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15:44 22 Oktober 2019
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    Brandanschlag auf das Gewerkschaftshaus in Odessa am 2. Mai 2014

    „Zerlegung der Ukraine“ - Überlebender des Odessa-Massakers Oleg Muzyka - EXKLUSIV

    © Sputnik / Denis Petrow
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    Bei dem Brandanschlag auf das Gewerkschaftshaus in Odessa am 2. Mai 2014 kamen 48 Menschen ums Leben, 210 wurden verletzt. Wie durch ein Wunder überlebte Oleg Muzyka. Sein Bruder ist seither schwer behindert. Am Mittwoch stellte Muzyka sein Buch „Ukraine: Fünf Jahre nach Odessa” in Berlin vor - Exklusiv im Sputnik-Interview.

    Am 2. Mai 2014 starben im Gewerkschaftshaus von Odessa dutzende Menschen. Das Gebäude wurde von einem ultranationalistischen Mob mit Molotow-Cocktails in Brand gesteckt. Bei dem Massaker in Odessa starben insgesamt fast 50  Menschen, 210 wurden verletzt. Oleg Muzyka ist einer der wenigen Überlebenden des Anschlags und politischer Aktivist. Zusammen mit dem Ko-Autor Saadi Isakov stellte er am Mittwoch in Berlin sein neues Buch zu dem tragischen Vorfall und zu der Lage in der Ukraine vor.

    Oleg Muzyka stellt in Berlin sein Buch vor: „Ukraine: Fünf Jahre nach Odessa”
    © Sputnik / Paul Linke
    Oleg Muzyka stellt in Berlin sein Buch vor: „Ukraine: Fünf Jahre nach Odessa”

    Ihr neues Buch heißt „Ukraine: Fünf Jahre nach Odessa“. Was hat Sie dazu bewegt dieses Buch zu schreiben?

    Zuerst dachte ich, dass ich mich an alle Ereignisse in diesen fünf Jahren erinnern konnte — die Treffen mit den Abgeordneten, Diskussionen, der Auftritt im Parlament. Als ich dann angefangen habe, das genauer zu analysieren, habe ich verstanden, dass ich mich nur noch wirklich gut an die Ereignisse am 2. Mai 2014 erinnern kann. Ich sehe das alles immer noch gut vor meinen Augen: Die verstorbenen Kollegen, dieser Brand, der Rauch, der Tod. Das Ruhige und Friedliche, was mir danach zustieß, verschwindet allmählich. Dann haben meine Freunde mir geraten, alles woran ich mich noch gut erinnern kann, auf Papier zu bringen. Ich musste nicht lange überlegen, wen ich in dieses Projekt involvieren kann. Und habe mich an meine Freunde gewandt: Saadi Isakov, Frank Schumann, Lilia Bersuch. So hat diese dokumentarische Erzählung das Licht der Welt erblickt.

    Das neue Buch „Ukraine: Fünf Jahre nach Odessa”
    © Foto : Oleg Muzyka
    Das neue Buch „Ukraine: Fünf Jahre nach Odessa”

    Was hat sich in den fünf Jahren ereignet und wie sehen sie die Situation heute, fünf Jahre nach der Katastrophe im Gewerkschaftshaus von Odessa?

    Ich bereue es keinen Tag, dass ich an den Tagen 2014 in Odessa war. Ich habe mit meinen Kollegen, Freunden versucht, meine Stadt vor dem nahenden Nationalismus zu schützen, der heute langsam in Faschismus übergeht. Ich bereue es nicht! Ich bereue nur, dass meine Freunde und Kollegen gestorben sind, aber auch das Gegenlager wurde belogen. Hier bleibt alles beim Alten. Die letzten fünf Jahre hatten für mich persönlich mit dem Durchbrechen der Informationsblockade zu tun. D.h.: Treffen, Debatten, Filme. Ich denke die ganze Zeit darüber nach, lebe damit, schlafe damit ein und wache damit auf, bereite mich vor. Und im Gedenken an meine verstorbenen Freunde werde ich damit nicht aufhören, bis sich die Situation in der Ukraine ändert.

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    Wie ist die Lage heute in Odessa?

    Ich pflege den Kontakt mit meinen Landsleuten. Von außen wirkt die Stadt friedlich. Aber wenn man tiefer hineinblickt, sieht man die Naziaufmärsche in Odessa: Am 14. Oktober, am 2. März 2018, am 1. Januar 2019. Ich spreche oftmals mit Freunden, die oft einen anderen Blick auf das Geschehen in der Ukraine haben. Das sind Blogger. Sie werden vom SBU verhört, ihnen wird Equipment, mit dem sie arbeiten, weggenommen. Die ukrainischen Nationalisten, die sich selbst in Odessa befinden, üben psychischen und physischen Druck auf die Aktivisten aus, die eine andere Meinung haben – schlagen zusammen. Ich weiß das, weil ich den Kontakt zu denen weiterhin pflege.

    Die Menschen, die auf dem „Kulikovo-Pole“ waren — dem Platz, wo die Katastrophe vom 2. Mai ihren Lauf nahm, sind immer noch jeden Sonntag dort — ohne Unterbrechung, bei jedem Wetter, wirklich jeden Sonntag. Auch am 2. Mai kommen die Menschen jedes Jahr dorthin, stehen da und erinnern sich an die Verstorbenen. Es ertönt immer wieder der Satz: „Wir werden es nie vergessen und nie verzeihen“.

    Während die ukrainischen Nationalisten früher versucht haben, diese Bewegung zu unterdrücken — sie dachten, dass sie einen bestimmten Druck auf die alten Damen ausüben können, so wird dieser Bewegung in letzter Zeit nicht mehr so viel Aufmerksamkeit geschenkt. Die Finanzierung lässt nach und es ist einfach nicht mehr interessant für sie, gegen die alten Damen aufzutreten. Wenn die Finanzierung wieder aufgenommen wird, kommen auch sie zurück. Und außerdem stehen Wahlen bevor. Deswegen wollen sie die Situation in Odessa nicht extra anheizen.

    Bei uns sagt man: „Sie sind auf dem Maidan herumgetobt und nun haben sie den Salat“. Wenn ich mich nun nach der Lage in den Arbeitsgemeinschaften von Odessa erkundige und nachfrage: Hatten sie bei ihnen in dem Kollektiv Befürworter der neuen ukrainischen Regierung? Sie antworten mir: Ja, es gab welche 2014, 2015, aber heute gibt es die nicht mehr. Sie toben nicht mehr rum, sie unterstützen nicht, diese Menschen verdammen sogar den Tag, an dem sie den Maidan unterstützt haben.

    Deswegen sieht es in Odessa so aus: Am 8. Mai – das ist ein neuer ukrainischer Feiertag – auf der „Alea Slawy“ in Odessa marschieren 100 bis 200 Leute. Am Tag des Sieges, am 9. Mai kommen 50.000. So sieht die Situation in Odessa derzeit aus. Die Menschen haben zwar Angst, offen mit Protesten auf die Straße zu gehen. Aber in der Seele bleibt Odessa weiterhin eine Heldenstadt des Vaterländischen Krieges.

    Wie sehen die Beziehungen zu Russland aus?

    Bei den Demonstrationen hatten wir eine russische  Flagge. Viele haben uns damals nicht verstanden. Sie nannten uns Separatisten. Wir würden nach Russland wollen. Doch die Flagge hat nur eine Zollunion mit Russland symbolisiert. Für einen europäischen Zuhörer gibt es keinen wirklichen Unterschied in Pro-Russisch und Russisch. Odessa gehört territorial selbstverständlich zur Ukraine. Mental ist sie jedoch eine russische Stadt. Und viele dort haben selbstverständlich gehofft, als sie die nationalistischen Aufmärsche gesehen haben, dass es genauso kommen wird, wie mit der Krim.

    Wenn man den Horror heute sieht, der stattfindet, sagt die erwachsene Generation: Das soll alles schnell enden und Russland soll hier sein. Die junge Generation wird im Geiste des ukrainischen Nationalismus erzogen. So kommt auch diese starke Spaltung zu Stande.

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    Ich habe am Rande mitbekommen, dass es beim Verlegen des Buches Probleme gab. Stimmt das?

    Beim Verlegen gab es keine Probleme. Aber die gab es dafür umso mehr bei der Veröffentlichung und der Präsentation des Buches. Dort gab es Widerstand von ukrainischen Bürgern, die in Deutschland leben. Manchmal bekommen sie auch Unterstützung von den Befürwortern des „liberalen Talks“, von der russischen Seite. Sie versuchen auf unterschiedliche Art und Weise Veranstaltungen zu sabotieren, die zur Präsentation des Buches bestimmt sind.

    Wissen sie, ich versuche mit diesen Leuten zu reden. Ich schreibe ihnen, dass gerade wir sehr erfreut wären, sie zu sehen. Sie können uns Fragen stellen, sie können sich mit mir streiten, aber doch bitte nicht in den Rücken schießen — wie sie das oft tun. Sie üben Druck auf die Veranstaltungsorte aus und meistens sind es ja deutsche. Beispielsweise schreiben sie: Wenn sie den Veranstaltungsort für Muzyka zur Verfügung stellen, werden sie zur fünften Kolonne gezählt und zu den Agenten des Kreml.

    Das sind solche Anschuldigungen, bei denen ein Mensch, der nicht in der Politik steckt, Angst bekommt. Das ist nicht das erste Mal, dass so ein Druck ausgeübt wird. So wurden bereits Filmfestivals abgesagt, die Präsentation eines Films in Potsdam wurde vereitelt, in Dresden wurde im November die Präsentation meines Buches lahmgelegt, die im Endeffekt dann doch stattfand am zweiten Februar 2019. Und ich sage diesen Leuten immer: Je mehr mir Steine in den Weg gelegt werden, desto überzeugter werde ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin, desto stärker werde ich versuchen, meine Pläne zu realisieren. 

    Wie reagiert die ukrainische Botschaft auf ihre Aktionen und ihr Buch?

    Im Oktober wurde eine Veranstaltung vom deutschen Außenministerium und der Böll-Stiftung durchgeführt. Dort war einer der Mitarbeiter des ukrainischen Botschafters in Deutschland, Andrij Melnyk. Ich bin zu ihm hingegangen und habe mich vorgestellt, habe ihm meinen Reisepass gezeigt, habe ihm erzählt, dass ich ein politischer Flüchtling bin und habe ihm von meinem Buch erzählt — von den Ereignissen in Odessa am 2. Mai. Ich habe ihn gefragt, ob ich ihm das Buch schenken dürfte. Und er wollte das Buch nicht annehmen. Das zweite Mal war es in Warschau, im August 2018. Wir waren bei einem großen Forum der OSZE. Dort befand sich eine große ukrainische Delegation. Auch bei diesen Leuten habe ich mich vorgestellt und habe ihnen mein Buch schenken wollen, damit sie auch mal eine andere Meinung hören können. Dieser Mann hat kategorisch abgelehnt. Ich verstehe auch nicht warum. Er hätte das Buch einfach irgendjemandem geben können. Aber, nein, sie wollten es nicht einmal in die Hände nehmen.

    Wie sehen sie nach diesen fünf Jahren die Zukunft der Ukraine?

    Ich bin Politiker — vielleicht nicht ein dermaßen bekannter. Und natürlich mache ich mir große Sorgen über die Zukunft meines Landes. Ich würde gerne das Land, den Staat vereint sehen. Aber die momentane Regierung hat alles dafür getan, um nicht das Land in seinen Grenzen zu erhalten. Die Krim haben wir bereits verloren, der Donbass wird nicht zurückkehren. Deswegen kann man die Zukunft der Ukraine mit der Lage in Jugoslawien vergleichen. Sie wird im Endeffekt zerfallen. Diese Erkenntnis ist bitter. Das ist eine Tragödie für den Staat. Aber diejenigen, die heute an der Macht sind, erfüllen einen Auftrag: Die Zerlegung der Ukraine!

    Das komplette Interview mit Oleg Muzyka zum Nachhören:

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    Tags:
    Brandanschlag, Tragödie, Massaker, Zusammenstöße, Maidan, Odessa, Ukraine