03:32 26 Januar 2020
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    Die sowjetische Fotografin Olga Lander hielt im Zweiten Weltkrieg weltbekannte Szenen für die Nachwelt fest. Dabei lichtete sie Pilotinnen, Flieger, aber auch alltägliche Familienporträts ab. „Olga Lander war eine außergewöhnliche Frau“, erklärte eine russische Historikerin am Dienstag im Berliner Deutsch-Russischen Museum. Sputnik war vor Ort.

    Ungefähr 200 sowjetische Fotokorrespondenten durften Bilder von der Front im Zweiten Weltkrieg machen. Darunter nur fünf Frauen und Olga Lander (1909 – 1996) ist wohl die Bekannteste von ihnen. Ihre Fotografien zählen bis heute zum russischen Kulturgut. Am Dienstagabend versuchten russische und deutsche Historikerinnen die historische Figur Lander in einem Bilder-Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion im Deutsch-Russischen Museum in Berlin zu entschlüsseln. Darunter die russischen Forscherinnen Irina Tschepanova und Marina Tschertilina, Professorin Beate Fieseler von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie Margot Blank, Vize-Direktorin des Deutsch-Russischen Museums.

    „Es dreht sich heute um die Ausstellung über Olga Lander, die wir hier aktuell zeigen“, sagte die stellvertretende Museumsdirektorin am Dienstag vor Ort gegenüber Sputnik. Die Ausstellung über Kriegsfotoreporterin Olga Lander und deren Fotografien ist noch bis Sonntag im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst zu bewundern. Die Fotos habe Lander „als Kriegsfotografin ab 1943 gemacht hat. Aber es ging heute Abend vor allem um den Zusammenhang von Bildung, Zugang zu Bildungsmöglichkeiten und Berufstätigkeit von Frauen in der jungen Sowjetunion der 20er und 30er Jahren und während der Kriegszeit.“

    Die spannende Frage, die noch heute Historiker beschäftigt, sei, inwieweit der damalige „Kriegszustand als Katalysator (Beschleuniger, Anm. d. Red.) im Sinne der gleichberechtigten Rolle von Frauen gewirkt hat.“

    Über 800.000 Sowjetbürgerinnen waren beteiligt am „Großen Vaterländischen Krieg“, so nennen die Russen noch heute den Krieg Nazideutschlands gegen die Sowjetunion. „Frauen haben einen großen Anteil am Krieg gehabt“, betonte Blank. „Sowohl hinter der Front als auch an der Front wie im Hinterland. In keiner anderen Armee sind Frauen als Kombattantinnen am Krieg beteiligt gewesen. Das war eine einzigartige Stellung von Frauen innerhalb der Roten Armee.“

    Foto einer Kampf-Pilotin: Die sowjetische Kriegsfotografin Olga Lander lichtete sehr viele Flugszenen, Piloten und Pilotinnen ab während des Zweiten Weltkriegs
    © Sputnik / Alexander Boos
    Foto einer Kampf-Pilotin: Die sowjetische Kriegsfotografin Olga Lander lichtete sehr viele Flugszenen, Piloten und Pilotinnen ab während des Zweiten Weltkriegs

    Der überwiegende Teil der Rotarmistinnen – etwa eine halbe Million Frauen – habe im Sanitätsdienst gearbeitet. Dennoch waren nicht wenige sowjetische Frauen an der Front im Einsatz. Darunter die bis heute weltberühmte Fotojournalistin Olga Alexandrowna Lander. 

    Beeindruckende Kriegsbilder: Pilotinnen und Frauen in der Roten Armee

    „Ich bin sehr froh über die im Deutsch-Russischen Museum gezeigte Olga-Lander-Ausstellung, denn wir haben sehr viel und engagiert daran gearbeitet“, lobte Marina Tschertilina, Mitarbeiterin des „Russischen Staatsarchivs für Kino- und Fotodokumente“ in Krasnogosrk.

    „Ohne Zweifel ist Olga Lander in erster Linie eine Front-Bildkorrespondentin. Ihre Bilder von der Front sind nicht nur in Russland, sondern auch außerhalb Russlands gut bekannt. Sie werden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt.“ Die meisten dieser Fotografien schoss Lander im Auftrag der 1925 gegründeten Moskauer Zeitung „Komsomolskaja Prawda“.

    Einige dieser weltbekannten Fotos brachte Irina Tschepanova vom „Zentralen Museum der Streitkräfte“ in Moskau den Gästen näher.

    Porträt-Fotografien der Fliegerin und Segelflieger-Ausbilderin Olga Klepikowa
    © Sputnik / Alexander Boos
    Porträt-Fotografien der Fliegerin und Segelflieger-Ausbilderin Olga Klepikowa

    Zeigend beschrieb sie Porträt-Fotografien der Fliegerin und Segelflieger-Ausbilderin Olga Klepikowa. „Sie hat eine sehr interessante Biografie. Ihre Anfänge hat sie als Dreherin und Fräserin gemeistert, später absolvierte sie in Moskau an einer Pilotenschule eine Ausbildung als Pilotin. Sie war Rekordhalterin und hatte einen Rekord im Segelflugsport aufgestellt.“

    „Das ist ein besonderes Bild einer besonderen weiblichen Gruppe des zentralen Luftfahrtclubs.“ Sie stellte die Frauen von links nach rechts vor.
    © Sputnik / Alexander Boos
    „Das ist ein besonderes Bild einer besonderen weiblichen Gruppe des zentralen Luftfahrtclubs.“ Sie stellte die Frauen von links nach rechts vor.

    „Ina Komarowa. Leider ist es mir nicht gelungen, mehr über ihr weiteres Schicksal zu erfahren. Neben ihr steht Raissa Beljaewa, eine der Ausbilderinnen und Pilotinnen, die ab Oktober 1941 am Krieg mitgewirkt hatten. Sie gehörte dem gemischten Jagdflieger-Regiment 586 an. 1943 ist sie im Krieg umgekommen. Die dritte ist Maria Kolotinena, eine der berühmtesten sowjetischen Ausbilderinnen. Jewgenia Prochorowa war ebenfalls eine Kommandantin der Flugstaffel 586, sie fiel 1942 im Krieg. Valeria Chomjakowa absolvierte zunächst ein chemisch-technisches Studium, bevor sie Ausbilderin für Piloten wurde. Sie schoss bei einer nächtlichen Stadt einen deutschen Jagdbomber ab, im Oktober 1942 fiel sie.“ 

    Die Recherche über Olga Lander habe sie sehr begeistert, so die russische Forscherin Tschepanova. „Zu sehen, welche Rolle sowjetische Frauen im Krieg spielten, das war beeindruckend“, erklärte sie abschließend.

    Ein Leben für die Fotografie

    „Olga Lander hat ein langes Leben gelebt, das sie der Fotografie gewidmet hat“, erklärte Kollegin Tschertilina. „Das habe auch damit zu tun, dass ihr Vater ein privates Foto-Atelier betrieb. Die junge Olga war von frühen Tagen an von der Fotografie fasziniert. Leider ist über ihr Wirken nach dem Krieg recht wenig bekannt gewesen. Grundsätzlich war es eine große Herausforderung, über ihr Leben zu recherchieren.“

    Fotoaufnahme zweier sowjetischer Flieger
    © Sputnik / Alexander Boos
    Fotoaufnahme zweier sowjetischer Flieger

    Nach Kriegsende kehrte Olga Lander nach Moskau zurück. „Man möchte meinen, dass eine große Zukunft vor ihr liegen würde. Aber leider ist das nicht passiert, obwohl sie eine großartige Fotojournalistin war. Sie konnte sehr lange keine Einstellung finden. Es war so, dass in jener Zeit der Kampf der KPdSU, der sowjetischen Staatsführung, gegen den Kosmopolitismus begann. Olga Lander war jüdischer Herkunft, ihr wurden Sympathien für kosmopolitische Ansätze nachgesagt. Diese wiederum wurden als verdeckte ‚imperialistische Eroberungsstrategien des kapitalistischen Westens‘ von der UdSSR betrachtet.“ Dies sei einer der Gründe für den Knick in der Karriere der herausragenden Kriegsfotoreporterin gewesen.

    Russland-Reisen für die „Sowetskaja Rossija“

    Anfang der 50er Jahre veränderte sich jeodch das politische Klima in der Sowjetunion und Lander begann ihre neue Tätigkeit als Presse-Fotografin für die sowjetische Zeitung „Sowetskaja Rossija“ („Sowjet-Russland“). Diese erschien dreimal wöchentlich und diente bis 1966 als Organ des Zentralkomitees (ZK) der KPdSU.

    „Olga Lander war bis 1974 bei dieser Zeitung angestellt. Dabei hat sie unser riesiges Land bereist. Ihre Dienstreisen führte sie an die kuriosesten Orte: Das Gebiet um Nowgorod, Sibirien, Tschetschenien oder Inguschetien, um nur einige wenige Ziele zu nennen.“

    Das sowjetische Frauen-Bild

    „Olga Lander war eine bedeutende Fotografin, eine herausragende wie ungewöhnliche Frau“, sagte Geschichtswissenschaftlerin Fieseler. „Die Foto-Reporterin verließ die Rote Armee ausgezeichnet mit hohen Orden und Auszeichnungen.“ Darunter beispielsweise der „Orden des Roten Sterns“. Zur Zeit Landers habe sich die Rolle der sowjetischen Frau „stark geändert“, erinnerte die Düsseldorfer Osteuropa-Historikerin.

    Bilder von der Front: Frauen in Roter Armee
    © Sputnik / Alexander Boos
    Bilder von der Front: Frauen in Roter Armee

    „Mitte der 30er Jahre erklärt die Sowjetunion das Ziel der Frauenemanzipation für erreicht. Die ‚Neue Sowjet-Frau‘ wird fortan zu einem der wichtigsten Symbole für die Modernität und Leistungsfähigkeit der UdSSR, sie soll die staatliche Politik nach innen legitimieren. Viele Frauen, vor allem die jüngeren, städtischen, gebildeten Frauen fanden diese Transformation unbestreitbar als Aufbruch.“ Sie befürworteten laut Fieseler mehrheitlich diese Änderungen. 

    „Die Liberalisierung der Frauen stieß in der Sowjetunion aber nicht bei allen sowjetischen Frauen auf Gegenliebe“, betonte sie. „Insbesondere Bäuerinnen oder einfache Arbeiterinnen vom Land hatten Angst, dass die Familie als Hort der informellen Macht der Frau an Bedeutung verlieren könnte.“ Dazu kommentierte ihre russische Kollegin Tschertilina: „Der Zweite Weltkrieg war in der Tat ein Katalysator für die Stärkung der Frauenrechte in der Sowjetunion. Wenn auch ein Katalysator in der Not.“

    Das Radio-Interview mit Margot Blank (Deutsch-Russisches Museum) zum Nachhören:

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    Ausstellung, Soldaten, Frauen, Fotograf, Zweiter Weltkrieg, Deutschland, UdSSR