20:34 08 Dezember 2019
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    Dieter Kosslick bei der Pressekonferenz am 25. Januar in Berlin

    Berlinale 2019: Festivalchef Kosslick beendet Karriere und blickt auch auf Russland

    © AFP 2019 / Odd ANDERSEN
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    In wenigen Tagen startet die 69. Berlinale. Für Festivalchef Dieter Kosslick wird es die letzte sein. Seinen Abschied vor der internationalen Presse in Berlin nutzte er sowohl für einen Rück- als auch für einen Ausblick. Das betraf vor allem auch die langjährigen Beziehungen des Festivals zum sowjetischen und russischen Film.

    Als Dieter Kosslick vor 18 Jahren seinen Posten als Chef der Internationalen Berliner Filmfestspiele antrat, galt das Verhältnis zwischen dem Festival und den deutschen Filmemachern als nicht unbedingt herzlich. Das hat sich inzwischen deutlich verbessert. Aber schon immer gehörte zum Standardrepertoire der Vorwürfe an die Berlinale, sie sei entweder zu kommerziell oder zu verkopft. Dieter Kosslick hat sich mehr oder weniger daran gewöhnt, sozusagen ständig auf vermintem Gelände unterwegs gewesen zu sein.

    „Ich erinnere mich noch, im allerersten Jahr waren es vier deutsche Filme. Ich war kurz nach der Berlinale in Moskau, und ein Filmjournalist, der mich dort interviewt hat, hat gesagt: Ja, wollen Sie denn das internationale Flair der Berlinale zerstören? Sie haben ja jetzt nur noch deutsche Filme!“

    Ewiger Streit: Zuviel oder zu wenig Kommerz?

    Ein Filmfestival hat unterschiedliche Aufgaben, das vergessen viele Kritiker gerne. Und Berlin hat schon immer beides gezeigt, Kommerz und Arthaus-Kino. In einem Jahr mal mehr von dem einen, und in einem anderen Jahr war dann wieder das Kunstkino ganz groß. Ganz grundsätzlich hat die Berlinale den Ruf, politischer zu sein als die beiden Schwesterfestivals in Cannes und Venedig, die neben Berlin die drei wichtigsten Filmfestivals der Welt organisieren. Kosslick weiß um den besonderen Ruf der Berlinale als politisches und politikkritisches Filmfestival, aber er hat gelernt, damit umzugehen und Prioritäten zu setzen:

    „Wir fühlen uns erstmal dem Kino verpflichtet. Dann fühlen wir uns der Avant-Garde verpflichtet. Und dann fühlen wir uns aber natürlich Filmen verpflichtet, die, sag ich mal, potenziell jedenfalls – das weiß ja nie jemand vorher – im Kino erfolgreich sein können. Ich meine kommerziell erfolgreich. Ein Film wie `Grand Hotel Budapest´ hat 250 Millionen Dollar eingespielt, den haben wir auch gezeigt, als Eröffnungsfilm. Also, das ist ein schwieriger Grat.“

    Das ist in diesem Jahr nicht anders. Mit ziemlicher Sicherheit wird es wieder Debatten und Diskussionen über die Auswahl für den Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären geben, wie in den Vorjahren. Im Wettbewerb sind diesmal 23 Produktionen, von denen fünf allerdings außer Konkurrenz laufen. Dieter Kosslick empfahl den in Berlin ständig akkreditierten ausländischen Medienvertretern unter anderem den neuen Film von Fatih Akin „Der Goldene Handschuh“, den er mit französischer Hilfe produzierte. Und von dort kommt auch eine weitere Empfehlung von Kosslick, André Techinés „L'adieu à la nuit“ (Abschied von der Nacht), auch wenn der Streifen außer Konkurrenz im Wettbewerb gezeigt wird.

    Russland wird außerhalb des Wettbewerbs mit drei Filmen vertreten sein

    Nachdem im Vorjahr ein russischer Film („Dovlatov“) mit einem Silbernen Bären für die herausragende künstlerische Leistung bedacht worden war (Elena Okopnaya erhielt die Statuette in der Kategorie „Kostüm und Production Design“), ist dieses Jahr kein russischer Film im Wettbewerb vertreten. Russland ist allerdings mit drei Filmen im Gesamtprogramm der Berlinale mit von der Partie.

    Zum einen in der Reihe „Forum – Archiv Konstellationen“ mit einem Streifen aus dem Jahr 1978, ein in der damaligen Sowjetunion gedrehter Film des sudanesischen Regisseurs Suliman Elnour, der in Moskau studiert hat. Etwas älter ist auch der Film „100 Tage, Genosse Soldat“ aus dem Jahr 1990, der in der Reihe „Panorama 40“ gezeigt wird und sich gleich zwei kontroversen Themen in der russischen Gesellschaft widmet: Gewalt in der Armee und Homosexualität.

    Aktuell ist der Debütfilm von Alexander Gorchilin „Kislota“ (Drogen), der in Berlin im Rahmen der Berlinale-Reihe „Panorama“ seine internationale Premiere feiern wird und sich mit der Sinnsuche russischer junger Erwachsener von Heute auseinandersetzt.

    „Supergute Verbindungen“ Berlinale-Sowjetunion

    Wenn Dieter Kosslick zurückblickt, hat er nur gute Erinnerungen an die Zeit, als die Sowjetunion Filme nach Berlin entsandte. Und das, obwohl die Beziehungen alles andere als harmonisch begannen. Erst 1974 nahm die UdSSR zum ersten Mal offiziell am Wettbewerb teil. Und wie in den Vorjahren waren bis zum Ende der Sowjetunion der besondere völkerrechtliche Status von Westberlin, aber auch andere Probleme im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg immer wieder Grund für ein Auf und Ab. Dass Kosslick mit einem sowjetischen Kulturminister, so wie später mit dem russischen Kulturminister Michail Schwydkoi, im Haus der Kulturen der Welt fröhlich die „Internationale“ geschmettert hätte, ist nur schwer vorstellbar. Und dennoch kann Kosslick nichts Schlechtes über die Beziehungen Berlinale-Sowjetunion sagen:

    „Meine historische Empfindung mit Sowjetunion und Berlinale war eigentlich, dass das supergut lief. Es gab da supergute Verbindungen, und deshalb gab es auch viele Filme aus der Sowjetunion, und es war hochpolitisch. Die Berlinale wurde sowohl von den Amerikanern als auch, ich sag jetzt mal den Russen, Sie verstehen schon, was ich meine. Sie wurde von beiden auch benutzt als kulturelle Plattform und als Plattform im Ost-West-Konflikt und im Kalten Krieg.“

    Polnischer Wettbewerbsfilm thematisiert Hungersnot in der Sowjetunion

    Der Kalte Krieg und Russland spielen in gewisser Weise auch eine Rolle bei einem Film der international berühmten polnischen Regisseurin Agnieszka Holland, mit dem sie im Wettbewerb um einen der Bären-Preise antritt. „Mr. Jones“ ist die Verfilmung der wohl wichtigsten Phase im Leben des walisischen Journalisten Gareth Jones.

    Jones berichtete Anfang der 1930er Jahre über die Hungerkatastrophe in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine. Jones machte den sowjetischen Staatschef Josef Stalin direkt verantwortlich für die Tragödie, seine Anordnung zur Zwangskollektivierung der Landwirtschaft hätte die Katastrophe ausgelöst. Die Tatsache, dass Jones seine Veröffentlichungen im Umfeld von Besuchen in Deutschland, vor allem aber unmittelbar nach einem international beachteten Interview mit Adolf Hitler, präsentierte, ließen sowohl ihn als auch seine Berichte bis heute zum Gegenstand leidenschaftlicher Dispute werden, zumal ihm manche Zeitgenossen eine fragwürdige Nähe und latente Bewunderung für die Nazis unterstellten.

    Seit der Auflösung der Sowjetunion bemühen sich vor allem ukrainische Politiker immer wieder, die seinerzeitige Hungersnot als Völkermord zu deklarieren. Historiker streiten sich international über die tatsächlichen Ursachen und Hintergründe für schwere Hungerphasen in der Sowjetunion Anfang der 1930er Jahre, die allerdings nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Kasachstan und anderen Gebieten der seinerzeitigen UdSSR auftraten.

    Dieter Kosslick wurde bei der Begegnung mit der Auslandspresse in Berlin vom nichtstaatlichen russischen Fernsehsender RTVi gefragt, inwieweit dieser Film Russland, die russischen Behörden störe und vom dortigen Publikum unangenehm aufgefasst werden könnte. Kosslick erinnerte zunächst lakonisch daran:

    „Soweit ich noch richtig informiert bin aus meiner Politzeit, ist ja das mit Stalin auch nicht mehr so, das findet man ja nicht mehr so witzig.“

    Um dann darauf hinzuweisen, dass auch eine solche Tragödie verschiedene Dimensionen hat, die natürlich auch der Film widerspiegelt:

    „Das ist nicht nur dieser Hungertodfilm, obwohl es ziemlich brutal ist, es ist auch ein Film über Politik und wie damals Achsenmächtepolitik getrieben worden ist. Also, es ist ein sehr interessanter Film, und ich glaube sogar, er könnte in Ihrem Land – man schaut sich das nicht gerne an, das würde ich auch nicht gerne anschauen, aber das ist ein sehr gut gemachter Film – für die Leute ganz interessant und aufschlussreich sein.“

    George Orwell lässt grüßen…

    Für Kosslick ist „Mr. Jones“ aber vor allem deshalb ein interessanter Film, weil die Geschichte von Gareth Jones den Schriftsteller George Orwell zu seinem weltberühmten Buch „Animal Farm“ (Farm der Tiere) inspiriert haben soll. Das Buch wurde umgehend für antisowjetische Propaganda genutzt, selbst als Stalin tot war und mit der berühmten Rede von Nikita Chrustschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU der Personenkult um Stalin, seine Verbrechen und Verfehlungen zur Sprache kamen und Veränderungen nicht nur in der Sowjetunion eingeleitet wurden. Abgesehen davon, dass Orwell mit „Animal Farm“ keineswegs nur Stalin und den Stalinismus im Blick hatte, wie sich kurz danach noch deutlicher in seinem noch berühmteren Roman „1984“ zeigte.

    Leider keine Verschwörungstheorie – die CIA wie immer mit im Boot

    Weil den USA Orwells „Animal Farm“ nicht antikommunistisch genug und bei Erscheinen des Buches der Kalte Krieg schon in seiner ersten heißen Phase war, überlegte man sich in Washington, wie man Orwells Buch noch effektiver weniger für antistalinistische oder antisowjetische, sondern vor allem für antikommunistische Propaganda nutzen könnte, denn die in den 1940er Jahren enorm starken kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien beunruhigten die USA zutiefst, genauso wie der nicht unerhebliche Einfluss linker Intellektueller auf den internationalen Kunst- und Kulturbetrieb und das in jenen Tagen immer noch vergleichsweise hohe Ansehen der Sowjetunion als einer der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges.

    Es ist kein Zufall, dass in den USA in jenen Jahren vor allem die Filmindustrie Hollywoods ins Visier der Kommunistenjäger geriet. Die unselige McCarthy-Ära und der in ihr betriebene Gesinnungsterror sind hinlänglich bekannt.

    Weniger bekannt ist – und um wieder zurück zur Berlinale, den Wettbewerbsfilm „Mr. Jones“ und die inspirierende Rolle, die die Thematik des Filmes für Orwells „Animal Farm“ spielte, zu kommen –, weniger bekannt ist, dass es einen Grund dafür gibt, warum der bekannte Animationsfilm „Farm der Tiere“ aus dem Jahr 1954 in seinem Ende deutlich von der Buchvorlage abweicht. Orwell konnte sich nicht mehr dagegen wehren, er war 1950 gestorben. Seine Witwe hatte die Filmrechte an Agenten verkauft, die nicht nur dem Namen nach solche waren, sondern im Auftrag der Central Intelligence Agency (CIA) die Filmrechte erwarben, wie die britische Journalistin Frances Stonor Saunders 1999 in ihrem Buch „Who Paid the Piper? The CIA and the Cultural Cold War“ enthüllte. Organisiert wurde der Deal von E. Howard Hunt, der in viele schmutzige Angelegenheiten der CIA involviert war, bis hin zur Watergate Affäre.

    Insofern kann man schon jetzt all jenen, die meinen, mit dem Film „Mr. Jones“ die aktuelle antirussische Hetzkampagne befeuern zu können, raten, sich an einen der Schlüsselsätze aus Orwells „Farm der Tiere“ zu erinnern: „Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher als die anderen.“

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