Widgets Magazine
22:17 22 Juli 2019
SNA Radio
    Euromaidan, Ukraine (Archiv)

    Auswanderungsland: Ukraine nach Euromaidan demografisch im freien Fall

    © Sputnik / Andrej Stenin
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Alexander Noskin
    2318611

    Unter den vielen Problemen der Ukraine sticht eins hervor, das dem Land in besonderem Maße die Substanz raubt. Doch das gesellschaftliche Drama findet im westlichen Mainstream kaum Beachtung.

    Vor fünf Jahren, als sich zunächst in Kiew und später auf der Krim und in der Ostukraine turbulente Ereignisse abspielten, beherrschte die Ukraine die Schlagzeilen in Deutschland. Seit jedoch der Donbass durch das Minsk-Abkommen aus intensiven Kriegshandlungen in einen mehr oder weniger Frozen Conflict wechselte, ist die Ukraine nach und nach aus dem Medienfokus verschwunden und findet nur noch vereinzelt Erwähnung, auch wenn sie ein Hauptstreitpunkt in den Beziehungen zwischen dem Westen und Russland bleibt.

    Ohne große Freude und mit deutlich gesunkenem Interesse berichten westliche Medien, die zuvor enthusiastisch die sogenannte Revolution der Würde unterstützten, ab und zu über schleppende Reformen, unverändert hohe Korruption oder gar Drohungen gegen westliche Journalisten, wie zuletzt gegen den Österreicher Christian Wehrschütz. Doch ein Thema scheint so gut wie unbeachtet zu bleiben, obwohl sich im Land dramatische Dinge abspielen.

    Die seit der Unabhängigkeit 1991 voranschreitende Entvölkerung des Landes hat sich nach der sogenannten Revolution der Würde 2014 dramatisch beschleunigt. Die nach Russland bevölkerungsreichste Republik der Sowjetunion zählte zum Zeitpunkt der Erlangung ihrer Unabhängigkeit ca. 52 Millionen Einwohner. In der Folge begann allerdings ein stetiger Bevölkerungsrückgang, so dass das Land zum Zeitpunkt der sogenannten Revolution der Würde nach allgemeinen Schätzungen nur noch 45,5 Millionen Einwohner hatte.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Morde in Kiew: Soll ein ORF-Journalist „der Nächste“ werden? Reaktion aus Österreich<<<

    Unter den neuen proeuropäischen Machthabern verschlimmerte sich dieser Trend. Nicht nur, dass bedeutende Bevölkerungsteile auf der Krim (2,3 Millionen Menschen) und im Donbass (heute 3,8 Millionen Menschen) Kiew die Gefolgschaft verweigerten. Auch der natürliche Bevölkerungsrückgang, also der negative Saldo der Geburten- und Sterbezahlen, hat sich seither vergrößert, so dass die Ukraine heute sowohl relativ als auch in absoluten Zahlen zu den globalen Spitzenreitern dieser traurigen Statistik gehört

    Hinzu kommen die vielen Flüchtlinge, die entweder aus der Ostukraine oder aber aus anderen Regionen der Ukraine vor Krieg oder Verfolgung ins Ausland (zumeist nach Russland) geflohen sind. Durch die jüngsten Initiativen der russischen Gesetzgeber, den Erhalt der russischen Staatsbürgerschaft für Ukrainer zu erleichtern, dürfte die Zahl der Übersiedler nach Russland in Zukunft noch weiter zunehmen.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Warschau zählt Ukrainer in Polen auf<<<

    Doch den Hauptanteil am Bevölkerungsschwund machen heute die vielen Gastarbeiter aus, die sich im Zusammenhang mit der miserablen Arbeits- und Lohnsituation (die Ukraine ist nach Angaben des IWF im Jahr 2017 zum ärmsten Staat Europas geworden) daranmachen, Geld im Ausland zu verdienen. Zuletzt hat das ukrainische Ministerium für Sozialpolitik dramatische Zahlen veröffentlicht: 3,2 Millionen Ukrainer arbeiten dauerhaft im Ausland, während weitere neun Millionen darauf angewiesen sind, vorübergehend außerhalb der Heimat einen – meist wenig qualifizierten – Job zu finden. Die Gesamtzahl der arbeitsfähigen Bevölkerung des Landes bezifferte das Ministerium auf 24 Millionen, so dass man davon sprechen kann, dass ca. jeder zweite Bürger im arbeitsfähigen Alter heute in unterschiedlichem Maße als Gastarbeiter auftritt.

    Dieses zeitgenössische ukrainische Massenphänomen wird von den Politikern des Landes oft als ein Grund für den Nationalstolz präsentiert. Für sie selbst ist es in der Tat vorteilhaft, wenn so der Druck aus dem sprichwörtlichen Kessel genommen wird und Milliardenbeträge durch Überweisungen an die Familien ins Land strömen. Allerdings stellt dieses Phänomen in Wahrheit eine vielschichtige soziale Katastrophe dar, bei der Familien dauerhaft getrennt werden und dem Land selbst die Arbeitskräfte nicht zur Verfügung stehen. Und auch wenn viele Gastarbeiter zurückkommen, ist der Anteil derer, die mit Absicht oder durch zufällige Lebensumstände für immer in anderen Ländern Wurzeln schlagen, beträchtlich. Die wichtigsten Zielländer für die ukrainische Arbeitsmigration sind Polen, Russland und zunehmend auch Deutschland.

    Zählt man alle Effekte zusammen, ergibt sich für die Ukraine ein sehr düsteres demografisches Bild. Manche Stimmen warnen bereits, dass sich auf dem Gebiet, das heute unter Kiews Kontrolle steht, im Schnitt sogar unter 30 Millionen Menschen befinden könnten. Und auch wenn diese Schätzungen zu den pessimistischeren gehören, geht der Trend mit den Jahren sicherlich in diese Richtung. Eine Volkszählung zögert die Regierung indes aus Angst immer weiter hinaus. Die letzte wurde im Jahr 2001 durchgeführt.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Flüchtlinge, Minsker Abkommen, Maidan, ORF, Christian Wehrschütz, Österreich, Ukraine