „Bürgerliche Plattform“. Sputnik sprach mit dem Senator Maciej Grubski.

    Polizei und Staatsanwaltschaft prüfen derzeit die psychische Verfassung des Mörders.

    Allerdings bleibt die Tatsache, dass die polnische Gesellschaft seit vielen Jahren politisch gespalten ist, was sich in den Medien bzw. bei verschiedenen Aktionen in zugespitzter Form äußert. In den vergangenen Tagen wurden in ganz Polen „Anti-Hass-Märsche“ abgehalten. Die Polen haben offenbar genug von den herrschenden Spannungen.

    Das ehemalige Mitglied der Partei „Bürgerliche Plattform“, Senator Maciej Grubski, sagte im Interview für Sputnik Polska, dass diese Spannungen in Polen bereits seit 2005 zu beobachten seien.

    Sputnik: Herr Senator, wie würden Sie die Tragödie in Danzig kommentieren?

    Maciej Grubski: Das ist eine nationale Tragödie. So etwas darf es überhaupt nicht geben. Der Grund besteht in der Situation, die in Polen seit 2005 zu erkennen ist. Ich meine den andauernden Konflikt zwischen zwei politischen Parteien – Bürgerliche Plattform und Recht und Gerechtigkeit (PiS). Das zeigt den Bürgern unseres Staates, besonders jenen, die zu Gewalt neigen, dass man ein so ein grausames Attentat verüben kann.

    Wir leben in der Atmosphäre eines andauernden Bürgerkriegs. Das gegenseitige Aufhetzen war ein Grund dieses Ereignisses. In der Geschichte Polens gab es bereits ein solches Beispiel – 1922 wurde Polens Präsident Gabriel Narutowicz von einem Nationalisten ermordet.

    Heute ist dieselbe Situation zu erkennen – während einer positiven Veranstaltung, einer Wohltätigkeitsaktion, auf der Freundschaft und brüderlicher Geist herrschten, die ein positives Ergebnis bringen sollte, kommt ein Krimineller auf die Bühne und sticht den Bürgermeister der Stadt mit dem Messer ab. So etwas darf in Polen nicht passieren.

    Wer trägt die größte Verantwortung für diese Spannungen – Bürgerliche Plattform oder PiS?

    Beide Parteien sind mitverantwortlich. Ich habe das bei der Bürgerlichen Plattform beobachtet. Auch wie die PiS die Bürgerliche Plattform einschätzt – das ist die Sprache des Hasses, Krieges, Anstiftung. Das schafft einen künstlichen Konflikt zwischen zwei politischen Parteien und beeinflusst die Menschen. Das ist eine Krankheit der politischen Landschaft Polens.

    Polnische Politiker können keine normalen Diskussionen führen, miteinander sprechen bzw. diskutieren. Sie wollen den Gegner angreifen, nachtreten. Diese Situation wurde vom ehemaligen Abgeordneten der Bürgerlichen Plattform, Mirosław Drzewiecki, aufrichtig eingeschätzt, der sagte, dass „Polen ein wildes Land ist“. Es wird eine Realität geschaffen, die es in der Welt nicht gab.

    Wir sollten einander unterstützen, einander lieben, wie ein einheitliches Volk. Wir sollten einander respektieren statt zwei Hass-Lager zu kreieren.

    Sie wurden von der Stadt Lodz zum Senator gewählt. In Lodz ereignete sich 2010 im Hauptquartier der PiS-Partei ebenfalls ein Mord. Die polnische Presse schrieb damals vom „Tod wegen Schüssen des Hasses“…

    Ich erinnere mich daran. Das war ein grausamer Mord. Ich möchte nicht, dass die jetzige Situation – das Attentat auf den Bürgermeister von Danzig von der Bürgerlichen Plattform – von der anderen Seite genutzt wird und man von einem Schlag der PiS gegen die Bürgerliche Plattform spricht. Wir müssen das beenden.

    Wir müssen diesen polnisch-polnischen Krieg endlich beenden, weil er zu weiteren Tragödien führen kann. So kann es gefährlich werden, Politiker in Polen zu sein, weil jeder unausgeglichene Mensch sich berechtigt fühlen wird, Waffen anzuwenden. Auch gewaltsame Lösungen, unabhängig davon, wem gegenüber sie angewendet werden, ob gegenüber Politikern oder anderen Menschen, können populär werden. Wir müssen die politische Rhetorik in unserem Land ändern und damit beginnen, miteinander zu sprechen, zu diskutieren, zu streiten – aber sprechen, statt Gewalt anzuwenden.

    Sie haben gerade gesagt, dass man miteinander sprechen muss. Welche Rolle können dabei die Medien spielen – Presse und Fernsehen?

    Sie müssen die Hauptrolle spielen. Medien verschiedener Ausrichtung können eine negative Rolle spielen und sich gegeneinander aufhetzen. In Polen gab es Beispiele, als Medien – staatliche und kommerzielle – sich unterschiedlich verhielten, wobei negative Seiten der Politik beleuchtet wurden und Widerstand provoziert wurde.

    Wir sollten die Gesellschaft lehren und die Kinder in den Schulen mit dem Gedanken erziehen, dass ein Pole mit einem Polen befreundet sein sollte. Genauso wie Polen mit Staatsbürgern anderer Länder befreundet sein sollten. Man muss gute Beziehungen haben und Probleme nicht mit Hilfe von Messern bzw. Pistolen lösen.

    In Polen gab es nie Königsmörder. In der modernen Geschichte Polens, seit 2010, gab es zwei Angriffe auf Politiker. Ich wiederhole – die politische Aggression wird gleichermaßen von Politikern der zwei politischen Seiten in Polen geschürt – PiS und Bürgerlichen Plattform. Ich meine auch das politische Umfeld, aus dem ich selbst stamme – es ist auch mitverantwortlich.

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    Tags:
    Hetze, Hass, Hauptrolle, Konflikt, Messerangriff, Tragödie, Attentat, Danzig, Polen