00:43 23 April 2019
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    Anti-Nato-Proteste (Archivbild)

    Mehrheit der Deutschen sieht transatlantisches Verhältnis in der Krise – Umfrage

    © AFP 2019 / Justin Tallis
    Gesellschaft
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    Alexander Boos
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    Fast 85 Prozent der Deutschen bewerten das Verhältnis Deutschland-USA als schlecht. Das geht aus einer aktuellen Umfrage im Auftrag der transatlantischen Interessengruppe „Atlantik-Brücke“ hervor. Fast die Hälfte der Befragten sieht in China einen „verlässlicheren Partner“. Auffällig: Über die Hälfte der Ostdeutschen sind gegen Russland-Sanktionen.

    Das Berliner Meinungsforschungsunternehmen „Civey“ hat im Auftrag der „Atlantik-Brücke“ rund 5.000 Personen in Deutschland im November und Dezember 2018 befragt. Die Ergebnisse seien repräsentativ für Wahlberechtigte in Deutschland, so die Ersteller der Umfrage. „Civey“ sei Markt- und Technologieführer für Meinungsdaten.

    „Die 1952 gegründete Atlantik-Brücke hat das Ziel, die Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Europa und Amerika zu vertiefen“, heißt es auf der Website der transatlantischen Interessengruppe. Vorstandsmitglied der Atlantik-Brücke ist unter anderem der CDU-Politiker Norbert Röttgen, der auch im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags sitzt. „Die Umfrage zeigt“, kommentierte er, „dass wir die Bürger von den strategischen Notwendigkeiten eines deutschen Engagements in einer sich radikal verändernden Welt überzeugen müssen.“ Auch Wolfgang Ischinger, Chef der Nato-nahen „Münchner Sicherheitskonferenz“ (MSK), die Mitte Februar erneut tagt, ist Vorstandsmitglied der transatlantischen Gesellschaft.

    Sputnik fasst die Ergebnisse der Umfrage zusammen.

    Deutsch-amerikanisches Verhältnis: Für die Mehrheit „negativ“

    Laut ihr bewerten über 84 Prozent der Befragten das Verhältnis Deutschlands zu den USA als „negativ oder sehr negativ“. Nur rund zehn Prozent würden das deutsch-amerikanische Verhältnis aktuell als „sehr positiv oder eher positiv“ empfinden.

    „Eine deutliche Mehrheit (57,6 Prozent) spricht sich für eine stärkere Distanzierung Deutschlands gegenüber den USA aus“, heißt es in dem Dokument. „Nur 13,1 Prozent wünschen sich eine stärkere Annäherung; 26 Prozent möchten den aktuellen Kurs beibehalten.“

    Die Umfrage unterscheidet die Befragten auch nach Parteipräferenz. Demnach beurteilen fast alle Grünen-Wähler (93,4 Prozent) das deutsch-amerikanische Verhältnis als negativ, bei den SPD-Wählern sind es 91,2 Prozent. CDU/CSU-Wähler beurteilen es zu 87 Prozent als negativ. Über 91 Prozent der Linken und 84 Prozent der FDP-Wähler würden das Verhältnis als negativ einschätzen. Laut der Umfrage wünschen sich nur 2,9 Prozent der SPD-Wähler eine stärkere Annäherung Deutschlands an die USA. „Bei der AfD ist nahezu jede Ansicht ähnlich stark vertreten: 34,4 Prozent sind für eine stärkere Annäherung, 27,6 Prozent für die Beibehaltung des aktuellen Kurses und 34,1 Prozent für eine stärkere Distanzierung.“

    Wem vertrauen Sie mehr: USA oder China?

    Die Ersteller der Umfrage haben davon abgeleitet die Frage nach der Verlässlichkeit des transatlantischen Partners USA gestellt, im Vergleich zum Handelspartner China. Ergebnis: Fast die Hälfte der Befragten (etwa 42 Prozent) sieht in China einen besseren Partner für Deutschland als die USA. Nur 23,1 Prozent vertreten die Ansicht, dass die USA ein verlässlicherer Partner als China seien.

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    „Die Wähler der Linken haben mit 56,3 Prozent das größte Vertrauen in China, das geringste — die Wähler der AfD mit 31,6 Prozent.“

    Ostdeutsche mehrheitlich gegen Russland-Sanktionen

    Auch Einstellungen zu Russland wurden erfragt. So würden sich etwa 55 Prozent der Befragten dafür aussprechen, die Sanktionen entweder unverändert beizubehalten oder sogar zu verschärfen. Was auffällt, ist die eindeutige pro-russische Einstellung der Ostdeutschen.

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    „Ostdeutsche sind mehrheitlich für eine Lockerung der Sanktionen gegen Russland“, heißt es in der Umfrage. „Während sich im Westen nur 36,3 Prozent für eine Lockerung der Sanktionen aussprechen, sind es im Osten 53,5 Prozent.“

    Überwiegende Mehrheit der Deutschen gegen Krieg

    So überrascht es auch nicht, dass etwa 80 Prozent der Befragten gegen ein stärkeres militärisches Engagement Deutschlands im Ausland sind.

    „FDP-Wähler sind mit 24,3 Prozent die stärksten Befürworter eines deutschen militärischen Engagements im Ausland.“ Wähler der Linken seien mit etwa 95 Prozent die deutlichsten Gegner deutscher Kriegseinsätze im Ausland, so die Umfrage.

    Die Nato und das liebe Geld

    Logischerweise sprechen sich die eher kriegsabgeneigten Deutschen mehrheitlich für geringe Verteidigungsausgaben aus. Über die Hälfte der Befragten (etwa 52 Prozent) sei dafür, dass Deutschland nur 1,5 Prozent oder weniger seiner wirtschaftlichen Leistung für Verteidigung ausgibt. Nur knapp ein Drittel (27,9 Prozent) spreche sich für Verteidigungsausgaben in Höhe von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Dies würde dann der Forderung von US-Präsident Donald Trump nahekommen, der seit Amtsantritt wiederholt von den europäischen Nato-Partnern mehr Geld fordert.

    Kurioser Fakt: „Rund drei Viertel der Befragten unterschätzen den Beitrag, den die USA zu den Nato-Ausgaben leisten. Dabei gehen sogar 27,8 Prozent davon aus, dass die USA weniger als 30 Prozent zum Nato-Budget beitragen – die USA tragen tatsächlich ca. 70 Prozent zur Nato bei.“ Diese Fehleinschätzung lasse sich in allen Bildungsgraden, Altersgruppen und politischen Lagern finden.

    Was ist das „größte globale Risiko“?

    Rund ein Drittel (etwa 31 Prozent der Befragten) hält laut der Umfrage die „Strömungen des Rechtspopulismus und Protektionismus“ für den aktuell gefährlichsten globalen Krisenherd. Etwa 18 Prozent sehen die „zunehmende Migration“ als größte Gefahrenquelle für den Weltfrieden. Rund 15 Prozent warnen vor der „politischen Instabilität und Spaltung der EU“, darunter fällt der „Brexit“. Zwölf Prozent der Deutschen fürchten demnach in erster Linie den islamistischen Terrorismus als größte Weltgefahr.

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    Tags:
    Forschung, Umfrage, öffentliche Meinung, Enttäuschung, Transatlantiker, Sanktionen, FDP, SPD, Münchner Sicherheitskonferenz, NATO, CDU, Norbert Röttgen, Ostdeutschland, Russland, USA, Deutschland