19:13 20 April 2019
SNA Radio
    Polizei-Absperrung während der Maidan-Proteste (Archiv)

    Schüsse in den Hinterkopf: Wer für die Maidan-Toten verantwortlich ist

    © Sputnik / Andrej Stenin
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Filipp Prokudin
    451615

    20. Februar 2014 – die Zusammenstöße auf dem Kiewer Maidan eskalieren. An diesem Tag schossen unbekannte Scharfschützen auf Demonstranten und Polizisten. Bis heute wird aber alles in die Schuhe von Polizisten und der Spezialeinheit Berkut geschoben.

    Nach fünf Jahren wird die Tragödie immer noch verschwiegen. Sowohl Anhänger als auch Gegner der „Revolution der Würde“ sind sich jedoch in einer Sache einig: Die Kämpfe wurden bewusst provoziert.

    „Friedliche Offensive“

    Am 15. Februar waren die zuvor festgenommenen Demonstranten gegen die Regierung des damaligen Präsidenten Janukowitsch freigelassen worden. Diese Geste des guten Willens wurde als Auftakt aufgefasst. Extremisten drangen erneut in das Gebäude der Kiewer Stadtverwaltung ein, der „Stab des nationalen Widerstandes“ kündigte eine „friedliche Offensive“ auf die Werchowna Rada (Parlament) an.

    Am 18. Februar stieß eine Kolonne der „friedlichen Offensive“ auf Polizeiautos, die zur Absperrung der Schelkowitschnaja-Straße abgestellt waren. Es begannen gewaltsame Auseinandersetzungen. Mitarbeiter des Innenministeriums setzten Schockgranaten und Tränengas ein; die Aktivisten warfen Steine und Molotowcocktails.

    Am selben Tag attackierten Aktivisten die Bürozentrale der regierenden Partei der Regionen in Kiew und setzten sie in Brand. Ein Mitarbeiter des Büros kam dabei ums Leben.

    Am Abend drängten Berkut-Kämpfer und Polizisten die Demonstranten aus dem Regierungsviertel. Gleichzeitig begann die Vertreibung der Aktivisten vom Majdan Nesaleschnosti.

    Auseinandersetzungen während der Maidan-Proteste
    © Sputnik / Alexej Furman
    Auseinandersetzungen während der Maidan-Proteste

    Der Kommandeur der Einheiten des Innenministeriums, Stanislaw Schuljak, berichtete vom Tod von fünf Soldaten. Ihnen allen wurde in den Kopf und Hals geschossen. Später tauchten Informationen über Opfer unter den Demonstranten auf.

    Der Vorsitzende der Werchowna Rada, Wladimir (Volodymyr) Rybak, kündigte ein Treffen des Präsidenten Viktor Janukowitschs mit den Anführern der parlamentarischen Opposition, Arseni Jazenjuk, Vitali Klitschko und Oleg Tjagnibok, an. Dennoch stellte Rybak eine Bedingung: „Verhandlungen sind nur unter der Bedingung der Einstellung der Gewalthandlungen und Provokationen seitens der Protestteilnehmer möglich.“ Für den Tod der Menschen wurden die Oppositionsführer verantwortlich gemacht. Diese wollten ihrerseits, dass das Parlament auf Anweisung der Maidan-Protestierenden abstimmt.

    Jazenjuk rief die Behörden zur Waffenruhe auf. Tjagnibok erklärte, dass freiwillige Kämpfer aus der Westukraine nach Kiew geschickt werden.

    Am 19. Februar eroberten die Aktivisten das Hauptpostamt und das Konservatorium. Das Gewerkschaftshaus wurde in Brand gesetzt, auch in westukrainischen Gebieten wurden staatliche Einrichtungen gewaltsam besetzt. Am Abend traf sich Janukowitsch mit den Oppositionsführern.

    Auseinandersetzungen während der Maidan-Proteste
    © Sputnik / Alexej Furman
    Auseinandersetzungen während der Maidan-Proteste

    Ermittlung in die Länge gezogen

    Der frühe Morgen des 20. Februars begann mit einem aktiven Schusswechsel. Maidan-Aktivisten griffen erneut Polizisten an, denen auf Anordnung des Innenministers Vitali Sachartschenko Waffen zur Anwendung im Rahmen der Polizeigesetze ausgehändigt wurden. Die Frage, wer in den damaligen Tagen auf wen und von welchem Ort geschossen hat, bleibt bis heute die Hauptfrage.

    Im Februar 2015 erklärte die Generalstaatsanwaltschaft der Postmaidan-Ukraine, dass an der Erschießung von Aktivisten angeblich 25 Berkut-Kämpfer sowie andere unbekannte Personen beteiligt gewesen seien.

    In einem Gespräch mit Sputnik legt der Anwalt der Berkut-Kämpfer, Alexander Goroschinski, bewiesene Fakten dar. Der Versuch, die Mitarbeiter des Innenministeriums zur strafrechtlichen Verantwortung zu ziehen, führte nämlich zu einem ganz anderen Ergebnis – es wurde festgestellt, dass die Gewalt von den Aktivisten ausging.

    „In der Nacht auf den 30. November, als es zu dem sogenannten grausamen ‚Verprügeln der Studenten‘ kam, wurden 18 Mitarbeiter des Innenministeriums verletzt. Ich betone, es wurden starke und gut ausgerüstete Kämpfer verletzt. Waren es die Studenten, die sie verprügelten?“, fragt Goroschinski.

    „Nach Stand 1. Dezember 2013 wurden 144 Mitarbeiter des Innenministeriums verletzt, Stand 18. Februar waren es 398, darunter 133 mit Schussverletzungen. Am 19. Februar, dem Tag des sogenannten Waffenstillstands, gab es 14 Verletzte, einen Toten und mehr als 100 Betroffene. Am selben Tag sagte einer der Maidan-Anführer und künftiger Generalstaatsanwalt, Juri Luzenko: ‚Wir werden etwas haben, womit wir uns verteidigen können!‘ In den westlichen Gebieten der Ukraine werden derweilen Polizeiwachen, Gebäude von Militäreinheiten und des Sicherheitsdienstes SBU erobert, in denen Waffen gelagert waren.“

    Am frühen Morgen des 20. Februar wurden 39 Polizisten und Militärs verletzt, vier kamen ums Leben, am Abend desselben Tags gab es bereits 63 Verletzte, wie Goroschinski ergänzt. Jemand schoss kontinuierlich auf die Berkut-Kämpfer, Soldaten und Offiziere der Innentruppen.

    Bei 52 von 54 gemäß Strafverfahren verordneten ballistischen Gutachten sei die Nichtbeteiligung seiner Mandanten an dem Beschuss auf dem Maidan-Platz bestätigt worden, so der Anwalt. „Ja, es gibt Videos, auf denen zu sehen ist, dass jemand in Polizeiuniform schießt. Unklar ist jedoch, wohin sie schießen, ob das Warnschüsse waren und oder Notwehr war“, so Goroschinski. Ihm zufolge wird die Expertise dadurch erschwert, dass viele auf dem Maidan – Polizisten und Demonstranten – mit Geschossen aus Jagdgewehren verletzt wurden. „Schrapnell, Schrot – bei diesen Munitionstypen ist kein ballistisches Gutachten möglich“, so der Rechtsanwalt.

    Polizisten während der Maidan-Proteste
    © Sputnik / Alexej Furman
    Polizisten während der Maidan-Proteste

    Das Verfahren zum Fall der Berkut-Kämpfer werde in die Länge gezogen, weil bei den Ermittlungen Beweismittel gegen die Aktivisten statt Beweise für die Schuld der Polizisten vorgelegt wurden. Dem Anwalt zufolge sind die jetzigen Machthaber an den Ermittlungen nicht interessiert.

    Scharfschützen schossen aus dem Konservatorium

    2016 gab der Extremist Iwan Bubentschik bei Gesprächen mit ukrainischen Journalisten zu, dass er mit einer Maschinenpistole auf Mitarbeiter des Innenministeriums geschossen hätte. Die Aktivisten feuerten aus dem Konservatorium auf die Berkut-Kämpfer. „Ich entschied mich für die Kommandeure. Ich konnte sie nicht hören, sah jedoch ihre Gesten. Die Entfernung war nicht groß, deswegen gab es für zwei Kommandeure nur zwei Schüsse. Man sagt, ich hätte sie mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet, das stimmt. Es ergab sich, dass sie mit dem Rücken zu mir standen. Ich hatte keine Möglichkeit zu warten, bis sie sich umdrehen“, so Bubentschik.

    Opposition-Unterstützer während der Maidan-Proteste
    © Sputnik / Andrej Stenin
    Opposition-Unterstützer während der Maidan-Proteste

    Im Februar 2018 veröffentlichten RIA Novosti und Sputnik ein Interview mit früheren Soldaten der georgischen Armee, die an den Ereignissen auf dem Maidan beteiligt waren. „Am Abend des 19. Februar betraten (einer der „Maidan“-Anführer) Sergej Paschinski und mehrere unbekannte Kerle mit großen Taschen wieder das Hotel („Ukraina“). Sie holten Gewehre und Kalaschnikow-Maschinenpistolen mit Kaliber 7,62-Millimeter heraus. Des Weiteren gab es SWD-Gewehre und ein ausländisches Gewehr“, erzählte einer dieser ehemaligen Soldaten mit den Namen Koba Nergadse.

    Damals stellte der Kommandeur der „georgischen“ Gruppe, Mamuka Mamulaschwili, seinen Scharfschützen die Aufgabe: „Wir müssen Chaos auf dem Maidan auslösen, indem wir auf alle Ziele, auf Protestierende und Polizisten – das ist egal – schießen.“

    Nergadse behauptete, bei dieser Anweisung für die Kämpfer dabei gewesen zu sein. „Anweisungen gab (der frühere US-Militär) Christopher Bryan (Brian Christopher Boyenger) in englischer Sprache, und Mamulaschwili dolmetschte. Die Reihenfolge des Vorgehens wurde so bestimmt: Die Gruppe von Paschinski sollte zum Konservatorium gehen. Sie sollten als erste das Feuer eröffnen. Drei oder vier Minuten hatten die Gruppen zu schießen, die im Hotel ‚Ukraina‘ blieben“, präzisierte Nergadse.

    Alles sei nach Plan verlaufen. Dem Scharfschützen zufolge hörte er am Morgen des 20. Februar Schüsse seitens des Konservatoriums. „Drei oder vier Minuten später eröffnete Mamulaschwilis Gruppe das Feuer aus den Fenstern des Hotels ‚Ukraina‘, aus dem dritten Stockwerk“, erinnerte sich Nergadse.

    „Sie haben alles vermasselt!“

    Wladimir war einer der einfachen „Maidan“-Teilnehmer. Er kam aus einer anderen Stadt nach Kiew, um „gegen die Korruption zu kämpfen“. „Ich persönlich habe weder die Schießenden noch diejenigen gesehen, die von ihnen getroffen wurden, obwohl ich nicht weit weg war. Aber alle wussten, dass Berkut-Soldaten schossen – davon waren wir alle überzeugt. Wir warnten einander, dass wir vorsichtig sein müssen“, erzählte er Sputnik.

    Nach seinen Worten verstand an jenen Tagen kaum jemand, was da eigentlich vorging. Eines war aber sicher: Die Schießerei war eine Provokation seitens der bewaffneten Strukturen. „Die Provokationen begannen mit unserem friedlichen Marsch am 18. Februar. Die ‚Tituschki‘ (junge Männer, die extra für Gewaltaktionen quasi angeheuert wurden) warfen uns Sprengpakete unter die Füße. Man schoss auch aus traumatischen Pistolen auf uns und schrie uns etwas zu. Am 18. Februar um Mittag riefen uns unsere Freunde an, die sich auf der Institutskaja-Straße befanden, und schrien: „Man schießt auf uns, lauf zu uns!“ Ich bin dorthin gelaufen, und plötzlich sehe ich: Da spielte sich eine richtige Schlacht ab – die Jungs warfen schon mit Pflastersteinen um sich. Die Berkut-Soldaten bewarfen sie mit Blendgranaten. Dann gerieten die Bullen endgültig in Rage – und begannen, Schrauben an die Granaten zu heften: Wenn eine Granate explodierte, bekamen alle Splitterverletzungen“, behauptete Wladimir.

    Auseinandersetzungen während der Maidan-Proteste
    © Sputnik / Andrej Stenin
    Auseinandersetzungen während der Maidan-Proteste

    „Woher die Granaten flogen, war unklar. Alle drei Tage – am 18., 19. und 20. Februar – waren vom Gefühl her wie ein einziges Tag: Man rannte auf die Barrikaden, dann aß man schnell ein paar belegte Brötchen; dann wurden noch die Verletzten weggeschleppt. Manche Leute liefen in Sturmmasken herum – es war völlig unklar, wer zu uns gehörte und wer der Gegner war“, erzählte Wladimir weiter. Woher auf die Teilnehmer der Kundgebung geschossen wurde, wusste er nach seinen Worten nicht.

    Ein anderer Mann, der RIA Novosti und Sputnik ein Interview gab, heißt Alexander. Er wechselte auf die Seite des „Euro-Maidans“, als er verstanden hatte, dass die legitimen Behörden keine Chancen mehr hätten. Bis dahin war er außerhalb der ideologischen Streitigkeiten geblieben und half beiden Seiten bei der Organisation von Kundgebungen. „Am 18. Februar wurde Janukowitsch zu einer ‚politischen Leiche‘. Alle Menschen, die an den Kundgebungen für und gegen den ‚Maidan‘ waren, verstanden das – niemand von ihnen unterstützte Janukowitsch. Ich weiß nicht, was da ganz oben vereinbart wurde, aber wir unten waren überzeugt: Janukowitsch ist am Ende. Und schon am 18. Februar begannen die Behörden, unerwünschte Dokumente zu vernichten“, behauptete Alexander.

    „Die Berkut-Soldaten handelten zwar effizient – sie ‚säuberten‘ die Stadtmitte Schritt für Schritt“, erzählte er weiter. „Aber sie bekamen den Befehl, sich zurückzuziehen – und taten sie auch. Und als man auf sie das Feuer eröffnete, liefen sie sofort auseinander. Die Polizisten verstanden nicht, was da los war. Die Berkut-Männer wussten schon, wie man die Situation in Ordnung bringe und gegen die aggressiven Menschenmengen vorgehen könnte. Aber sie waren nicht Spezialisten darin, Scharfschützen zu beseitigen. Auf sie wurde geschossen, und sie schossen wild um sich – da konnte jeder getroffen werden.“

    Alexander bestätigte, dass auf die Polizei und die Teilnehmer der Proteste aus dem Konservatorium und dem Hotel „Ukraina“ geschossen worden war.

    Vitali beteiligte sich an „Anti-Maidan“-Aktionen. Das tat er aus eigener Überzeugung, obwohl es unter den Teilnehmern auch Menschen gab, die von Gegnern der „Revolution der Würde“ einfach „gekauft“ wurden.

    „Seit dieser Zeit hasse ich die Partei der Regionen. All diese Fressen, die jetzt so oft zu sehen sind – Wilkul, Boiko oder sonstwer… Arschlöcher, die alles vermasselt haben!“, schimpfte Vitali.

    Ihm zufolge waren Mitglieder der Bewegung „Einwohner für ein sauberes Kiew“ in die Kreschtschatik-Straße gekommen, um mit den „Maidan“-Teilnehmern zu sprechen. Doch zu Gesprächen kam es nie. „Sie wollten hören, was die ‚Maidan‘-Teilnehmer eigentlich wollten, wurden aber mit Brechstangen angegriffen. Und da spürten diese Bandera-Anhänger, dass sie völlig ungestraft vorgehen konnten. Am 18. Februar erschienen die ‚Maidan‘-Teilnehmer im Lager der ‚Maidan‘-Gegner – und wurden dort deshalb ohne weiteres verprügelt“, erinnert sich Vitali.

    „Und am 20. Februar wurden von der Gruschewski-Straße die ersten Verletzten weggetragen, das waren Soldaten des Innenministeriums mit Schusswunden. Dabei wurden sie nicht einmal getragen, sondern eher weggeschleppt – einfach so, auf dem Asphalt liegend. Die Soldaten hatten alle schwarze Gesichter – weil diese verdammten ‚Maidan‘-Aktivisten Autoreifen angezündet hatten“, erzählte Vitali.

    Mitarbeiter der Spezialeinheit der ukrainischen Milizija Berkut
    © Sputnik / Anderj Stenin
    Mitarbeiter der Spezialeinheit der ukrainischen Milizija "Berkut"

    „Die ‚Anti-Maidan‘-Aktivisten liefen zur U-Bahn-Station ‚Arsenalnaja‘. Ich geriet zunächst in Panik, wollte mich zunächst auf einer mobilen Toilette verstecken, dachte aber auf einmal: Diese Schurken würden mich dort versenken! Und dann lief ich weiter. In der Schelkowitschnaja-Straße rief mir plötzlich jemand zu: „Hey, hast du Feuer?“ Da sah ich Soldaten der Innentruppen. Ich bin kein Raucher und hatte keine Zündhölzer bei mir. Und ich lief weiter… Später kamen diese Jungs in meinen Alpträumen… Jetzt trage ich immer Zündhölzer mit mir – und rauche manchmal“, gab Vitali zu.

    Laut offiziellen Angaben waren bei den Zusammenstößen auf dem Unabhängigkeitsplatz (Maidan) in Kiew 23 Polizeibeamte und 98 Protestierende ums Leben gekommen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Zusammenstöße, Tote, Proteste, Opposition, Scharfschützen, Polizei, Maidan, Ukraine