21:30 08 April 2020
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    Ein grüner Oberbürgermeister, dem immer wieder Rassismus vorgeworfen wird, und ein Spiegel-Redakteur mit indisch-pakistanischen Wurzeln wollen die jeweils anderen Welten kennenlernen. Dafür tauschen sie für eine Woche die Seiten auf Facebook. Kann das gutgehen?

    Egal, wie offen und interessiert wir uns geben, wie vielen Seiten wir folgen, wie sehr wir uns darum bemühen, auch andere Positionen kennenzulernen und nachzuvollziehen – am Ende leben wir trotzdem in unseren Filterblasen, gerade was die sozialen Netzwerke angeht. Wir lesen Medienberichte und Postings auf Facebook zu Themen, die uns betreffen oder zumindest interessieren, wir liken und wir werden geliked für das Teilen dieser Inhalte und in den Kommentaren erfahren wir von unseren Facebook-Freunden und Abonnenten meist Zustimmung.

    Klar, schließlich ist es meist aus bereits bestehender Sympathie oder echter Freundschaft heraus, dass wir uns auf Facebook verbinden. Das Problem dabei: Es kann schnell der Eindruck entstehen, dass diese Gruppe für eine repräsentative Mehrheit steht und man selbst mit seiner Meinung für eben jene spricht. 

    Das haut nicht hin und deshalb kann ein Blick über den Tellerrand bzw. in Bereiche, die außerhalb der eigenen Filterblase oder sogar am anderen Rand des jeweiligen Meinungsspektrums liegen, lohnend sein. Genau das scheinen sich der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) und der Spiegel-Redakteur Hasnain Kazim gedacht zu haben, und haben beschlossen, auf Facebook für eine Woche die Seiten zu tauschen. Im Idealfall sollte es ihnen ermöglichen, die Filterblase des jeweils anderen kennen und verstehen zu lernen und mit Menschen, die normalerweise nicht zum eigenen Kreis zählen, in einen produktiven Austausch zu treten.

    Die Protagonisten

    Eigentlich eine gute Idee, zumal die beiden Protagonisten des Seitentausches recht unterschiedliche Positionen, insbesondere zum Thema Einwanderung vertreten. Der Tübinger OB Palmer gerät mit seinen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik und zu Migranten immer wieder in die Kritik. Wegen einer entsprechenden Äußerung Palmers distanzierte sich die damalige Spitze seiner Partei im Februar 2016 von ihm. Im Frühjahr 2018 sorgte Palmer abermals für Schlagzeilen wegen rassistischer Äußerungen.

    Hasnain Kazim wiederum kennt die andere Seite.  Der Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer setzt sich aktiv gegen Rassismus ein und erfährt entsprechende Anfeindungen auch selbst. Der Spiegel-Journalist war unter anderem als Auslandskorrespondent in Südasien und der Türkei eingesetzt und ist 2009 mit dem CNN Journalist Award ausgezeichnet worden.

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    Die Challenge

    Am Ende einer zweistündigen Debatte bei CampusTV, in der Boris Palmer und Hasnain Kazim über Diskussionskultur und Meinungsäußerungen im Netz sprachen, schlug Kazim vor, für eine Woche die Facebook-Seiten zu tauschen. Gesagt, getan: Seit Montag posten Palmer und Kazim auf der Seite des jeweils anderen und versuchen, ins Gespräch mit dessen Abonnenten zu kommen. Das Experiment soll noch bis Ende der Woche laufen.

    Die Spiele sind eröffnet

    Wer erwartete, die Kontrahenten würden gleich aggressiv zur Sache gehen und versuchen, Stimmung gegeneinander zu machen, wurde vom moderaten Auftakt eventuell enttäuscht. Hasnain Kazim stellt sich den Abonnenten Palmers zunächst einmal vor, erzählt über seinen Werdegang, seine Jahre bei der FDP und dass er auch CDU, Grüne und die SPD gewählt habe. Erklärt, dass er aus seiner norddeutschen Heimat eher lutherisch geprägt ist und ihm der Islam nicht wirklich vertraut ist. „So viel zu mir. Vielleicht berücksichtigt ihr das, bevor jemand wieder ‚Islamist!‘, ‚Ausländer!‘, ‚Linker!‘, ‚Meinungsdiktator!‘, ‚Propagandist!‘ schreit“, mahnt er das Publikum in seiner neuen Filterblase. Ihm gehe es bei dem Experiment darum, die Follower des anderen zu verstehen und zur Versachlichung der Debatten beizutragen. Mit 415 Likes und vielen beifälligen Kommentaren wird der Start der Challenge von Palmers Followern abgenickt.

    Und Boris Palmer? Der ändert als erste Amtshandlung auf der neuen Seite Kazims Profilbild zu Batman. Dann geht er dazu über, mit Factsheets zur Entwicklung seiner Stadt Tübingen und Landtagswahlergebnissen seiner Partei den Beweis seiner guten Arbeit zu erbringen. Die Begleittexte dazu kommen wortkarg daher:

    Schon am zweiten Tag kommt Palmer auf Kazims Seite auf das Thema Asylbewerber zu sprechen, diesmal mit wesentlich mehr Text. „Von der Pflicht zu intervenieren“ ist der Arbeitstitel seines Posts, in dem er erklärt, weswegen und in welcher Form man gewaltbereite und kriminelle Asylbewerber sanktionieren müsse.

    Mit 319 Likes, 646 Kommentaren und 159 geteilten Inhalten kann man zumindest sagen, dass Palmer eine gewisse Reichweite erzielt hat. Liest man die Kommentare, so sind diese doch recht gemischt, von Zustimmung bis zu Äußerungen wie:

    „Sehr geehrter Herr Palmer, Sie stellen in Ihrem Post eine Menge Behauptungen ohne Quellenangaben oder Verweise auf. Ihre unbewiesenen Behauptungen schüren gezielt Ängste (Asylanten sind Kriminelle und vergiften uns mit Drogen), wie Sie auch auf Seiten einer Ihnen bekannten Partei zu lesen sind. Ich kannte Sie vor dem Profiltausch mit Hr. Kazim nicht und war gespannt auf den grünen OB aus Tübingen. Spätestens nach diesem Post von Ihnen muss ich sagen, Sie sind wie ein Baum im Sommer, oben grün und unten braun.“

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    Derweil belehrt Hasnain Kazim Palmers Follower über Meinungsfreiheit und die Grenzen des Sagbaren und stellt Benimmregeln auf. Kommentatoren, die ausschließlich auf Provokation aus seien, werde er konsequent blockieren. Das sei auch keine „Zensur“ oder „Diktatur“:

    „Provokation kann durchaus ein Mittel der Kommunikation sein. Ich glaube, ich kann Provokation ganz gut. Macht ja auch Spaß, Trottel zur Weißglut zu bringen. Palmer kann auch Provokation. Der sagt, die sei wichtig, um Bewegung in die Politik zu bringen. Provokation sollte aber nicht zum Standardinstrument werden, wenn man eigentlich einen konstruktiven Dialog will. Palmer ist ein gutes Beispiel dafür, dass sie im Übermaß schädlich ist.“

    Ansonsten betreibt auch Kazim ein wenig Werbung in eigener Sache und postet Spiegel-Artikel. Außerdem scheint er Palmers Follower kulturell öffnen zu wollen, indem er sie in verschiedenen Sprachen begrüßt. Wie ein Post vom Mittwoch zeigt, erntet der Journalist für seine Aktivitäten auf Palmers Facebook-Seite neben durchaus konstruktiven Kommentaren leider auch Anfeindungen wie diese: „Hasnain Kazim, Du pakistanischer Untermensch, verpiss dich zurück nach Pakistan, wo du hingehörst, du Jammerfreddy“. Solche „Meinungen“ lasse er nicht einfach stehen, so Kazim:

    „Palmer meint, ich würde auf diese Weise mein Ziel nicht erreichen. Aber was ist mein Ziel? Sicherlich Erkenntnisgewinn. Aber nicht, rassistische Volltrottel zu normalisieren und ihre menschenverachtende Haltung als ‚eine Meinung im Meinungsspektrum‘ zu akzeptieren.“

    Am Donnerstagmorgen entschließen sich Palmer und Kazim wegen solcher Äußerungen, hinter denen sie Fakeprofile vermuten, zu einem gemeinsamen Statement, in dem sie ein respektvolles Miteinander anmahnen.

    Zwischenstand zur Halbzeit

    Tübingens grüner Oberbürgermeister verzichtet deswegen aber nicht auf Reizthemen. In den weiteren Facebook-Beitragen vom Donnerstag stellt er die Frage in den Raum: Bin ich ein Rassist? Dazu beschreibt er mit beigelegtem Schnappschuss eine Szene, die er am Tübinger Bahnhof erlebt hat, wo sich eine Gruppe junger Männer, die er als Ausländer identifiziert hat, gegenseitig anpöbelten. Er fühle sich davon bedroht und verunsichert.

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    „Ich bin der Meinung, dass für die jungen Männer im Tübinger Bahnhof genau das gilt: Erhebliche Zweifel an Integrationswilligkeit verbunden mit einer massiven Störung der öffentlichen Ordnung. Ich halte es für notwendig, dass Baden-Württemberg den Kommunen in gleicher Weise hilft. Diese jungen Männer müssen zurück in eine sichere Landeseinrichtung. Raus aus dem Sozialraum Stadt. Es darf ihnen nicht gestattet werden, das Zusammenleben dauerhaft in dieser Weise zu beeinträchtigen.“

    Hasnain Kazim versucht derweil, rassistischen Angriffen mit Humor zu begegnen:

    PR in eigener Sache, aber auch echter Dialog?

    Das Experiment ist noch nicht vorüber, doch lassen einige Tendenzen aus den ersten Tagen gewisse Schlussfolgerungen zu. Beide Parteien versuchen über das jeweils fremde Profil, eigene Sichtweisen zu verbreiten – mit mehr oder weniger Erfolg. Beide bekommen sowohl kritische als auch zustimmende Reaktionen, teilweise aber auch Angriffe seitens vermutlich gefakter Profile. Obwohl vorgeblich um Austausch und Dialog bemüht,  investieren weder Palmer noch Kazim wirklich Zeit und Mühe, auf die Kommentare der anderen User einzugehen und eine echte Diskussion zu führen. Ob am Ende des Experiments tatsächlich Einsichten über den eigenen Tellerrand hinaus rausspringen, bleibt fraglich.

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    Tags:
    Werbung, Meinungsfreiheit, Asylbewerber, Propaganda, Islam, Sympathie, Freundschaft, Rassismus, Facebook, Der Spiegel