02:56 27 Juni 2019
SNA Radio
    Russlands Wappen (Symbolbild)

    Putin-Kritiker: 111 Gründe, Russland zu lieben

    © Sputnik / Wladimir Trefilow
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Nikolaj Jolkin
    4116511

    Jens Siegert, Journalist und Blogger, der seit 25 Jahren in Russland lebt, lange Zeit als Leiter des Büros der Heinrich Böll Stiftung (Bündnis 90/Die Grünen) tätig war und in Deutschland als Putin-Kritiker gilt, präsentierte in Moskau sein Buch mit diesem Titel und dem Untertitel „Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt“.

    Im Sputnik-Interview räumte er ein, dass er Russland nicht liebe. „Ich kann einfach ein ganzes Land nicht lieben. Es ist zu groß. Ich liebe einzelne Menschen, zum Beispiel meine russische Frau, aber nicht das ganze Land. Ob diese 111 Gründe zur Gesamtliebe ausreichen, ist eine andere Frage. Ich habe sie gefunden. Die Gründe, die liebenswert an Russland sind und die mich an dieses Land mit einem Gefühl der Zuneigung binden. Neben meiner Frau gibt es auch viele Freunde hierzulande. Und das Lebensgefühl der Menschen interessierte mich.“

    Jens Siegert, Journalist und Blogger (in der Mitte)
    Jens Siegert, Journalist und Blogger (in der Mitte)

    Ansonsten wäre er so lange nicht in Russland geblieben, so Siegert. „Es sind viele unterschiedliche kleine Gründe. Zum Beispiel, es ist nie langweilig in diesem Land. Ein Luxusgrund für mich, weil viele Leute in Russland es vielleicht lieber manchmal etwas langweiliger hätten. Es ist aber auch die Kultur. Es ist der Erfindungsreichtum. Es ist vor allen Dingen die große innere Wärme, die manchmal die sehr kalte äußere Wirklichkeit ein wenig kompensiert. Das ist ein bisschen wie eine Waage: Je kälter es draußen ist, umso wärmer ist es drinnen. Und das ist doch sehr anziehend.“

    Dorfzentrum in Burjatien zieren auch im nun kapitalistischen Russland noch immer überdimensionierte Hammer und Sichel
    © Foto : Jens Siegert
    Dorfzentrum in Burjatien zieren auch im nun kapitalistischen Russland noch immer überdimensionierte Hammer und Sichel

    Auf die Frage, ob er sich schon einige Gewohnheiten der Russen angeeignet hat, antwortete Siegert: „Eine Sache, mit der ich mich in dem Buch auch beschäftige, ich habe auf Russisch zu fluchen angefangen. Das geht einfach viel besser. Aber je länger ich in Russland bin, umso deutscher fühle ich mich. Umso bewusster wird mir das, was an mir deutsch ist, weil es letztendlich das ist, was mich von den Leuten hier unterscheidet.“

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Russlands Bemühungen zum Ausweichen der Konfrontation gescheitert — Experte<<<

    Die andere Sache sei, gibt der Buchautor zu, dass er als 30-jähriger, schon erwachsener Mensch zu spät nach Russland gekommen sei. „Es gibt viele Dinge, die mich immer noch fremd erscheinen lassen. Ich habe zum Beispiel keine Ahnung von den Liedern, den Spielen, von den Jungjahren, mit denen die Menschen hier aufgewachsen sind. Wenn wir mit russischen Freunden zusammensitzen, feiern, und irgendjemand eine Gitarre holt und anfängt, Lieder zu singen, kenne ich diese Lieder meistens nicht. Und sie gehen mir nicht ans Herz, weil es nicht die Lieder meiner Jugend sind.“

    Typische Fensterverzierung an einem alten Holzhaus in Sibirien
    © Foto : Jens Siegert
    Typische Fensterverzierung an einem alten Holzhaus in Sibirien

    Siegert weiter: „Die Leute hier haben Erinnerung an das, was mit diesen Liedern verbunden ist. Sie haben sie vielleicht im Jugendlager oder mit ihren Freunden, mit denen sie irgendwo gereist sind und am Lagerfeuer gesessen und gesungen haben. Ich habe keine Erinnerung, entsprechend auch kein Gefühl für diese Lieder.“

    Die verengte Brücke über den Irkut unweit der russisch-chinesischen Grenze, sodass illegal gerodetes Holz nicht mehr so leicht nach China geschmuggelt werden kann
    © Foto : Jens Siegert
    Die verengte Brücke über den Irkut unweit der russisch-chinesischen Grenze, sodass illegal gerodetes Holz nicht mehr so leicht nach China geschmuggelt werden kann

    Der wichtigste Grund seien für Siegert die Menschen in Russland. „Es gibt so viele wunderbare, herzensgute, kluge, warme Menschen hier, die mich an dieses Land binden, und gerade in der Zeit, in der es ihnen und dem Land vielleicht nicht so gut geht, in der es schwierig für sie ist. Das ist für mich eine Verpflichtung und ein Grund zu lieben. Die Liebe ist aber so eine Sache. Eine geliebte Frau kann manchmal wehtun,  und wir lieben sie trotzdem.“

    >>>Andere Sputnik-Artikel: MdB Kotré: Mit allen reden, die an deutsch-russischer Annährung interessiert sind<<<

    Als Ausländer sei er kein Teil der russischen Politik, so der Buchautor. Während er den russischen Medien seine Kommentare als Deutscher abgebe, seien sie für Russen interessant, weil es der Blick von außen sei. „Und das macht mich auch freier. Als Deutscher kann ich Putin gerne kritisieren.“ So, wie Russen Trump auch kritisieren können.

    Der jüdische Friedhof von Bargusin unweit des Baikalsees in Sibirien
    © Foto : Jens Siegert
    Der jüdische Friedhof von Bargusin unweit des Baikalsees in Sibirien

    Dabei erinnert sich Siegert an den alten sowjetischen Witz: „Ein Amerikaner und ein Sowjetmensch streiten sich darüber, welches Land am freisten ist. Der Amerikaner sagt, er könne sich vor das Weiße Haus stellen und schreien:,Der Präsident ist ein Arschloch‘. Dann sagt der Sowjetbürger: „Das kann ich auch. Ich kann mich vor dem Kreml stellen und schreien:,Der amerikanische Präsident ist ein Arschloch‘.“

    Jens Siegert hofft, dass er mit diesen „111 Gründen, Russland zu lieben“ einen kleinen Kosmos zeichne, das, was Russland alles sei. „Ganz unterschiedliche Gründe: es sind einzelne Menschen, es ist die Natur, die Kultur, die Sprache oder auch die Art, Wodka zu trinken, die Speisen, die gegessen werden, und wie sie zubereitet werden, wie gereist wird und alles Mögliche, damit die Leute in Deutschland einen Eindruck davon bekommen, wie Russland sein kann. Und dann vielleicht etwas mehr Verständnis für das Land haben.“

    Präsentation des Buches in der Menschenrechtsorganisation „Memorial“
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Präsentation des Buches in der Menschenrechtsorganisation „Memorial“

    111 Gründe, Russland zu lieben

    1.Grund: Weil man das Land im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Vorurteil verstehen kann.

    18.Grund: Weil es zwei Hauptstädte hat.

    20.Grund: Weil die Tschuktschen mit Stolz und Würde die russischen Ostfriesen sind.

    22.Grund: Weil St. Petersburg Russlands Wunder und Wunde ist.

    26.Grund: Weil es noch echte Dörfer gibt.

    29.Grund: Weil auf Fragen oft so wunderbar unkonkret geantwortet wird.

    37.Grund: Weil Aberglaube noch alltäglich ist.

    39.Grund: Weil nur Säufer trinken ohne zu essen.

    47.Grund: Weil es geriffelte Gläser gibt.

    49.Grund: Weil die Badesaison nicht auf den Sommer beschränkt ist.

    53.Grund: Weil zur russischen Sauna, der Banja, unbedingt ein Besen gehört.

    54.Grund: Weil Trinksprüche (fast) nie zu Ende gehen.

    57.Grund: Weil Kaviar mitunter Grundnahrungsmittel ist.

    65.Grund: Weil man mit Moosbeerensaft alles heilen kann.

    78.Grund: Weil Frauen in Russland das starke Geschlecht sind.

    89.Grund: Weil man so vielen deutschen Lehnwörtern begegnet.

    91.Grund: Weil der Dichter Alexander Puschkin Russlands Ein-und-alles ist.

    104.Grund: Weil 1000 Kilometer keine Entfernung sind.

    108.Grund: Weil die Moskauer Metro mehr als eine U-Bahn ist.

    111.Grund: Weil das Verhältnis von Macht und Mensch kompliziert und einfach zugleich ist.“

    © Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Erinnerungen, Buch, Gründe, Liebe, Donald Trump, Russland