18:58 05 Dezember 2019
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    Kinder im Konzentrationslager Auschwitz (Archivbild)

    Unvorstellbares Leiden und unfassbare Wunder – Buch über Holocaust-Überlebende

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    Sechs Millionen Juden haben die deutschen Faschisten in ihrem Rassenwahn während des Zweiten Weltkrieges ermordet. Nur wenige haben den Holocaust bzw. die Shoah überlebt und können heute noch davon berichten. Ein Buch gibt die Stimmen und Bilder von 25 von ihnen ebenso wieder wie deren Botschaft: „Nie wieder!“

    „Man wollte mich in den Tod befördern, von Lager zu Lager. Aber ich sitz‘ noch immer da und hab’ die meisten von denen, die damals auf ihren Posten gesessen sind, überlebt.“ Das sagte Marko Feingold der Journalistin Alexandra Föderl-Schmid. Der heute 105-Jährige hat die faschistischen Konzentrationslager Auschwitz, Dachau, Neuengamme und Buchenwald überstanden und lebt seit 1945 in Salzburg. Nach Kriegsende verhalf er vielen überlebenden Juden zur Flucht nach Palästina.

    Feingold gehört zu den 25 Überlebenden der faschistischen Judenvernichtung, des Holocaust bzw. der Shoah, die Föderl-Schmid gemeinsam mit dem Fotografen Konrad Rufus Müller für das Buch „Unfassbare Wunder – Gespräche mit Holocaust-Überlebenden in Deutschland, Österreich und Israel“ gesprochen und porträtiert hat. Das Titelbild zeigt ihn nachdenklich und einprägsam.

    Der Fotograf Konrad Rufus Müller, der die Überlebenden porträtierte
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der Fotograf Konrad Rufus Müller, der die Überlebenden porträtierte

    Der in Wien Aufgewachsene gehörte zu den ersten Juden, die 1939 in Österreich verhaftet und deportiert wurden. Er erlebte die Leidensstationen Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald. Neben seinem Humor habe er bei alldem eines nicht verloren, gab Autorin Föderl-Schmid eine Episode aus Feingolds Leben wieder: Seinen Anzug, den er bei seiner Verhaftung trug. Der sei fein säuberlich und entsprechend der deutschen Ordnungsliebe von KZ zu KZ weitergereicht worden, bis er ihn 1945 nach der Befreiung des KZ Buchenwald wieder bekam. „Es geht nichts über eine gründliche Verwaltung“, kommentiert das Feingold im Buch. „Der Anzug war tipptopp. Er hat zwar am Anfang nicht gepasst, aber ich bin wieder hineingewachsen.“

    Porträts überlebende Zeitzeugen

    Später half er – selbst in Österreich bleibend – überlebenden und befreiten Juden, nach Palästina zu kommen, was selbst von Österreich aus nicht einfach war. Großbritannien als Mandatsmacht für Palästina verhinderte oftmals, dass Juden sich dort niederlassen konnten, nachdem sie das monströse Verbrechen der deutschen Faschisten überlebt hatten.

    Die Holocaust-Überlebende Rachel Oschitzki
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Die Holocaust-Überlebende Rachel Oschitzki

    Föderl-Schmid, derzeit Israel-Berichterstatterin der „Süddeutschen Zeitung“, stellte am Donnerstag in Berlin das Buch den Korrespondenten ausländischer Medien vor. Neben ihr saß Rachel Oschitzki, einer der Porträtierten und Müller, der bis auf Angelas Merkel zuvor alle Bundeskanzler fotografiert hat. Das gemeinsame Buch über die Holocaust-Überlebende bezeichnete der Fotograf als sein bisher wichtigstes Werk.

    Für die Journalistin, die die Gespräche geführt und aufgeschrieben hat, waren die verschiedenen Perspektiven der Überlebenden wichtig, wie sie erklärte. Deshalb habe sie mit neun Zeitzeugen aus Israel, dem Land der Opfer, und jeweils acht aus der Bundesrepublik und Österreich gesprochen, die heute in dem Täterland leben. Sie habe die Überlebenden zu Wort kommen lassen wollen.

    „Barbaren sind edelmütiger“

    Zu ihnen gehört die heute 91-jährige Rachel Oschitzki, geboren im heute ukrainischen Krasna Hora. Sie überlebte unter anderem das KZ Auschwitz und einen Todesmarsch kurz bevor sie und andere durch sowjetische Truppen befreit wurden. Sie reiste mit dem Schiff „Exodus“ nach Palästina, lebte in Israel und übersiedelte 1955 nach Berlin, wo sie bis heute lebt.

    „Es war sehr traurig, dass christliche Ukrainer, Polen und Deutsche, die auf ihre Religion so stolz sind, einem harmlosen Volk das antun konnten. Barbaren sind edelmütiger, als die es waren.“ Dieses Zitat von ihr steht ihrem Porträt im Buch voran. Sie wurde 1944 nach Auschwitz deportiert, gemeinsam mit ihrer Schwester und deren beiden Kindern. Ein Arzt habe sie an der berüchtigten Rampe des KZ vor der Vergasung bewahrt, indem er sie herausgriff, weil er sie wahrscheinlich für arbeitsfähig hielt.

    „Ich weiß bis heute nicht, warum ich von einem deutschen Arzt gerettet worden bin“, sagte sie am Donnerstag den Vertretern der ausländischen Medien. Sie vermutet, dass es sogar Josef Mengele, der berüchtige SS-„Arzt“ von Auschwitz, selbst war. Oschitzki berichtete nicht nur, wie sie später noch einmal gerettet wurde, als die SS die Verbrennungsöfen von Auschwitz auslasten wollte und deshalb unter-18-jährige KZ-Häftlinge suchte, die vernichtet werden sollten. Eine Block-Älteste habe ihr mit einem Schlag ins Gesicht klar gemacht, sie solle nie ihr wahres Alter angeben und immer behaupten, sie sei 18.

    „Ich wollte erschossen werden“

    Nach einem Jahr in Auschwitz sei sie nach Lippstadt in Nordrhein-Westfalen gebracht worden, um mit anderen Frauen in einer deutschen Munitionsfabrik Flugzeugersatzteile für den deutschen Krieg herzustellen. „Das war zu ertragen im Gegensatz zu Auschwitz und im Gegensatz zu anderen Lagern, wo die Menschen zu Tode gehetzt wurden und gearbeitet haben“, berichtete die Überlebende. Doch als die Alliierten Ende März 1945 immer näher rückten, seien die Frauen auf einen Todesmarsch Richtung Osten geschickt worden.

    „Mit Fug und Recht wird er als Todesmarsch bezeichnet, denn es gab keine Verpflegung. Die Menschen, die in ein Feld gerannt sind, um etwas Essbares zu holen, sind erschossen worden.“ Sie habe das vor Hunger auch tun wollen, sagte sie in Berlin, sei aber von ihrer Schwester und deren Freundinnen zurückgehalten und weiter mitgeschleppt worden. „Ich wollte erschossen werden“, berichtet Oschitzki im Buch. „Es war unerträglich.“

    Im sächsischen Pirna habe sie, mit vier anderen Mädchen in einer Scheune eingesperrt, die Befreiung durch die sowjetischen Truppen erlebt, erinnerte sie sich im Pressegespräch. Weil ihre Schwester verletzt war – durch einen Biss eines der Hunde, den die SS-Schergen während des Todesmarsches auf sie hetzten –, hätten sie sich gemeinsam auf den Weg zu einem Arzt in Wurzen gemacht, zu Fuß.

    Unheimliches Wiedersehen

    Dabei seien sie den SS-Frauen wiederbegegnet, die sie und andere vorher bewacht und zu Tode gehetzt hatten, nun alle in Zivil. „Wir haben nur Befehle ausgeführt“, hätten jene ihnen gesagt, so Oschitzki, die sie zuvor bestialisch quälten und kein Mitleid kannten. Dazu hätten die SS-Frauen noch verlangt, dass sie nicht angezeigt werden – geholfen haben sie der verletzten Schwester nicht, wie die Überlebende berichtete. „Wir haben sie nicht angezeigt, aber zutiefst verachtet“, erklärte sie auf die Frage eines der Korrespondenten zu dieser unheimlichen Begegnung mit den SS-Frauen.

    Maya Zehden, Tochter von Rachel Oschitzki, bestätigte, was ihre Mutter sagte und vielen Holocaust-Überlebenden schwerfiel oder nicht gelang: „Ich habe keinen Hass übertragen.“ Autorin Föderl-Schmid berichtete, manche der Gesprächspartner wie Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, oder  Roman Haller, Direktor der Jewish Claim Conference, hätten deutlich vor dem heutigen Antisemitismus gewarnt.

    Haller prophezeit in dem Buch gar einen neuen Holocaust – „Wenn auch aus ganz anders und aus einer ganz anderen Richtung, als wir vermuten.“ Als Föderl-Schmid das zitierte, meinte Oschitzki kopfschüttelnd, das sei zu schwarz gesehen. Sie beschäftige neben der aus ihrer Sicht zu kritischen Berichterstattung über Israel und dessen Politik vor allem der Antisemitismus, der aus den arabischen Ländern komme.

    „Die Erde ist für alle geschaffen“

    Oschitzki bezeichnete sich selbst als „glühende Zionistin“, die nach Palästina gegangen sei und dort erlebte, wie der Staat Israel ausgerufen wurde. Nach acht Jahren sei sie aber nach Deutschland gekommen, auch weil sie das Klima am Mittelmeer nicht vertragen habe – und wegen ihrer Alpträume: „Jede Nacht habe ich geträumt, dass mich die Deutschen verfolgen.“

    „Da habe ich beschlossen: Ich muss nach Deutschland, in das Land, das uns Menschen das angetan hat.“ Sie fügte hinzu: „In Deutschland müssten fünf bis sechs Millionen Juden leben, denn die Erde ist für alle Menschen geschaffen worden, nicht nur für die Privilegierten und die Eroberer. Ich bin in Deutschland geblieben, weil ich denke, dass es das Land ist, dass das ersetzen muss, was uns genommen worden ist.“

    Die Überlebende lobte zugleich Deutschland, weil es viel aus der Geschichte gelernt habe und Israel unterstütze. Sie beklagte, über Israel werde zu kritisch und nur das Negative berichtet. Das liegt aus ihrer Sicht auch an arabisch bezahlter Propaganda und deutsch-arabischen Wirtschaftsinteressen. Gleichzeitig warf sie den Arabern Antisemitismus vor und sagte unter anderem, die Palästinenser könnten in 22 arabischen Ländern leben, wo auch Juden vertrieben worden seien. Würden sie dorthin umsiedeln, könnte das gegenwärtige „schreckliche Leid“ der Palästinenser in Israel beendet werden. Die verfolgten Juden hätten dagegen nur das eine Land, Israel. Die Auschwitz-Überlebende hob zugleich den jüdischen Humanismus hervor.

    Autorin Dr. Alexandra Föderl-Schmid und Rachel Oschitzki
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    Autorin Dr. Alexandra Föderl-Schmid und Rachel Oschitzki

    „Es sind so unterschiedliche Arten von Leiden, dass man sich das gar nicht vorstellt“, sagte die Autorin Föderl-Schmid auf die Frage nach einem roten Faden des Buches. „Ich habe viele Geschichten so noch nie gehört, obwohl ich mich als Historikerin und Journalistin viel mit dem Thema beschäftigt habe.“ Viele Sätze hätten sie bis in den Schlaf verfolgt. Sie fügte hinzu: „Das Wichtigste, das, was man mitnehmen muss, ist diese Botschaft ‚Nie wieder!‘ und wachsam zu sein. Das haben alle Überlebenden versucht, uns mitzugeben, und was hoffentlich auch bei den Lesern des Buches als Botschaft bleibt.“

    Alexandra Föderl-Schmid, Konrad Rufus Müller: „Unfassbare Wunder. Gespräche mit Holocaust-Überlebenden in Deutschland, Österreich und Israel“

    Böhlau Verlag Wien 2019. 184 Seiten, mit großformatigen Fotos. ISBN: 978-3-205-23226-1. 23,99 Euro

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    Zeugen, Zeugnisse, KZ, Erinnerungen, Nazis, Häftlinge, Völkermord, Massenmord, Rassismus, Konzentrationslager, Nationalsozialismus (Nazismus), Holocaust, Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), Waffen-SS, NSDAP, Adolf Hitler, Drittes Reich, Auschwitz, Israel, Palästina, Deutschland