02:30 23 November 2019
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    Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof in St. Petersburg (Archivbild)

    Leningrader Blockade: Unfassbares deutsches Kriegsverbrechen und unermessliches Leid

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    Russische und deutsche Historiker haben sich in Berlin über den Stand der Geschichtsforschung zur Blockade von Leningrad im Zweiten Weltkrieg ausgetauscht. Ein Kolloquium hat sich mit bisher ungeklärten Aspekten, neuen Fragen und auch den Kontroversen der Forschung zu diesem Ereignis beschäftigt.

    Das Leid der Menschen im 1941 bis 1944 insgesamt 900 Tage von der faschistischen deutschen Wehrmacht belagerten Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, ist und bleibt schwer fassbar und ist anscheinend unmöglich zu beschreiben. Für Deutsche ist es schwer, darüber zu reden, gab die Berliner Historikerin Corinna Kuhr-Koroljow bei einem Kolloquium im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst zu.

    „Die Leningrader Blockade in der Diskussion“ war das Thema eines Treffens russischer und deutscher Historiker am Dienstag in dem Berliner Museum, wo am 8. Mai 1945 die deutsche Kapitulation unterzeichnet worden war. Zu den Teilnehmenden gehörte Julia Kantor aus Sankt Petersburg, Historikerin an der Russischen Akademie der Wissenschaften. Sie gab einen Überblick über den aktuellen Stand der Erkenntnisse zur Blockade.

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    Laut Kantor sind mehr als 800.000 Menschen während der 900 Tage Blockade ums Leben gekommen. Es gebe keine sichere Statistik über die Opfer, sagte sie bei dem Kolloquium, nur Schätzungen unter anderem anhand der auf den Friedhöfen der Stadt Begrabenen. Viele der Evakuierten seien später an den Folgen des Hungers während der Blockade gestorben, auch wenn die meisten von jenen, die aus der Stadt rauskamen, gerettet werden konnten.

    „Straße des Lebens“

    Die deutschen Kampfflieger hätten gezielt die Evakuierungs- und Transportkonvois über die „Straße des Lebens“ über den Ladogasee bei Leningrad angegriffen, schilderte sie anhand der Berichte. Der sowjetischen Roten Armee war es gelungen, den Zugang zum See freizuhalten und die deutschen sowie die mit den Faschisten verbündeten finnischen Truppen daran zu hindern, an dieser Stelle die Blockade endgültig zu schließen. So war es möglich, mit Schiffen, die Stadt und die dortigen Fabriken zu versorgen sowie Menschen zu evakuieren. Im Winter wurde dies via Lkw über den vereisten See vorgenommen.

    Prof. Dr. Julia Kantor von der Russeischen Akademi der Wissenschaften, Sankt Petersburg
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    Prof. Dr. Julia Kantor von der Russeischen Akademi der Wissenschaften, Sankt Petersburg

    Die Historikerin berichtete über Erkenntnisse anhand der inzwischen freigegebenen Dokumente des sowjetischen Volkskommissariats des Inneren, des NKWD, über die Lage in der belagerten Stadt. In der Stadt seien vor allem jene Menschen geblieben, die zur Verteidigung notwendig waren oder in den weiterarbeitenden Fabriken beschäftigt waren. Das NKWD habe über Pessimismus in der hungernden Bevölkerung berichtet, aber zu keinem Zeitpunkt sei das die Stimmung der Mehrheit gewesen. Nur ein Anteil von unter zehn Prozent habe sich für die Kapitulation der belagerten Stadt ausgesprochen.

    Einfache Menschen wie Vertreter der Intelligenz hätten Leningrad halten und verteidigen wollen. Dabei sei es ihnen vor allem um die Stadt mit ihren Museen gegangen, weniger um die „Stadt Lenins“. Dafür hätten die Menschen aber einen hohen Preis gezahlt, über den in der Sowjetunion kaum gesprochen worden sei. So sei es in Leningrad verboten gewesen, über die allgegenwärtige Dystrophie, die schwere Krankheit infolge des Hungers, zu sprechen.

    Lange verschwiegenes Leid

    Kantor zeigte Bilder eines an Dystrophie leidenden Mädchens aus der belagerten Stadt. Im Ausland werde sie dazu immer gefragt, ob das Bild aus Auschwitz stamme. Ärzte der Roten Armee konnten mit Hilfe ihrer Erfahrungen aus Leningrad zahlreiche Überlebende des ein Jahr nach der Stadt am 27. Januar 1945 befreiten Vernichtungslagers retten.

    Stattdessen sei das Überleben und die Befreiung der Stadt an der Newa in der Sowjetunion vorrangig als Heldentat dargestellt worden. Erst in den 1980er Jahren gelang es Ales Adamowitsch und Daniil Granin mit den aufgezeichneten Erinnerungen der Überlebenden im „Blockadebuch“ ein Loch in diese Mauer des Schweigens zu schlagen und einen Blick auf das unermessliche Leid der Menschen zu ermöglichen.

    Wladimir Piankewitsch von der Staatlichen Universität Sankt Petersburg gab mit Auszügen aus Tagebuchaufzeichnungen von Menschen, die unter der Blockade litten, auf dem Kolloquium einen kleinen Einblick in das Leid. Diese individuellen Aufzeichnungen seien mehr  als eine Illustration der bekannten Fakten, sondern zeigten vor allem die menschliche Seite des Geschehens. Der Historiker hat sich nach seinen Worten vor allem mit der Frage beschäftigt, wie die Familien in der belagerten Stadt mit dem Schrecken der Blockade umgingen.

    „Einsamkeit war Todesurteil“

    Piankewitsch zitierte erschütternde Aufzeichnungen aus eine „Stadt im prähistorischen Zustand“, wie es eine Frau beschrieben hatte. Es sei nur noch um das nackte Überleben gegangen, woran selbst in vielen Fällen die Bindungen zwischen Eltern und Kindern zerbrachen. Väter und Mütter hätten ihre Kinder verdächtigt, sich mehr von den geringen Lebensmittelzuteilungen genommen zu haben, als ihnen zustand, und hätten diese vor den Kleinen gar versteckt.

    „Einsamkeit war ein Todesurteil“, schilderte der Historiker eine der Lehren aus den vielen Schicksalen. Wer allein lebte oder niemanden mehr hatte, war dem Tod geweiht, weil ihm fehlte, was vielen das Leben rettete: Die Solidarität. „Die Liebe gab die meiste Kraft“, sagte Piankewitsch mit Blick auf Beispiele, bei denen die Familien sich halfen. Das bestätigte in der Diskussion eine Überlebende aus Leningrad. Die Moral und die gegenseitige Hilfe sei das Entscheidende gewesen, um die Blockade überstehen zu können, sagte die heute fast 90-Jährige in Berlin.

    Das sowie den Überlebenswillen der Menschen habe die deutsche Wehrmachtsführung nicht bedacht und erwartet, so die Frau. Was die deutschen Faschisten mit Leningrad vorhatten, schilderte zuvor Jörg Ganzenmüller von der Universität Jena. Es sei von vornherein um die völlige Vernichtung der Stadt gegangen, niemals um eine Kapitulation und spätere Übernahme, so der Historiker, der damit Zitate aus deutschen Dokumenten belegte.

    Geplanter Hungertod vieler Millionen Sowjetmenschen

    Ganzenmüller widersprach der gängigen deutschen Geschichtsschreibung, die gar bis in die späten 1980er Jahre behauptet habe, die Blockade Leningrads sei kein Kriegsverbrechen, sondern eine übliche Folge der Kriegsführung. Er verwies dabei auf deutsche Pläne wie den „Generalplan Ost“, das sowjetische Gebiet bis zur Linie Archangelsk-Astrachan zu erobern und daraus dann die eigenen Truppen und die eigene Bevölkerung zu versorgen. Dafür sei der Tod von bis zu 30 Millionen verhungerten Menschen in der Sowjetunion eingeplant worden.

    Einer dieser Planer sei Herbert Backe gewesen, der die vielen Millionen sowjetischen Menschen als überflüssig ansah und dem Hungertod weihen wollte. Ganzenmüller zufolge zählte zu den Plänen für die „kühl entworfene Hungerpolitik“ gehört, Leningrad und Moskau nicht einzunehmen, sondern zu zerstören und auszulöschen. Die Großstädte im nördlichen Bereich der Sowjetunion hätten als überflüssige Verbraucher der Lebensmittel gegolten, die die Deutschen für den eigenen Verbrauch aus dem Land rauben wollten.

    Im Herbst 1941 sei der Beschluss gefasst worden, Leningrad durch die Blockade auszuhungern. Adolf Hitler habe am 29. September 1941 klargestellt, dass eine Kapitulation und Übernahme nicht in Frage komme, berichtete der Historiker: „Sich aus der Lage der Stadt ergebende Bitten um Übergabe werden abgeschlagen werden. Da das Problem des Verbleibens und der Ernährung der Bevölkerung von uns nicht gelöst werden kann und soll. Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht in diesem Existenzkrieg unsererseits nicht.“

    Nicht absehbare Kriegsverbrechen

    Ein diskutierter Giftgasangriff der Deutschen auf die belagerte Stadt sei vor allem wegen der dafür nicht ausreichend vorhandenen Munition ausgeblieben, sagte Ganzenmüller. Er betonte, dass die Blockade Leningrads ein Teil der deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg war. In der Diskussion tauchte auch die Frage nach den Fehlern der sowjetischen Führung im Umgang mit der Situation auf. Doch zum einen habe niemand erwartet, dass die Deutschen bis Leningrad und Moskau kommen. Zum anderen sei eine solche Blockade nicht vorzubereiten gewesen, erklärten die Historiker.

    Ganzenmüller verwies darauf, dass das sowjetische Verteilungssystem auch im Krieg dem aus der Zeit vorher entsprach. Das habe eine bessere Versorgung für Parteikader und für kriegswichtig erachtete Personen eingeschlossen. Deshalb sei auch entschieden worden, statt Lebensmittel vorrangig Materialien für die weiterarbeitenden Fabriken sowie Waffen für die Verteidigung über den Ladogasee in die Stadt zu bringen, sagte die Petersburger Historikerin Kantor. Sie wolle und könne diejenigen, die darüber entschieden haben, nicht verurteilen, betonte sie.

    Prof. Dr. Jörg Ganzenmüller von der Universität Jena
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    Prof. Dr. Jörg Ganzenmüller von der Universität Jena

    Der deutsche Historiker Ganzenmüller hob hervor, dass die Versorgung der Menschen in der belagerten Stadt bei allen Problemen und allem Leid eine große Leistung gewesen sei. Ein Moskauer Historiker fügte hinzu, dass bei solchen Fragen immer der Kontext der Situation zu beachten sei. So hätten selbst die Soldaten der Roten Armee lange Zeit nur schlecht versorgt werden können.

    Das Kolloquium am historischen Ort in Berlin-Karlshorst beschäftigte sich neben der Lage in Leningrad und dem von den Deutschen besetzten Umland auch mit dem Verhältnis zwischen Armee und Zivilbevölkerung. Ein weiteres Thema war, wie sich die Wahrnehmung der Blockade seit ihrem Ende am 27. Januar 1944 bis heute verändert hat. Zum Abschluss wurde das Buch „Pobratimy“ („Brüderlich verbunden“) vorgestellt, das den Beziehungen der Regionen der Sowjetunion mit den zu Ihnen Evakuierten aus Leningrad gewidmet ist und wofür erstmals sowjetische Dokumente ausgewertet wurden.

    Lektüretipp:

    Ales Adamowitsch, Daniil Granin: „Blockadebuch – Leningrad 1941-1944“, übersetzt von Helmut Ettinger und Ruprecht Willnow 

    Aufbau Verlag 2018. 703 Seiten. ISBN 978-3-351-03735-2. 36 Euro

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    Tags:
    Hungertod, Belagerung, Historiker, Diskussion, Blockade, Kriegsverbrechen, Der Zweite Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, NKWD, Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), Waffen-SS, Rote Armee, Wehrmacht, Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, NSDAP, Adolf Hitler, Josef Stalin, Berlin-Karlshorst, Leningrad, Sowjetunion, UdSSR, Berlin, St. Petersburg, Deutschland, Russland