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    Eine Prostituierte in Amsterdam (Archivbild)

    „Stigmatisierung“: Sind in Marburg Prostituierte schon Fälle für die Psychiatrie?

    © Sputnik / Ilya Pitalyow
    Gesellschaft
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    Valentin Raskatov
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    Sind Prostituierte in Marburg ein Fall für die Psychiatrie? Zumindest beschäftigt sich der „Sozialpsychiatrische Dienst“ mit ihnen. Das stigmatisiere die Betroffenen und erinnere an die NS-Zeit, findet ein Prostituiertenverband. Aus seiner Sicht betreibt die Marburger Landrätin und Prostitutionsgegnerin hier Machtmissbrauch.

    Seit 2017 gilt in Deutschland das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG). Dieses sieht unter anderem vor, dass Prostituierte sich anmelden müssen und eine Anmeldebescheinigung mit Namen und Lichtbild erhalten, die sie bei ihrer Tätigkeit stets bei sich führen müssen. Darüber hinaus müssen die Betroffenen in regelmäßigen Abständen „gesundheitliche Beratungen“ wahrnehmen. Sowohl gegen die Anmeldebescheinigung, die in der Branche abfällig als „Hurenpass“ bezeichnet wird, als auch gegen die Beratung, die sie als „Zwangsberatung“ empfinden, protestieren Prostituiertenverbände schon seit längerem.

    In dem Gesetz (§ 10) ist auch die Rede davon, dass die Beratung durch „eine für den Öffentlichen Gesundheitsdienst zuständige Behörde angeboten“ werde und weiter: „Die Länder können bestimmen, dass eine andere Behörde für die Durchführung der gesundheitlichen Beratung zuständig ist.“ Eine solche Entscheidung ist der Stein des Anstoßes für einen „Offenen Brief“ des Verbands Doña Carmen. Denn im hessischen Marburg heißt die Behörde, die sich um die Belange der Prostituierten oder Sexarbeiterinnen kümmern soll: Sozialpsychiatrischer Dienst.

    „Das ist eine ganz klare Stigmatisierung der Frauen in der Prostitution – einer ganzen Berufsgruppe“, teilt Juanita Henning, Mitbegründerin des Vereins, gegenüber Sputnik mit und führt dazu das Hessische Gesetz über den öffentlichen Gesundheitsdienst (HGöGD § 7 Abs. 3) an, in dem auch das Aufgabenfeld des sozialpsychiatrischen Dienstes dargestellt wird. Hier soll vor allen gedient werden „Menschen mit psychischen Krankheiten, Abhängigkeitserkrankungen und seelischen und geistigen Behinderungen sowie hiervon bedrohten Menschen und deren Angehörigen“.

    „Hier wird öffentlich der Eindruck erweckt, die Frauen seien psychisch krank oder mit ihnen stimme etwas nicht“, folgert Henning. „Schon vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Vergangenheit, in der man Prostituierten aus politisch motivierten Ressentiments „moralischen Schwachsinn“ attestierte, um sie anschließend als Asoziale stigmatisierend aufgreifen und internieren zu können, verbietet sich eine erneute Psychiatrisierung von Sexarbeiterinnen“, findet sie.

    Außerdem könnte es für Sexarbeiterinnen richtig gefährlich werden, wenn in Deutschland „eine völlig rechte Regierung“ antreten würde, äußert Henning eine Sorge vor dem Hintergrund des Rechtsrucks. Wenn hier jede Prostituierte durch den Hurenpass namentlich bekannt und durch Gesundheitsberatung in einen psychiatrischen Zusammenhang gestellt werde, könne das fatale Auswirkungen auf die Frauen haben.

    In der Verantwortung für diese Entscheidung sieht Henning Landrätin Kirsten Fründt, die eine Prostitutionsgegnerin sei, was sie dürfe, die aber hier den Verdacht erwecke, „ihre politische Machtstellung, die sie hat, dazu zu benutzen, um die Frauen zu stigmatisieren. Sie hat neutral zu handeln.“ Diesen Missbrauch einzustellen und sich bei den Betroffenen zu entschuldigen, fordert der Verein von der SPD-Politikerin Fründt. 

    Das Problem endet für den Verein mit der Richtigstellung in Marburg allerdings nicht, denn das eigentliche Problem sei „die Existenz der Zwangsberatung selbst, da das Gesetz Prostitutionsgegnern die Macht gibt, die Frauen dort einzusortieren.“ Stattdessen wünscht sich Hennings die Rückkehr zu Beratungsstellen, in denen Sexarbeiterinnen dieselben Dienstleistungen kostenlos und anonym wahrnehmen können, die es in größeren Städten vor dem ProstSchG bereits gab und die „gut frequentiert“ gewesen waren. Bei den Beratungsstellen nach dem Gesetz aus dem Jahr 2017, die alle persönlichen Daten erfassen, hätten viele schlichtweg Angst, „dass ihre Daten weitergegeben werden oder sie keine Erlaubnis kriegen in der Prostitution zu arbeiten und dadurch ihre berufliche Existenz vernichtet wird“. In Fällen, in denen Frauen Gewalt ausgesetzt und ihrer Freiheit beraubt sind, ist für Henning das Strafrecht zuständig.

    Kirsten Fründt hat auf mehrfache Sputnik-Anfrage nicht geantwortet.

    Das Interview mit Juanita Henning zum Nachhören:

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    Tags:
    Psychiatrie, Prostituierte, Beruf, Diskriminierung, Prostitution, Menschenrechte, Nationalsozialismus (Nazismus), SPD, Deutschland