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    Kurz vor dem Aus: Letzte Ausbildungsstätte für Russisch-Übersetzer in Ostdeutschland

    CC BY-SA 3.0 / MaryG90 / Universität Leipzig
    Gesellschaft
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    Von Paul Linke
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    Die letzte Ausbildungsstätte für Russisch-Dolmetscher und -Übersetzer in den neuen Bundesländern soll geschlossen werden. Dagegen wehren sich die Studenten mit einer Petition: Die Schließung des Fachbereichs Russisch an der Universität Leipzig bedeute einen „Rückschritt in der Völkerverständigung“. Spielen politische Gründe dabei eine Rolle?

    Traditionell war Russisch als Fremdsprache ein wichtiger Bestandteil des ostdeutschen Bildungssystems. Nun verschwindet Russisch allmählich aus den höchsten Bildungseinrichtungen der Republik und steht in den neuen Bundesländern als Übersetzungswissenschaft sogar vor dem kompletten Aus.

    Die Studenten der Universität Leipzig und zukünftige Übersetzer und Dolmetscher mussten vor kurzem erfahren, dass am Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie (IALT) der Sprachschwerpunkt Russisch geschlossen werden soll – „nachdem die für die Lehre nötigen Stellen teils an andere Institute abgewandert sind, teils gestrichen wurden beziehungsweise werden sollen“, teilten die Studierenden des IALT mit. Nun protestieren sie gegen die Pläne mit einer Online-Petition auf der Internet-Seite „Change.org“.

    Die Studenten warnen:

    „Mit der Schließung des Sprachschwerpunkts Russisch am IALT in Leipzig würde der letzte einschlägige Studiengang in den neuen Bundesländern untergehen. Die Schließung bedeutet einen Rückschritt in der Völkerverständigung in Zeiten wirtschaftlichen Aufbruchs und einer außenpolitischen Situation, in der wir uns nicht mehr nur nach Westen orientieren können. (…) In einer Zeit zwischen wirtschaftlichem Aufbruch und politischer Krise wäre eine Schließung die für unsere Gesellschaft falsche Entscheidung“, warnen die künftigen Russisch-Dolmetscher und —Übersetzer.

    Absolventen der Einrichtung wirkten immer wieder auf höchster politischer und diplomatischer Ebene und leisteten einen wichtigen Beitrag für das Fortkommen der Bundesrepublik, betonen die Studenten in der Mitteilung. „Gute Dolmetscher und Übersetzer sind unsichtbar und unterschätzt. Die Folgen dieser Unsichtbarkeit wird die Öffentlichkeit erst zu spüren bekommen, wenn die Streichung Geschichte ist.“

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    „Kleine Brücke in den Beziehungen“

    Russisch für Dolmetscher und Übersetzer wird mittlerweile nur noch an vier Universitäten bundesweit angeboten. Dazu gehört die Universität Leipzig mit ihrem bedrohten Fachbereich, die Universität Heidelberg, die Universität Mainz mit dem Standort Germersheim und die private Universität in München. Das hieße, dass im Osten Deutschlands Russisch für Dolmetscher und Übersetzer dann nicht mehr unterrichtet werde, unterstreicht eine Mitinitiatorin der Online-Petition, Olga Frolova, im Sputnik-Interview.

    „Leipzig, wie wir alle wissen, ist eine Messestadt, wo ganz viele Delegationen aus russischsprachigen Ländern – auch aus Russland – hinkommen. Diese brauchen auf jeden Fall Dolmetscher. Und das wäre viel besser, wenn die Dolmetscher hier vor Ort sind. Es gibt in Leipzig sehr viele Organisationen, die mit Russland zusammenarbeiten“, betont die IALT-Studentin. Russisch als Sprache zusammen mit ihren Trägern – den Dolmetschern und Übersetzern – sei eine „kleine Brücke“ in den Beziehungen zwischen Russland und Deutschland. Diese Brücke werde mit der Schließung Ihres Studiums zerstört, beklagt Frolova. Auch die Nachfrage für Russisch-Übersetzer und —Dolmetscher steige. Das wisse die Studentin aus eigener Erfahrung: „Intec-Messe, Denkmalmesse, Buchmesse, Moskauer Tage – bei all diesen Veranstaltungen in Leipzig braucht man Dolmetscher für die russische Sprache“, so die Studentin.

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    Studenten sind ratlos

    Ihren Aussagen zufolge hat die Universitätsleitung „keine eindeutigen Gründe“ für die drohende Schließung vorgebracht. Zuerst hieß es: „Die Uni hat kein Geld für diese Lehrstelle.“ Doch vor kurzem hätten die betroffenen Studenten erfahren, dass die Universität doch die nötigen finanziellen Mittel hat, um den Fachbereich zu erhalten, für die Russische Sprache jedoch innerhalb des Instituts dieses Geld nicht ausgeben will.

    Auf Nachfrage der Sputnik-Redaktion, welche Gründe für eine mögliche Schließung in Frage kommen könnten, wollte die Leitung des Instituts nicht kommentieren. „Ich kann Ihnen allerdings versichern, dass wir als Institut uns weiterhin dafür einsetzen werden, die traditionsreiche Russischausbildung am IALT zu erhalten“, schrieb der geschäftsführende Direktor des IALT, Prof. Dr. Oliver Czulo.

    Politische Gründe?

    Frolova zufolge glauben einige ihrer Kommilitonen, dass die drohende Schließung mit den Sanktionen gegen Russland zusammenhängt. „Das glaube ich zwar nicht. Die Politik kann hier eine Rolle spielen. Auch das Geld spielt hier eine sehr große Rolle“, findet die Aktivistin.

    Jedenfalls zeigten sich die zukünftigen Dolmetscher und Übersetzer enttäuscht. Sie rufen die Leitung des Instituts und der Universität auf, „sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen und wieder miteinander zu reden“. In ihrem Aufruf fordern sie zudem die Politik auf, „sich über die Bedeutung des Dolmetschens und des Übersetzens für die Gesellschaft zu informieren und entsprechende infrastrukturelle Konsequenzen an der Universität Leipzig abzuleiten“. Bis Mai werde das Rektorat über den betreffenden Antrag entscheiden. Solange kämpfen die Studenten für die russische Sprache, für den „Erhalt des Sprachschwerpunkts Russisch am IALT an der Uni Leipzig“ in einer Online-Petition. Sie rechnen mit jeder Unterstützung.

    Das komplette Interview mit Olga Frolova:

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    Tags:
    Dolmetscher, Universität, Übersetzung, Schließung, Ausbildung, Leipzig, Deutschland, Russland