09:44 13 Dezember 2019
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    Proteste gegen Brexit in London

    „Exit Brexit“: Wenn „Parallel-Universen“ kollidieren

    © REUTERS / Hannah Mckay
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    Die britische Journalistin Kate Connolly arbeitet seit Jahren in Deutschland. „Ich war 2016 geschockt von der Entscheidung meiner Landsleute und dem ‚Brexit‘“, sagte sie am Donnerstag in Berlin. Dort stellte sie ihr neues Buch „Exit Brexit“ vor. Sputnik war vor Ort. Im Interview schilderte die Britin ihre ganz persönliche Sicht auf den „Brexit“.

    Kate Connolly beschrieb mit dem bekannten britischen Humor ihre persönliche Sicht auf den „Brexit“. Am Donnerstag präsentierte die seit Jahren in Deutschland lebende und arbeitende britische Journalistin im Haus der Bundespressekonferenz (BPK) in Berlin ihr neues Buch „Exit Brexit: Wie ich Deutsche wurde“. „Mein Vater meinte: ‚Ach, du sammelst jetzt Pässe als neues Hobby?‘, als ich ihm von meinem neuen deutschen Pass erzählte“, sagte sie.

    Im Herzen von Berlin sprach sie über individuelle, politische und wirtschaftliche Folgen des baldigen Austritts Großbritanniens aus der EU. Sie jedenfalls setze sich für einen britischen Verbleib in der Europäischen Union ein.

    „Ich bin mit der EU groß geworden, aber manche Briten vergleichen Brüssel sogar mit der Sowjetunion“, sagte Connolly im Sputnik-Interview vor Ort nach der Veranstaltung. Beide politischen Lager in Großbritannien, rechts wie links, würden Brüssel für seinen „Zentralisierungs-Wahn“ kritisieren, so wie einst die UdSSR. „Aber ich denke, allein die Tatsache, dass wir seit Jahrzehnten zusammen in Frieden leben, ist ein Grund, das Projekt EU zu unterstützen. Ich wüsste erstmal nichts Besseres. Klar, wie bei jeder Beziehung: Es gibt immer Sachen, die verbesserungsbedürftig sind. Aber man schüttet doch nicht das Kind mit dem Bade aus – aber das ist das, was wir mit dem Brexit gerade machen.“

    „The Guardian“: „Britisches Blatt pro EU“

    Die 1971 im englischen Reading geborene Britin arbeitet seit 1996 als Journalistin. Die meiste Zeit ihrer Laufbahn verbrachte sie als Auslands-Reporterin in über 20 Ländern. Aktuell ist sie Deutschland-Korrespondentin für die renommierten britischen Blätter „The Guardian“ und „The Observer“. Sie gilt als wichtige Expertin für den „Brexit“. Momentan lebt sie mit ihrer Familie in Potsdam.

    „Meine Zeitung, der ‚Guardian‘, ist ein britisches Blatt, das sich mehr gegen den ‚Brexit‘ und für den Verbleib in der EU ausspricht“, sagte die britische Journalistin auf der Veranstaltung im Haus der BPK vor internationalen Medienvertretern. Allerdings gestand sie im gleichen Atemzug ein: „Unser Wirtschaftsressort-Chef beim ‚Guardian‘ glaubt jedoch, ein ‚Brexit‘ könnte die britische Wirtschaft groß voranbringen. Na ja, noch ist der Austritt ja nicht geschehen.“

    Britische Journalistin: „Wie ich Deutsche wurde“

    Sie genieße die Privilegien der EU, als britische Staatsbürgerin in Deutschland arbeiten zu können, sagte Connolly. Bislang haben laut ihr über 7.000 Britinnen und Briten einen deutschen Pass wegen des „Brexits“ bereits beantragt oder schon erhalten. Die englische Journalistin gehört zu jener Gruppe, die unbedingt weiter in der EU leben möchte.

    Mittlerweile besitzt die Britin den deutschen Pass. Ihre Entscheidung – stark befeuert durch die „Brexit“-Diskussion in ihrer Heimat – und deren „skurrile“ Folgen hat sie ausführlich in ihrem neuen Buch „Exit Brexit: Wie ich Deutsche wurde“ beschrieben. Sie sehe sich nach wie vor als Europäerin, betonte sie. „Vielleicht könnte man sagen, dass wird jetzt auch durch meinen neuen deutschen Pass untermauert.“

    Die Debatte spiegle „sich in sehr vielen britischen Familien wieder. Die Spaltung zwischen den Generationen. Die älteren Leute sind eher für den ‚Brexit‘, die jüngeren Briten eher dagegen. Ich bin seit langem in diesem Land, liebe die deutsche Sprache, das passt irgendwie zu meinem Lebenslauf.“

    Für die Briten eine Frage der Innenpolitik?

    Die „Brexit“-Diskussion ist laut der Auslandsreporterin eher eine innenpolitische Angelegenheit als eine europäische Frage für die britische Politik.

    „Allein das Wort ‚Brexit‘ hat nichts mit der EU zu tun“, erklärte Connolly im Interview. „Das ist eine Art Identitätskrise, die wir da jetzt erleben. Ich bin ein Kind der Thatcher-Ära, ich bin da groß geworden und sehe heute, wie sich Menschen entfremden vom politischen System. Ich meine, London boomt wirtschaftlich. Aber in vielen Orten Großbritanniens ist es sehr, sehr schwierig für die Menschen. Diese profitieren nicht von der boomenden Wirtschaft. In diesen Teilen Großbritanniens haben viele für den ‚Brexit‘ gestimmt.“ Darunter aber auch wirtschaftlich erfolgreiche Briten, die „ihre Hypotheken schon abbezahlt haben“. Es sei aktuell eine sehr gemischte Gemengelage im Vereinigten Königreich zu beobachten, so die britische Journalistin.

    „Brexit macht Debatten im Parlament wieder spannend“

    „Ich habe kein Vertrauen in die britische Politik“, bekannte sie auf der Veranstaltung. Einen Vorteil habe der „Brexit“ jedoch auch. Er hat laut ihr den Parlamentarismus der Briten wieder voll belebt.

    „Die Debatten und Abstimmungen im Parlament jetzt sind so aufregend und spannend. Die sind total interessant. Die Redner sind, auch wenn sie frustriert sind, zum Teil sehr eloquent. Sie zitieren Shakespeare. Man hat das Gefühl, die genießen das total. Auch, dass sie im Rampenlicht stehen. Das sieht man auch bei Speaker John Bercow, der ist jetzt der ganzen Welt bekannt. Er genießt diese Rolle.“ Bercow ist seit 2009 Sprecher des britischen Unterhauses (House of Commons).

    Ausblick: Wie wird der „Brexit“ enden?

    „Ich denke, die britische Wirtschaft ist stark genug, um einen ‚Brexit‘ verkraften zu können“, sagte die Britin gegenüber Sputnik. Jedoch fand sie auch mahnende Worte für die Verhandlungsführer auf britischer und EU-Seite.

    „Je länger es dauert, eine für beide Seiten passende Entscheidung zu treffen, desto wahrscheinlicher wird es, dass es zum ‚No-Deal-Brexit‘ kommt. Also zum ungeregelten Austritt. Man wird versuchen, das in den nächsten zwei Wochen zu vermeiden. Die nächste Abstimmung für May ist Mitte Februar. Aber ich habe das Gefühl, da stehen sich zwei Parallel-Universen gegenüber, die nicht kommunizieren können.“ Brüssel verhandle an London vorbei und umgekehrt. „Die reden aneinander vorbei.“

    Kate Connolly: „Exit Brexit: Wie ich Deutsche wurde“, Hanser Literaturverlag, 304 Seiten, 19 Euro, 1. Auflage 2019. Das Buch ist im Handel erhältlich.

    Das Radio-Interview mit Kate Connolly zum Nachhören:

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